‹berirdisch!

Steven Sloane & die Bochumer Symphoniker mit einer begnadeten 3. Mahler-Symphonie in der Essener Philharmonie

von Peter Bilsing


Überirdisch !

Wenn Musik zur Offenbarung wird


Steven Sloane & die Bochumer Symphoniker mit einer begnadeten 3. Mahler-Symphonie in der Essener Philharmonie


„Die Musik muß immer ein Sehnen enthalten, ein Sehnen über die Dinge dieser Welt“ (Gustav Mahler)

„Wouldn´t you just die without Mahler?“ (Maureen Lipman als Trish  in „Educating Rita“)


Traumverloren

Im traumverloren schönen Finale der dritten Sinfonie pflegte der legendäre Lenny Bernstein stets seinen Dirigierstab wegzuklappen, dann beschwor der Maestro nur noch leidenschaftlich das Orchester, wie ein Magier. Immer höchst glaubwürdig (es war keine Show!) sah es stets so aus, als versuche er aus dem Orchester die Musik dieses, vielleicht schönsten aller Mahlersätze, geradezu überirdisch zu transzendentieren und suggestiv aus den Orchestergruppen zu evozieren.

Steven Sloane ist ein Dirigent mit ähnlichem Charisma und genauso überzeugender Suggestivkraft,


Steven Sloane - Foto © Rudolph
dem es immer wieder gelingt, Mahlers Meisterwerke „wie aus einer anderen Welt“ (so titelte ich meine letzte Rezension) und in geradezu exzessiver innerer Dramatik zu zelebrieren. Ein zweiter Bernstein! Dabei baut er, anders als pars pro toto der Langweiler Abbado mit den Wiener Philharmonikern, einen Spannungsbogen auf, der fern des mittlerweile üblichen schönfärberischen Mahlerzeitgeistes, auch alle Härten und Brüche exzipiert. Das Blech zuckt manchmal schneidend scharf wie ein Rasiermesser ein, kann aber auch strahlend golden und samtig glänzen. Schnell wechseln die Farben und kollabieren die Stimmungen. Und wenn im Finale des langsamen letzten Satzes die acht Cellisten im unendlichen Dur und Moll der zwei traumverloren schöne Hauptthemen, die sich auch in den Bratschen und Geigen widerspiegeln, immer wieder betörend schön einbrechen, dann entsteht eine fast rauschhaft formvollendete Harmonie unendlich geteilter Streicher, die jeden Zuhörer nur so dahinschmelzen lässt, und mit feuchten Augen verstehen wir, was Gustav Mahler meinte, als er formulierte: „Es soll damit die Spitze und die höchste Stufe bezeichnet werden, von der aus die Welt gesehen werden kann. Ungefähr könnte ich den Satz auch benennen WAS MIR GOTT ERZÄHLT … Und so bildet mein Werk eine alle Stufen der Entwicklung in schrittweiser Steigerung umfassende musikalische Dichtung.“

Arnold Schönberg schrieb nach dem Erlebnis dieser 3. : „Ich habe ihre Seele gesehen, nackt, splitternackt. Sie lag vor mir wie eine wilde geheimnisvolle Landschaft mit ihren grauenerregenden Untiefen und Schluchten und daneben heitere und anmutige Sonnenwiesen, idyllische Ruheplätze. Ich empfand sie wie ein Naturereignis mit seinen Schrecken und Unheil und seinem verklärend beruhigenden Regenbogen.“

Konzertereignis des Jahres

Was kann man mehr zu einem solchen, von mir schon jetzt zum „Konzertereignis des Jahres“ gekürten, Ausnahme-Abend sagen, außer einem lauthals gebrüllten „Bravissimo“ (wie gestern Abend!), ein ergänzendes „Brava“ für die stupende Leistung von Altistin Christa Mayer und diversen „Bravi“ für die Musiker und die fabulöse Präsenz des Philharmonischen Chores Essen; in persona: Kinder-, Jugend- und Frauenchor. (Ltg. Alexander Eberle)

Das Publikum in der ausverkauften Essener Philharmonie wurde Augen- und Ohrenzeuge eines Konzert-Ereignisses überragend einmaligen Ausmaßes und feierte Steven Sloane und seine Musiker nach gut zwei Stunden völlig zurecht mit stehenden Ovationen. Ein Abend, der Maßstäbe setzte und den kein Mahler-Fan so schnell wieder vergessen wird.


Aufführung am 20.2.2008 - Weitere Informationen unter: www.bochumer-symphoniker.de


Redaktion: Frank Becker