Feindlich friedlich freundlich

"Vom Duell zum Duett" - Eine Ausstellung im Tomi Ungerer Museum Strasbourg

von Joachim Klinger

      © 2013 Dieter Hanitzsch

Feindlich – friedlich – freundlich
 
Das französisch-deutsche Duo im Spiegel der Karikatur
 
 
Am 22. Januar 1963 unterzeichneten in Paris Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer den sogenannten Elysée-Vertrag, der aus Feinden Freunde, aus Gegnern Partner machen sollte. Die zögerliche Umarmung der beiden alten Männer ist als ein Akt von großer Symbolkraft ebenso in die Geschichtsbücher eingegangen wie Willi Brandts Kniefall in Warschau und das Totengedenken in Verdun am 22. September 1984, bei dem sich Staatspräsident François Mitterand und Bundeskanzler Helmut Kohl die Hand reichten und so minutenlang miteinander verharrten.
 
Fünfzig Jahre französisch-deutsche Freundschaft – das hat zu vielen Feiern mit gedankenschweren Ansprachen und musikalischen Darbietungen geführt. Staatspräsident François Hollande kam nach Berlin und sprach im Reichstag. Deutsche Politiker lieferten wackere Wortbeiträge ab. Mir gefiel am besten die kurze Rede von Gregor Gysi, die mit persönlichen Erinnerungen gespickt war und mit heiterer Kritik am kargen französischen Frühstück schloß. Da löste sich die festliche Verkrampfung, und es kam zu befreiendem Lachen. Aufbruch in die Normalität!
In Strasbourg / Straßburg hat man sich aus Anlaß des Jubiläums französisch-deutscher Partnerschaft etwas Besonderes einfallen lassen: eine Ausstellung mit dem schönen Titel “Du Duel au Duo” – “Vom Duell zum Duett” (Satirische Bilder des französisch-deutschen Paares von 1870 bis heute), eine Karikaturen-Ausstellung also.
Das paßt in die “Grenzstadt”, die im Lauf der Geschichte einige Male die staatliche Zugehörigkeit wechseln mußte, wie Bürgermeister Roland Ries in seinem Katalog-Grußwort hervorhebt. Es paßt aber auch in den Geburtsort des großen Tomi Ungerer (Jahrgang 1931), der hier nach langen Auslandsaufenthalten sein Domizil wiedergefunden hat. So ist denn die Ausstellung auch im Tomi Ungerer- Museum angesiedelt (Centre international de l’illustration).
Der Kuratorin Thérèse Willer ist es zu danken, daß die französisch-deutschen Beziehungen über ein Jahrhundert hinweg im Spiegel der Karikatur deutlich gemacht werden und daß ein Katalog entstanden ist, der als ein wahrer Schatz gelten darf.
 
Während beginnend in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts auf französischer Seite Honoré Daumier (1808-1879) und Hermann-Paul (1864-1940) mit meisterlicher Handschrift die Schrecken des Krieges beschwören (1870/71), entwickeln Zeichner der deutschen satirischen Blätter wie Olaf Gulbransson (1873-1958), Th. Th. Heine (1867-1948) und Karl Arnold (1883-1953) einen einprägsamen plakativen Stil, um Themen deutsch-französischer Konfliktsituationen zu gestalten. Interessant, wie sowohl Daumier als auch Gulbransson Politikern den Tod an die Seite stellen – 1870 Daumier dem Reichskanzler Bismarck, 1916 Gulbransson dem französischen Ministerpräsidenten Poincaré!
Die geradezu apokalyptische Wucht der Darstellung gelingt später noch einmal dem Deutschen John Heartfield (1891-1968), der seinen Namen Hellmuth Franz Joseph Herzfeld anglisierte. Hier allerdings im Kampf gegen den machtbesessenen Adolf Hitler – der als blutrünstiger Metzger z.B. den gallischen Hahn schlachten will – und zwar mit dem Mittel der Collage / Fotomontage. Ein berechtigtes Anliegen, eine berechtigte Agitation!
 

