Friedrich Wolf und Bert Brecht eine streitbare Gemeinsamkeit

Friedrich Wolf-Kulturtage 2002 in Remscheid

von Frank Becker

Friedrich Wolf-Kulturtage 2002 in Remscheid
 
Friedrich Wolf und Bert Brecht –
eine streitbare Gemeinsamkeit
 
Eine Lesung mit Renate Richter und Manfred Wekwerth,
Lieder gesungen von Ines Muschka und Renate Richter, am Klavier: Syman
 
Der Sprachästhet und Lyriker stand neben dem Theatertheoretiker und Bildungspolitiker Friedrich Wolf im Vordergrund einer Lesung mit dem Brecht-Schüler, Regisseur und früheren Spitzenkulturfunktionär der DDR, Prof. Dr. Manfred Wekwerth und seiner Frau, der Schauspielerin Renate Richter. Am Klavier begleitete Syman, der Wolf-Texte neu vertont hat, seine Frau Ines Muschka trug zwei der Lieder vor. Ein willkommenes „Nebenprodukt“ der von Wekwerth z.Zt. am WTT einstudierten Uraufführung seines Stückes „Celestina“, in dem Renate Richter die Titelrolle spielt und für das Syman die Musik geschrieben hat.
Mit einem Nachruf zu beginnen, ist ein eleganter Einstig, so stand jener der Brecht-Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann auf Wolf nach dem Lied „Herzensverstand“ ganz am Anfang der szenischen Lesung. Wolfs blitzgescheiter, brillanter Text über die Sprachkultur der Bühne und die Sprache des Schauspielers als Buhle seiner Eitelkeit am Beispiel Alexander Moissis „Vom Untergang der Sprache“ ist ein amüsanter, geschliffener Exkurs. Von pointiertem Witz wahr und gültig bis auf den Tag zeigt er eine unverstellte Sicht auf den Rang der deutschen Sprache und ihres Wertes. Damit und mit dem Briefwechsel zwischen Brecht und Wolf über wechselseitig falsch geschriebene Namen erheiterten Richter und Wekwerth das Publikum der Friedrich-Wolf-Tage. Aus der Sicht von heute ungewollt heiter auch die gemeinsamen Bemühungen Wolfs und Brechts, den Eingang von Literatur in die Grundschulen zu fördern. In einem Brief an die Akademie der Künste, deren Präsidentschaft Wekwerth später bis zum Fall der DDR inne hatte, schlagen sie Rückert, Goethe, Karl Kraus, Hölderlin, Gerhart Hauptmann, Brecht (!) und das Kommunistische Manifest neben Flaubert, Balzac, Stendal, Sophokles, Aischylos, Euripides, Homer und Virgil als Lektüre vor. Angesichts der Ergebnisse der Pisa-Studie war das vor über 50 Jahren ein weitsichtiges Unterfangen.
Ernst und ganz im Sinne Wolfs endete das Programm mit einem aufrüttelnden Text über den § 218 des Strafgesetzbuches, gegen dessen die Selbstbestimmung der Frauen unterdrückende und soziale Katastrophen heraufbeschwörende Auslegung der Arzt Friedrich Wolf zeitlebens gekämpft hatte. Renate Richters beindruckende Interpretation eines Liedes von Brecht/Eisler zum Thema hinterließ Nachdenklichkeit.
 
Frank Becker, 13.10.02