„Die Religion ist eine Festung“

Ein atemberaubender Abend: Arthur Millers „Hexenjagd“ im WTT

von Frank Becker

Männergesellschaft - Ensemble - Foto © Joachim Schmitz

„Die Religion ist eine Festung“
 
Ein atemberaubender Abend:
Arthur Millers „Hexenjagd“ im WTT
 
Regie: Jens Kalkhorst – Bühne: Rüdiger Tepel – Maske: Sandra KremerRegieassistenz: Jaqueline Schumann, Israa Habasch
Besetzung: Ralf Poniewas (Reverend Parris) - Stina Schnickmann (Betty Parris) - Nicole Sieper (Tituba) - Svenja Dee (Abigail Williams) - Lisa-Marlen Flohr (Susanna Walcott) - Stephanie Spichala (Mrs. Ann Putnam) - Maurice Kaeber (Thomas Putnam) - Romina Pampuch (Mercy Lewis) - Stefanie Gindler (Mary Warren) - Dennis Ellerbrake (John Proctor) - Doris Hartmann (Rebecca Nurse) - Klaus Lemanczyk (Giles Corey) - David Meister (Reverend John Hale) - Miriam Kalkreuth (Elizabeth Proctor) - Herribert Börnichen (Francis Nurse) - Moritz Heiermann (Ezekiel Cheever & Marshal Herrick) - Moritz Stursberg (Richter Hathorne) - Patrick Schiefer (Danforth)
 
Beeindruckendes Protokoll einer gesteuerten Massenhysterie
 
Als der amerikanische Dramatiker Arthur Miller 1952 sein Theaterstück „The Crucible“ (Die Feuerprobe) unter dem Eindruck der Kommunistenverfolgung durch den Republikanischen Senator Joseph McCarthy schrieb, griff er auf historische Vorgänge zurück.
Ende des 17. Jahrhunderts war eine hysterische Hexenprozeß-Welle durch viele Gemeinden der englisch-puritanisch besiedelten Ostküste Nordamerikas geschwappt. Auch in der Stadt Salem/Massachusetts kam es 1692 zu einer unerbittlichen Jagd auf vermeintliche Hexen, als Pastor Parris eines Nachts entdeckt, wie seine Tochter Betty, seine Nichte Abigail und andere junge Mädchen zusammen mit der Sklavin Tituba im Wald nackt seltsame Tänze aufführen. Am nächsten Morgen ist seine Tochter in einem sonderbaren Zustand und nicht ansprechbar. Für die Puritaner Salems gibt es nur eine Erklärung: Der Teufel muß im Spiel sein. Als der „Hexenspezialist“ Pastor Hale in der Kleinstadt erscheint, um die Sache zu untersuchen, greift ein regelrechter Hexenwahn um sich.
Die Mädchen bekommen jetzt, da sie anfangen, wahllos Menschen des Dorfes der Hexerei zu beschuldigen, ungeahnte Aufmerksamkeit. Je länger sie ihr Handeln weitertreiben, umso mehr steigern sie sich selbst in ihre Visionen hinein. Nach und nach beginnen sie, fast das ganze Dorf der Hexerei zu beschuldigen. Ein Gericht – natürlich aus Männern - wird gebildet. Nur diejenigen werden begnadigt, die eingestehen, vom Teufel besessen zu sein. Wer standhaft leugnet, sich nicht durch Lügen dem Strang entzieht, wird hingerichtet.
 
Von der Hybris, sich göttliches Recht anzumaßen
 
Jens Kalkhorst hat ein großes – und sagen wir es gleich - großartiges Ensemble aufgeboten, um diesen gewaltigen Stoff umzusetzen. In Perfektion verschmelzen unerhört starke Einzelleistungen zu einem dramatischen Ganzen, das den Atem nimmt. Keine Minute ist verschenkt, nichts fehlt, nichts stört. Und nichts lenkt von den Akteuren ab, denn die Bühne (Rüdiger Tepel), in die Mitte zweier Zuschauerränge gerückt, ist ebenso schlicht wie die unauffällige schwarz/weiß gehaltene Kleidung aller Akteure, abgesehen von Abigail, deren dezent rotes Unterhemd als Feuermal aus der weißen Bluse schimmert. Die einem Gerichtssaal ähnliche Anordnung der Sitzreihen macht das Publikum zu Geschworenen, die einer dramatischen Beweisaufnahme folgen, während die Urteile bereits festzustehen scheinen. Ohnmächtig erlebt der Zuschauer den Irrsinn religiös verbrämter Rechtsprechung, bei der sich Männer anmaßen, das zweifelhafte „Recht Gottes“ zu vertreten, eine Religion über das Menschenrecht und über Menschenleben zu stellen, Wahrheit zur Lüge und Lüge zur Wahrheit zu erklären.
Denn für Anklage und Gericht steht in schrecklicher „Logik“ von vornherein fest: Wer mit dem Teufel im Bund ist, ist schuldig.
 