© Bosc
Anders oft in Zeiten revanchelüsterner Kriegspolitik – hier mag man manchmal fragen, ob sich die Karikatur nicht instrumentalisieren läßt, um Ängste und Haßgefühle zu schüren. Auf der Woge aggressiver Zeitströmungen setzen sich auch Künstler nicht selten an die “Spitze der Bewegung”.
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang der Einsatz wirkungsvoller Symbole und Embleme! Pickelhaube und Stahlhelm stehen für Preußen und Deutschland, die Jakobinermütze mit Revolutionskokarde ziert die französische Marianne, die der fülligen, aber auch bei spärlicher Kleidung stets wehrhaften Germania entgegentritt. Der gallische Hahn kräht unerschrocken unter dem finsteren Blick des riesigen und gefährlichen deutschen Adlers.
Gerade jetzt erleben wir bei einigen europäischen Nationen, wie wenige Merkmale genügen, um ein Feindbild auferstehen zu lassen, etwa das Hitler-Bärtchen und das Hakenkreuz
 
Bis in die Gegenwart werden bestimmte Accessoires immer wieder zur Kennzeichnung benutzt, auch bei Tomi Ungerer, der einen unbefangenen Zugriff hat und sie spielerisch einsetzt. An Tomi Ungerer läßt sich auch zeigen, wie unverkrampft Gegenwartskünstler mit dem französisch-deutschen Verhältnis umgehen, ohne allerdings wichtige Unterschiede der Wesensart beider Völker zu vertuschen. Der gallische Hahn jongliert elegant mit einer kleinen Weltkugel, der beleibte deutsche Adler sitzt träge und behäbig auf einem mächtigen Globus. Wo der Franzose zur Frivolität neigt, läßt der Deutsche langweiligen Bierernst erkennen.
Natürlich ist es schwierig für einen Karikaturisten, in Zeiten freundschaftlicher Zusammenarbeit zwischen zwei Völkern lohnende Themen zu finden und sie aufzuspießen. Kleine Divergenzen und Differenzen zwischen den Regierungen werden aufgegriffen und mit liebenswürdigem Spott bedacht, Irritationen der Partner glossiert.


Dabei sind durchaus hervorragende Zeichner am Werk. Auf deutscher Seite etwa Paul Flora (1922-2009) und Friedrich Karl Waechter (1937-2005), auf französischer Jean Effel (1908-1982) und Siné (Maurice Sinet, geb. 1928). Köstlich die das Verhältnis General De Gaule / Bundeskanzler Prof. Erhard charakterisierende Karikatur von Paul Flora, die Erhard als rundlichen Amor ohne Pfeile im Köcher zeigt, während der General sich verächtlich abwendet. “Un amour sans flèche” (18.09.1964). Auf dem Köcher steht: “Konkrete Vorschläge” – daran mangelt es …
 
Alle Textbeiträge im Katalog sind informativ, lehrreich, lesenswert! Schön, daß die Professorin Ursula E. Koch mit ihrem grundlegenden Aufsatz (“Das deutsch-französische Tandem und die Mediatisierung der Geschichte durch die Karikaturisten von 1945 bis heute”) in “ein paar allgemeinen Bemerkungen” auf das Wesen und die Wirkungsmöglichkeit der Karikatur eingeht! Thérèse Willer bringt die Sicht des Elsass auf das französisch-deutsche Duo ins Spiel und würdigt die Zeichner Hansi (1873-1951) und Zislin (1875-1958), die in Deutschland zu wenig bekannt sind.
Am Schluß steht die Präsentation der “jungen Garde”, darunter der Belgier Pierre Kroll (geboren 1958), der mit traditioneller Strichführung rundliche Knubbelfiguren aufs Papier zaubert, sogar Angela Merkel als Nackedei, Maßkrüge schleppend. Beachtlich die Portrait-Galerie von Frank Hoppmann (geboren 1975), Arbeiten mit Acryl, Aquarellfarbe, Buntstift, Bleistift oder Tusche auf Papier! Dargestellt sind alle französischen Staatspräsidenten nach De Gaulle und die deutschen Bundeskanzler nach 1945. Hervorragend getroffen, obwohl von Vergänglichkeit stigmatisiert! Gesichter aus tausend Falten, mit tief gefurchten Fleischwülsten und wuchernden Augenbrauen. David Levine (1926-2009), der große amerikanische Karikaturist, mag ein Vorbild gewesen sein, aber die Spuren des Verfalls, die Hoppmann schonungslos mit seiner Portrait-Galerie hinterläßt, sind ein neues “Markenzeichen”.
 
Ein kleiner Tadel zum Schluß! Man sollte “couple” nicht mit “Tandem” übersetzen. Unwillkürlich sieht man das geneigte Gesicht des Mitfahrers in der Nähe des Hinterteils seines Vordermannes … Ein Anblick von hohem Reiz – für Karikaturisten!
 
