Heimweh nach dem Kurf├╝rstendamm

Berlin-B├╝cher im Sutton Verlag

von Frank Becker


Heimweh nach dem Kurfürstendamm
 
Berlin-Bücher im Sutton Verlag
 
Bully Buhlan, Hildegard Knef und die 3 Travellers haben nach 1945 Berlin, der Stadt ihrer Liebe wohl die schönsten Lieder gesungen. In ganz Deutschland und der Welt verstreute „Exil-Berliner“ lasen die „Berliner Blätter“ und hörten mit Sehnsucht im Herzen Lieder und Schlager wie „Die Uhr am Bahnhof Zoo“, „Kleiner Bär von Berlin“, „Eine Tüte Luft aus Berlin“, „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“, „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“, „Ich träume nur von Berlin“, „Das ist der Frühling von Berlin“ oder taten des Fred Oldörp nach und drehten am alten W 48 die Telefonwählscheibe, um die Ansage „0-3-1-1 Berlin, Berlin“ zu hören. Denn wer mit Spree-, Havel- oder Pankewasser getauft ist, wird
seine Heimat wohl nie aus Herz und Kopf bekommen.
 
Das zerstörte Berlin nach 1945 lebte von der Erinnerung an den einstigen Glanz, West-Berlin wurde - umschlossen von der sozialistischen DDR und abgegrenzt vom Ostteil der Stadt - eine „Insel der Seligen“. An vieles, was Krieg und Bomben vernichtet hatten, erinnerten nur noch alte Fotografien und Postkartenmotive. Während im Westen der Stadt unter den günstigen Bedingungen des Wirtschaftswunders der Wiederaufbau betrieben und erhalten Gebliebenes gepflegt wurde, verschaffte die Planwirtschaft im Osten der deutschen Hauptstadt einen holperigen, verzögerten Start. Dort wurde die Frankfurter Allee zu Stalinallee, ab März 1953 wieder zur Frankfurter Allee, verblich der Ruhm von Unter den Linden und wurde das Stadtschloß, das jetzt wieder aufgebaut wird, gesprengt. 1961 zog die SED-Regierung, der das Volk weglief, eine Mauer durch Berlin und um den Westteil der Stadt herum, die bis 1989 das Beton-Manifest einer schmerzhaften Teilung blieb.
Im Westen wurde die Kongreßhalle gebaut und bekam den Namen Schwangere Auster, blühte das Funkturm-Gelände zu neuer Pracht auf, wurde der Kurfürstendamm als eleganter Boulevard mit Theatern, Kranzler-Eck und Anschluß an die Tauentzien mit Europa-Center und KaDeWe zum Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt. Die Flughäfen, erst Tempelhof und dann Tegel, waren im Westen Tore zur Welt, Schönefeld im Osten mußte sich im Wesentlichen auf die „sozialistischen Bruderstaaten“ beschränken.
 
Was aber allen Berlinern beiderseits der Mauer blieb, war die Liebe zu ihrer Stadt. Als Dokumente diese Liebe und zur Unterstützung der Träume und Erinnerungen haben seit Jahrzehnten und besonders damals freundliche und/oder ebenso sehnsüchtige Menschen, Journalisten und Fotografen Reisen nach und durch Berlin gemacht, Fotos aus Spree-Athen gesammelt, sie in Buchform zusammengestellt und mit Kommentaren versehen an den Berliner und die Berlinerin zu Hause oder in der Ferne gebracht. Der Erfurter Sutton Verlag gehört zu den Verlags-Häusern, die sich seit einigen Jahren ganz besonders der fotografisch dokumentierten Regionalgeschichte widmen. Sehr intensiv hat er sich dabei breit gefächert auch um Berlin im Bild gekümmert. Einige ausgewählte Bände konnten wir Ihnen schon vorstellen. Heute kommen vier Bücher in einer kleinen Auswahl dazu (es gibt wesentlich mehr bei Sutton).
 
Berndt Schulz – „Zuhause in Berlin“
Berndt Schulz stellt in „Zuhause in Berlin“ die Ecken seiner Stadt vor, die für ihn das Berlin
bedeuten, in dem er sich auskennt, wohlfühlt, eben zu Hause ist. Dabei läßt er Gefühl zu, ohne Wehmut aufkomme zu lassen, verflicht die Stränge der Erinnerungen an früher und ganz früher mit dem Heute zu einem gültigen Strang, der ihn abseits von allem Sensationellen fest und intim an diese vielfältige Stadt mit ihren kleinen Schönheiten bindet. Rosa Merk hat dazu punktgenaue, stimmungsvolle Fotografien beigetragen, die den Blick wieder und wieder mit ihrer Tiefe fesseln. Ein wunderbares Buch über diese wunderbare Stadt.
Berndt Schulz – „Zuhause in Berlin“
Liebeserklärungen an die unverfälschten Ecken der Stadt
2011 Sutton Verlag, 159 Seiten, geb. m. SchU, 245 x 225 mm, durchgehend farbig illustriert - ISBN: 978-3-86680-781-5
24,95 €
 
