Ein durch und durch ehrenwerter Film, der Bewunderung verdient

„Dunkirk“ von Christopher Nolan

von Renate Wagner

Dunkirk
(Frankreich, GB, USA 2017)

Regie: Christopher Nolan
Mit: Tom Hardy, Mark Rylance, Kenneth Branagh, Cillian Murphy, Tom Glynn-Carney, Barry Keoghan, Fionn Whitehead u.a.
 
Wenn der Filmtitel in der deutschen Übersetzung „Dünkirchen“ hieße, könnte man sich hierzulande vielleicht mehr vorstellen. Unter den Tragödien des Zweiten Weltkriegs hat diese einige Bekanntheit erreicht. Dünkirchen, etwas nördlich von Calais, knapp an der belgischen Grenze, war jener Ort, wo die alliierten Truppen 1940 über den engen Kanal übersetzt hatten, um sich den Deutschen bei ihrem Eroberungsfeldzug entgegenzustellen. Diese rollten mit gewaltiger Panzermacht auf die vereinigt britisch / französisch / belgisch / kanadischen Gruppen zu, und nach Meinung mancher Historiker hat Hitler einen sicheren Sieg verspielt, als er seine Panzer stoppte, weil er meinte, es würde reichen, die zwischen seinen Truppen und dem Meer Eingeschlossenen einfach zusammenzubomben.
Interessanterweise hat eben ein Film, wenn auch auf anderer Ebene und quasi auf Umwegen, die legendäre „Rettung“ der Truppen Ende Mai, Anfang Juni 1940 thematisiert, wenngleich es in dem englischen Film „Ihre beste Stunde – Drehbuch einer Heldin“ (kürzlich im Kino) darum ging, wie man die Heldentat von Dünkirchen am wirkungsvollsten auf die damaligen britischen Kino-Leinwände bringen konnte.
 
Nun, der britische, in den USA vor allem mit seinen dunklen „Batman“-Versionen erfolgreiche Regisseur Christopher Nolan hat sicher nicht den in den Augen der Zuschauer wirkungsvollsten Film gemacht (es sei denn, man sei ein unbedingter Kren auf Kriegsfilme), wohl aber einen so verantwortungsvollen, daß die englischsprachige Kritik aus dem Jubel nicht herauskam. Obwohl – oder weil! – er die üblichen dramaturgischen Kunststücke des Genres (und die Amerikaner waren einst Meister dieser Art von Filmen, samt tremoliernd menschelnder Elemente) einfach wegläßt.
Nolan erzählt die Geschichte ausschließlich aus der Perspektive der Eingeschlossenen, die es zu retten, also über den Kanal zu bringen gilt (der dort viel zu eng war, als daß die Briten ein Kriegschiff hätten schicken können). Man weiß, was geschehen ist, worin diese „Operation Dynamo“, wie man sie nannte, letztendlich bestand – zahllose Boote machten sich von England her auf, die Soldaten hinüber zu holen. Einige britische Flieger stellten sich den dauernden deutschen Flugangriffen entgegen. Und am Strand von Dünkirchen warteten die einfachen Soldaten auf ihre Rettung – oder nicht.
Man sieht die Soldaten zu Wasser, in der Luft, auf der Erde, aber es gibt keine „Gegner“, die Deutschen sitzen gesichtslos in den Flugzeugen, was etwa in Berlin beschlossen wurde (und was den Film auf konventionelle Weise „spannend“ gemacht hätte), interessiert Nolan nicht. Er läßt auch ganz wenige Schicksale hervortreten, Dialoge spielen nur eine geringe Rolle, meist untermalt Hans Zimmer (Deutschlands erfolgreichster Musiker in Hollywood) das Geschehen so ausdrucksvoll, als erzählte er die Geschichte auf einer eigenen Ebene.
 
Unter den vielen Schicksalen ragt wohl jener Mr. Dawcett in Gestalt von Mark Rylance hervor (der in „Bridge of Spies“ Tom Hanks die Show stahl und den Nebenrollen-„Oscar“ einkassierte und als „Big Friendly Giant“ Spielberg-Kitsch veredelte): der einfache Brite, der mit seinem Sohn (Tom Glynn-Carney) und dessen Freund (Barry Keoghan) sein Boot nimmt und wie Hunderte andere (teils bei elenden Wetterbedingungen) hinüber fährt, um zu retten, was zu retten ist: Wenn er einen zitternden Soldaten (Cillian Murphy) aus dem Wasser holt, muß er ihm zu dessen Entsetzen klar machen, daß sie erst noch einmal nach Dünkirchen hinüber müssen, von wo er eben entkommen ist.
Was in einem konventionellen Film große Rollen wären, sind hier kleine, Tom Hardy als Flieger mit der Aufgabe, so viele deutsche Bomber vom Himmel zu holen wie möglich, Kenneth Branagh als Commander Bolton, der (vielleicht im Gegensatz zu sonstigen hohen Militärs) hier eine Menschlichkeit an den Tag legt, die vielleicht ein bißchen mehr Drehbuch als Realität ist. Mit dem Soldaten Tommy (Fionn Whitehead) erlebt man zu Beginn den Rückzug der Briten an den Strand, der von Leichen übersät ist.
Der Rest ist das Elend der einfachen Soldaten, aus allen Perspektiven fotografiert. Daß alles nicht nur so schaurig eindrucksvoll, sondern auch so echt wirkt, hat sicher auch damit zu tun, daß Christopher Nolan so wenige Computerkünste einsetzte wie möglich. Er hat übrigens auch nicht in 3 D, sondern in IMAX gefilmt – auch eine Möglichkeit, das Geschehen optisch stark heranzuholen.
 
Ein durch und durch ehrenwerter Film. Die Bewunderung der Kritiker ist ihm sicher und hoch verdient. Ob das Publikum durch diese Akkumulation des Elends motiviert wird, ins Kino zu gehen, muß sich hierzulande zeigen.
 
 
Renate Wagner