Straßburg ist immer eine Reise wert. Diese Ausstellung (bis zum 14. Juli, na klar!, Anm.d.Red.) ist eine zusätzliche Attraktion. Wer sich – wie ich! – die Reise versagen muß, kann sich oft und lange an dem schönen Katalog erfreuen:
 
Vom Duell zum Duett
Satirische Seitenblicke auf das deutsch-französische Paar von 1870 bis heute
Éditions des Musées de la Ville de Strasbourg
Mit Beiträgen von Alexandre Devaux, Franck Knoery, Ursula Koch und Thérèse Willer
Zweisprachige Ausgabe (Französisch und Deutsch)
192 Seiten, etwa 200 Illustrationen - ISBN : 9782351251027
Preis: 39,– Euro
 
Die ausgestellten Künstler

© Tomi Ungerer
Christian Antonelli (geboren 1965)
Karl Arnold (1883-1953)
Bosc (Jean-Maurice Bosc, genannt) (1924-1973)
Paul Braunagel (1873-1954)
Raoul Cabrol (1895-1956)
Cabu (Jean Cabut, genannt) (geboren 1938)
Caran d’Ache (Emmanuel Poiré, genannt) (1858-1909)
Honoré Daumier (1808-1879)
Otto Dix (1891-1969)
Jean Effel (François Lejeune, genannt) (1908-1982)
Paul Flora (1922-2009)
Jean-Louis Forain (Louis-Henri Forain, genannt) (1852-1931)
André François (André Farkas, genannt) (1915-2005)
Gill (Louis-Alexandre Gosset de Guiner, gennannt) (1840-1885)
Peter Großkreuz (1924-1974)
George Grosz (Georg Ehrenfried Groß, genannt) (1893-1959)
Olaf Leonhard Gulbransson (1873-1958)
Paul Hadol (1835-1875)
Kurt Halbritter (1924-1978)
Walter Hanel (geboren 1930)
Dieter Hanitzsch (geboren 1933)
Hansi (Jean-Jacques Waltz, genannt) (1873-1951)
John Heartfield (Helmut Herzfeld, genannt) (1891-1968)
Thomas Theodor Heine (1867-1948)
Herrmann-Paul (Hermann-René-Georges Paul, genannt) (1864-1940)
Wolfgang Hicks (1909-1983)
Frank Hoppmann (geboren 1975)
Paul Iribe (Iribarne Garay, genannt) (1883-1935)
Arthur Johnson (1874-1954)
Pierre Kroll (geboren 1958)
Ernst Maria Lang (geboren 1916)
Charles Lucien Léandre (1862-1934)
Peter Leger (1945-1994)
Hippolyte Mailly (geboren 1829)
Markus (Jörg Mark-Ingrahan von Morgen, genannt) (geboren 1928)
Lucien-Marie-François Métivet (1863-1932)
Roland Moisan (1907-1987)
Jacques Nam (Jacques Lehman, genannt) (1881-1974)
Oskar Nerlinger (1893-1969)
Manfred Oesterle (geboren 1928)
Opland (Rob Wout, genannt) (1928-2001)
Georges d’Ostoya (1878-1937)
Josef Partykiewicz (1922-2003)
Carl Olaf Petersen (1880-1939)
Klaus Pielert (geboren 1922)
Plantu (Jean Plantureux, genannt) (geboren 1951)
Louis Rauwolf (1929-2003)
Reiser (Jean-Marc Reiser, genannt) (1941-1983)
Josef Sauer (1893-1967)
Sépia (François Cavanna, genannt) (geboren 1923)
Erich Schilling (1885-1945)
Wilhelm Scholz (1824-1893)
Jean-Jacques Sennep (Charles Pennès, genannt) (1894-1982)
Sep
Siné (Maurice Sinet, genannt) (geboren 1928)
Tomi Ungerer (Jean-Thomas Ungerer, genannt) (geboren 1931)
Friedrich-Karl Waechter (1937-2005)
Willem (Bernhard Willem Holtrop, genannt) (geboren 1941)
Adolphe Léon Willette (1857-1926)
Georges Wolinski (geboren 1934)
Jupp Wolter (1917-1993)
Henri Zislin (1875-1958)
 

Alle Illustrationen im Text mit freundlicher Erlaubnis der Museen der Stadt Strasbourg
Weitere Informationen: www.musees.strasbourg.eu