Henning Jost – „Alt-Berlin in Farbe“
Die Texte, die Henning Jost unter die ausgewählten Farbfotos seiner auch fotohistorisch hochinteressanten Sammlung „Alt-Berlin in Farbe“ gestellt hat, beschränken sich auf die notwendigsten Stichworte zum jeweils gezeigten Motiv. Tatsächlich wurde schon zur Kaiserzeit in Farbe fotografiert und damit die Möglichkeit eröffnet, die Reichshauptstadt in all ihrer Pracht so zu dokumentieren, daß folgenden Generationen die Möglichkeit geboten wurde, sich Berlin in seinem ganzen Glanz bis ca. 1939 vorzustellen. Prachtalleen, Parks, ländliche Randbezirke, Leuchtreklamen, Restaurants, die Architekturen von der Gründerzeit bis zum Gigantismus des 3. Reichs – mit dessen Ende auch alles andere in Trümmer fiel – lassen ahnen, welches Drama der Verlust dieses pulsierenden „Groß-Berlin“ für die deutsche Geschichte war und ist.
Henning Jost – „Alt-Berlin in Farbe“
© 2013 Sutton Verlag, 128 Seiten, gebunden, 130 farbige Abb., 185 x 124 mm ISBN: 978-3-95400-163-7
10,- €
 
Michael Sobotta – „Berlin in frühen Farbdias 1936 bis 1943“
Ein ähnliches Spektrum, allerdings begrenzt auf die Jahre der zweifelhaften „Blüte“ des 3. Reichs,
deckt Michael Sobottas einzigartiger Band „Berlin in frühen Farbdias 1936 bis 1943“ mit raren, erstaunlich wirkungsvoll restaurierten Motiven ab. Mit Hilfe neuer Digitaltechnik konnten die farblich verschosssenen, unansehnlichen Diapositive aus vielen privaten Beständen wiederhergestellt werden und eröffnen so die Möglichkeit eines realistischen Blicks auf das bürgerliche und öffentliche Leben in jener Zeit. Daß Michael Sobotta aus dokumentarischen Gründen auch Fotos mit Uniformen, Braunhemden und den seinerzeit allgegenwärtigen Hakenkreuzfahnen nicht ausläßt, macht das Buch so besonders, zeigt es doch im Gegensatz zu vielen schamhaft retuschierten Bildbänden über jene Zeit in wahren Bildern den tatsächlichen Alltag der Reichshauptstadt, bevor sie in Schutt und Asche fiel.
Michael Sobotta – „Berlin in frühen Farbdias 1936 bis 1943“
Die Reihe Archivbilder / Berlin
2013 Sutton Verlag, 120 Seiten, gebunden, 135 Bilder in Farbe, 245 x 225 mm -  
ISBN: 978-3-95400-290-0
22,95 €
 
Peter A. Bösel – „Kurfürstendamm, Berlins Prachtboulevard“
Peter-Alexander Bösel hat sich als intimer Kenner der Geschichte Berlins des Boulevards angenommen, der ab 1873 in der Folge des siegreichen Frankreich-Feldzugs geplant und bis 1906 in seiner Straßenführung vom Lützowufer bis zum Breitscheidplatz an der Kaiser Wilhelm
Gedächtniskirche fertiggestellt war. In rund 200 übersichtlich kommentierten s/w-Aufnahmen zeigt sein Buch aus der Reihe Archivbilder das wechselhafte Schicksal des eleganten Boulevards, der besonders nach 1945 an Bedeutung gewann. Am Kurfürstendamm, den eigentlich nur Berliner Ku´damm nennen dürfen, zogen noch mehr als zuvor elegante Hotels, Modehäuser, Autohäuser, Banken, Wechselstuben, Restaurants, Cafés, Theater und Kinos ein. Legenden wie der Luna-Park, das Romanische Café, Haus Wien, „Café Kranzler“ am Kranzler-Eck, die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm, Marmorhaus, Filmbühne Wien, Hotel Eden, Kabarett der Komiker und viele andere mehr machten die Prachtstraße zum Anziehungspunkt. Nach der Wiedervereinigung kurz in den Schatten getreten, macht man sich jetzt daran, den alten Glanz wiederherzustellen. Gut so.
Leider ist das interessante Buch ein wenig unübersichtlich und läßt wie die anderen hier vorgestellten Bücher schmerzlich einen Index zum Auffinden markanter Häuser, besonderer Fotos und Plätze vermissen. 
Peter A. Bösel – „Kurfürstendamm, Berlins Prachtboulevard“
Die Reihe Archivbilder / Berlin
2008/2012 Sutton Verlag, 128 Seiten, Broschur, 200 s/w-Bilder, 165 x 235 mm
ISBN: 978-3-86680-284-1
17,90 €
 
Weitere Informationen: www.suttonverlag.de