Die Terracotta-Tempel von Bishnupur

Ein Ausflug ins bengalische K├Ânigreich Mallabhum

von Johannes Vesper

Foto © Johannes Vesper

Die Terracotta-Tempel von Bishnupur
 
Von Johannes Vesper
 
Was Vincent, der Hotelportier in Kalkutta, wohl so alles organisiert? Aber tatsächlich steht morgens um 7 Uhr der Fahrer mit seinem klimatisierten Taxi wie verabredet vor der Haustür. Zu zweit fahren wir heute nach Bishnupur/Bengalen. Ca. 150 km liegen vor uns. Im hiesigen Straßenverkehr bedarf es starker Nerven und großer Übersicht. Wie überall in Indien sind alle unterwegs: Übervolle Busse - auch auf dem Dach - lassen an überquellende Sardinendosen denken. Auf der Ladefläche des Kleinlasters reisen dicht gepackt fünf Kühe und etliche Viehhirten.


...wie das liebe Vieh - Foto © Johannes Vesper 


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Jute-Transport - Foto © Johannes Vesper
 
Riesige Lastwagen, mit Kartoffeln, Jute oder Reissäcken hochbepackte Motorrikschas überholen Ochsenkarren und Fußgänger, die in schnellem Gang Devotionalien zum Hindi-Fest in Tarkeshwar tragen. Die Straße ist stellenweise so schlecht, daß allenfalls Schritttempo möglich ist. Nach vier Stunden erreichen wir den Joypur-Wald, eines der Naturschutzgebiete Bengalens, und schließlich auch die Stadt Vishnus (daher Bishnu- oder Vishnupur), des hinduistischen Welterhalters, des Gottes, der vor bedrohlichen Dämonen schützt. Die Kleinstadt mit ca. 60.000 Einwohnern, ehemals Königsstadt des bengalischen Königreiches Mallabhum, ist heute berühmt wegen ihrer Töpfereien, ihrer Seidensaris und vor allem wegen der Terracotta-Tempel. Die engen Gassen des um Mittag verschlafenen Städtchens sind für unser Taxi schwer passierbar, weil eine Abwasserkanalisation gebaut wird. Schließlich taucht aber links in einer kleinen Parkanlage der größte und merkwürdigste Rasmancha-Tempel von Mallabhum auf.

 
Arkadengang - Foto © Johannes Vesper

Auf einem fast mannshohen Sockel erhebt sich über einer niedrigen Galerie das pyramidale Tempeldach des um 1600 n. Chr. erbauten Haupttempels der Königsstadt. In seinen Galerien wurden ehemals Heiligenbilder umliegender Tempel zu hohen Feiertagen gezeigt. Das Königreich Mallabhum im Zentrum Bengalens bestand vom 8. Jahrhundert bis in das 19. Jahrhundert hinein, als die Engländer zunehmend von der Gegend Besitz ergriffen. Und die Könige von Mallabhun haben nicht nur die die eigenartigen Tempel gebaut, sondern erfreuten sich auch an der Musik. An die Jahrhunderte alte, vor allem im 18. Jahrhundert berühmte Gharana (Musikschule) des kleinen Reiches wird noch heute mit einem jährlichen Musikfestival in der Stadt erinnert.  
Die vier kleinen Tempel der Jormandir-Gruppe am Rande des Städtchens wirken mit ihren gebogenen Dachtraufen merkwürdig lebendig in der unspektakulären Landschaft.

 

Tempelanlage in Bishnupur - Foto © Johannes Vesper
 
Die Terracotta-Dekorationen des Shyamrei-Tempel sind besonders gut erhalten und stellen Szenen aus Ramayana und Krishnalila, den großen alt-indischen Epen dar.

 
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Auf der Rückfahrt fährt Vincent uns zum verwunschenen Gokulchand Tempels, der einige Kilometer ab von der Landstraße inmitten weiter bengalischer Landschaft vor sich hin wittert. Der bunte Altar unter einem riesigen Nußbaum zeugt aber von lebendigem Hinduismus neben den Ruinen. Still ist es hier in der Nachmittagssonne, zwei Frauen tragen große Reisigbündel, und bei unserer Rückkehr zur Hauptstraße beäugen in einem kleinen See badende Frauen neugierig das Taxi.

 
Dorfstraße in Bishnupur - Foto © Johannes Vesper


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Bewohnter ehemaliger Tempel - Foto © Johannes Vesper

Auf der Fernverkehrsstraße zurück nach Kalkutta nimmt gegen Abend der Verkehr zu. Nicht alle Kfz. haben ihr Licht eingeschaltet. Motorräder dienen als Fahrzeug für ganze Familien (vier Personen). Vor einer geschlossenen Bahnschranke staut sich der Verkehr auf der zweispurigen Straße in jeder Richtung auf beiden Spuren. Bis da der Verkehr dann wieder fließt, das dauert. Gegen 22 Uhr versinken wir im vertrauten Lärm und Chaos Kalkuttas.
 
Redaktion: Frank Becker