Das Gespenst der Ehre

Minna von Barnhelm oder Das Soldatenstück in Wuppertal

von Frank Becker

Tessa Mittelstaedt, Uwe Rathsam - Foto © Klaus Lefebvre

Das Gespenst der Ehre

Minna von Barnhelm oder Das Soldatenstück
 
Es ist bei aller Komik beileibe kein heiteres Stück. Das glückliche Ende haben die Helden nicht sich selbst zu verdanken. Dazu sind sie in ihren Ehrbegriffen und Gekränktheiten viel zu dünkelhaft. Lessing läßt den entlassenen und invaliden Major von Tellheim als „beleidigte Leberwurst“ so vernagelt durch die Handlung tappen, daß er die in Liebe für ihn glühende Minna in einen Strudel der Irrungen reißt und beider Glück bis zum Äußersten gefährdet. Nur der Kunstgriff, einen gütigen Onkel auftreten zu lassen, kann die Verfahrenheit der Situation auflösen.
 
Markus Dietz verzichtet in seiner Inszenierung für das Schillertheater NRW in Wuppertal auf diese letzte Krücke und erzielt damit die respektable Wirkung eines Ausklanges im Mißton, mit dem Nachhall des letzten Wortes des Lessingschen Textes: „Witwe“. Soviel zum Thema „Soldatenglück“.
Die Einstimmung gelingt Dietz mit Adornos Originalton über Kants Begriff der Mündigkeit vor der Projektion einer kriegszerstörten Stadt und der Vorgeschichte im Schattenriß. Was Dietz in diese dramaturgische Klammer gepackt hat, ist auf ganzer Linie gelungen. Anteil am Gelingen hat das Bühnenbild von Mayke Hegger, ein schiefer Guckkasten mit schrägen Ebenen und fallenden Linien, der von Laufgräben durchschnitten und mit beweglichen Wänden lautlos aufteilbar, statisch und mobil zugleich ist. Kein überflüssiges Detail lenkt von der Leistung des Ensembles ab.
Siegfried W. Maschek nahm man den handfesten und grundehrlichen Paul Werner aufs Wort ab, auch seine Entflammbarkeit für die Jungfer Franziska. Das wird das eigentliche Happy End dieser Inszenierung. Uwe Rathsams Tellheim ist mehr als nur gekränkt, läßt sich gehen, hadert mit sich und allem. Da zeigt Rathsam vielleicht einen Tick zu viel. In dem ihm in die Rolle geschriebenen widerstreitenden Hunger nach Gerechtigkeit und Liebe aber vermittelt er Mitleid erweckend den Riß in seiner Seele. Tessa Mittelstaedt als Minna und Tina Eberhardt als Franziska sind zwei reizende Furien, die Temperament versprühen und zugleich Erotik, Reinheit und Verführung verkörpern. Zu Werner passend ist Tina Eberhardts Franziska zudem besonnen und klug genug, rasch zuzugreifen.
Daß am Ende Minna und Tellheim von ständigem Streit und Verwirrspiel ausgebrannt in den gegenüberliegenden Ecken der Bühne hocken und der Raum zwischen ihnen sich Verdunkelt, ist einem unseligen Prinzip zuzuschreiben: Dem Gespenst der Ehre.