„Der Fall Furtwängler“

Charles Brauer und Manfred Zapatka in der Inszenierung von Fred Berndt

von Frank Becker

 „Der Fall Furtwängler“
mit Charles Brauer und Manfred Zapatka
 
Gastspiel des Euro-Studio Landgraf
in der Stadthalle Hilden
 
Als Deutschland nach 12 Jahren Nazi-Herrschaft und nationalem Wahn in Trümmern lag, machten sich die Sieger daran, die Verantwortlichen zu finden und die Schuldigen zu richten. Vor einen militärischen Untersuchungsausschuss der US-Zone wird auch Wilhelm Furtwängler (Charles Brauer) zitiert, der Weltstar am Pult der Berliner Philharmoniker. Ihm, der von den NS-Größen hofiert und zum Bannerträger deutscher Kultur im Drit­ten Reich gemacht wurde, wird vorgeworfen, durch sein Arrangement mit den Mächtigen mitschuldig geworden zu sein. Ermittler Major Arnold (Manfred Zapatka) konzentriert sich auf die Frage, warum der angesehene Künstler nicht wie seine Kollegen, etwa Otto Klemperer und Erich Kleiber, das Land verlassen hat, sondern blieb und durch sein Wirken im Dunstkreis der Brandstifter diesen zu Anse­hen verhalf. Ist das Bleiben schon Schuld, hat sich Furtwängler dadurch in den Dienst  brutaler Obrigkeit gestellt und nicht in den der unpolitischen großen Kunst, wie er für sich reklamiert?
 
Ronald Harwoods Stück um die Vernehmung Furtwänglers ist ein brillanter Schlagabtausch, in dessen Ver­lauf beide Kontrahenten auf dogmatischen Positionen verhar­ren, weder in der Lage noch willens, Einsicht in die Gedankenwelt des Gegenübers zu neh­men. Zugleich stehen beide, der eine in intellektueller Selbstgerechtigkeit, der andere in bornierter Vorverurteilung, im Zwie­licht. Ein Sieger kann aus diesem Duell nicht hervorgehen. Die hinreißende Verkörperung der in jeder Hinsicht ungleichen Gegner, zu der hier zwei großartige Schauspieler angetreten sind, setzt Marken. Brauer als Furtwängler zeigt standfest und starrköpfig einen tief gekränk­ten und gedemütigten, jedoch ungebrochenen und auch unbelehrbaren Intellektuellen. Ei­nen Mann von vornehmer Haltung und Ge­sinnung. Zapatka gibt den US-Major von kurzsichtigem Haß zerfressen. Sein Steve Arnold, für die Aufgabe wegen fehlen­der intellektueller Belastung ausgesucht, gerät letzten Endes ins gleiche häßliche Zwielicht wie der Mann, den er zerstören will. Alexander Muheim zeigte Qualitäten als 2. Geiger Helmut Rode, Verkörperung des Verführbaren, des bedingungslosen Opportunisten, der sich für aufrecht und ehrlich hält und in jedem Strom mitschwimmt, wenn er nur die Strömung erkennt. Die üb­rigen Rollen blieben margi­nal, wobei Jan Becker als Leutnant Wills und Antipode Zapatkas eine wichtige Funktion gut erfüllte. „Partei ergreifen (Taking Sides)“ heißt das Stück im Original. Man konnte es schließlich weder so noch so - und das war wohl auch das Ziel der Inszenierung von Fred Berndt.
 
Frank Becker, 26.4.04