Großartiges Ensemble
 
Denen, die Beschuldigungen aussprechen, die behaupten zu wissen, wer besessen, mit dem Teufel im Bunde oder gar der Teufel selbst zu sein, stehen mit ihrer Denunziation Tür und Tor für ihre Ziele offen: Machthunger (Ralf Poniewas glänzt als bigotter Reverend Parris), Habgier (Maurice Kaeber gibt den fiesen Eiferer, der es auf den Besitz anderer abgesehen hat), Geilheit (Svenja Dee als Abigail Williams, die das Feuer der Hysterie schürt und ihre Nebenbuhlerin Elizabeth tot sehen will, um deren Mann für sich zu haben). Man sieht: in einer von einer Religion oder Ideologie  regierten Welt ist es leicht, einen Mißliebigen durch Denunziation zu vernichten. Angst und Intoleranz, Religiöse Verblendung und Massenwahn äußern sich in der gnadenlosen Unterdrückung und Vernichtung Andersdenkender.


Zwischen Liebe u. Leidenschaft - v.l.: Miriam Kalkreuth, Dennis Ellerbrake, Svenja Dee - Foto © J. Schmitz

Und als auch Pastor Hale (David Meister zeigt eine brillante Leistung als vom unerschütterlichen Glaubensverfechter zum erkennenden Zweifler Gewandelter) endlich zu begreifen beginnt, daß die Mädchen ein hysterisches Lügengebäude aufgebaut haben, ist es für viele Opfer bereits zu spät. Richter Danforth (dämonisch gut: Patrick Schiefer) und Richter Hathorne (fanatisch diensteifrig: Moritz Stursberg) üben ihr Regiment des Schreckens und der Manipulation ohne Rücksicht oder Einsicht „gottgefällig“ aus.Dem schließt sich, ins neuen Amt des gerichtsdieners gehoben, willfährig auch Ezekiel Sheever (Moritz Heiermann) an.
Sie lassen sich auch von der Aussage der angstbebenden Mary Warren (Stefanie Gindler ist in dieser verzweifelten Rolle eine Offenbarung), die den Schwindel entlarven will, nicht vom gewählten Weg der Verurteilung abbringen. Auch die schwangere Elizabeth Proctor (tief berührend: Miriam Kalkreuth) wird nicht verschont.
Der wie alle Angeklagten unschuldige John Proctor (unerhört stark in seiner Darstellung des im Dilemma, sich für die Lüge entscheiden zu müssen, um leben zu können, zwischen Liebe, Religion und Wahrheit Zerrissenen: Dennis Ellerbrake) gibt wie die biedere Hebamme Rebecca Nurse (Doris Hartmann) oder der wehrhafte Landbesitzer Giles Corey (Klaus Lemanczyk) und viele weitere wahllos Beschuldigte nicht die Wahrheit preis. Alle müssen sterben.


v.l.: Dennis Ellerbrake, David Meister, Patrick Schiefer, Ralf Poniewas, Svenja Dee - Foto © Joachim Schmitz
 
Ein Zug, der offenbar nicht aufzuhalten ist
 
Viele solcher entsetzlicher religiös und politisch begründeter Pogrome ziehen sich bis heute durch die Geschichte: die Christenverfolgung in Rom – die spanische Inquisition – der deutsche Hexenhammer – der Hexenwahn von Salem/Mass. – die Genozide der Belgier, Engländer und Deutschen in Afrika – der Völkermord durch die Türken an den Armeniern – die Ermordung der Juden und Zigeuner im 3. Reich - die neue Christenverfolgung und der Allmachtswahn des „modernen“ Islam in islamisch regierten Staaten rund um die Welt. Der Wahnsinn nimmt kein Ende. Vor allem weibliche Gäste der Premiere sahen die erschreckende aktuelle Parallele zur Unterdrückung der Frau im Islam und zu dessen Unduldsamkeit, ohne daß diese in der Inszenierung verbalisiert worden wäre.
 
Der Musenkuß für Ensemble und Inszenierung
 
Die intelligente Inszenierung lebt neben dem blutvollen Ensemble auch von den raffiniert angelegten Wendungen, die den Zuschauer über mehr als zweieinhalb packende Stunden in immer neue Wechselbäder der Gefühle, des Mitleidens, der Sorge stürzen. Hier wird ein Abend von Rang, mitreißendes Theater in bester Qualität geboten. Von mir die Empfehlung, dieses Stück nicht zu versäumen - und Regie und Ensemble dafür unser Prädikat, den Musenkuß.
 
Gesamtdauer 165 Minuten, eine Pause
 
Weitere Informationen: www.taltontheater.de/