Karl Hubbuch und das Neue Sehen

Sehenswerte Fotoausstellung in der St├Ądtischen Galerie Karlsruhe

von Rainer K. Wick

Karl Hubbuch, Tanzendes Modell - nach 1927
Karl Hubbuch und das Neue Sehen
Sehenswerte Fotoausstellung
in der Städtischen Galerie Karlsruhe
 
Ein neusachlicher Maler fotografiert
 
Im Jahr 1925 veranstaltete der Direktor der Kunsthalle in Mannheim, Gustav F. Hartlaub, eine richtungsweisende Ausstellung mit dem Titel „Neue Sachlichkeit“. Gezeigt wurden Gemälde, die dem expressionistischen Überschwang der Vorkriegszeit und der ersten Nachkriegsjahre mit einer betont nüchternen, unsentimentalen und zugleich präzisen, realistischen künstlerischen Auffassung begegneten. Allerdings war die Vielfalt der Erscheinungsformen beträchtlich, von den „linken“, gesellschaftskritischen Veristen bis hin zu jenen Künstlern, die sich – eher unpolitisch – auf die emotionslos abbildende Darstellung von Menschen und Dingen konzentrierten. An dieser Ausstellung war auch der Karlsruher Maler Karl Hubbuch (1891-1979) mit dem Gemälde „Die Schulstube“ beteiligt. Hubbuch avancierte neben George Grosz, Otto Dix, Christian Schad, Rudolf Schlichter und anderen schnell zu einem der profiliertesten Vertreter der Malerei der Neuen Sachlichkeit in Deutschland. In seinen Bildern und Zeichnungen werden wie im Brennspiegel die Kehrseite der sog. Goldenen Zwanziger, das Elend der Zwischenkriegszeit, die inneren Widersprüche der Weimarer Republik, aber auch die Normalität alltäglicher Lebensvollzüge, sichtbar.
Daß er zwischen 1925 und 1935 auch ein bemerkenswertes fotografisches Œuvre geschaffen hat, war lange so gut wie unbekannt und wurde erst durch eine große, im Frühjahr 2012 zu Ende gegangene Überblicksausstellung im Münchner Stadtmuseum deutlich. In Karlsruhe, der Geburts- und Heimatstadt des Künstlers, bietet die Städtische Galerie jetzt die Möglichkeit, diese Ausstellung in einer stark erweiterten und inhaltlich speziell auf die ehemalige Badische Landeshauptstadt

Karl Hubbuch, Im Schwimmbad Rappenwört um 1933
zugeschnittenen Form zu sehen. Waren es in München 150 Exponate, so sind es nun etwa 350. Sylvia Bieber, Stellvertretende Direktorin der Städtischen Galerie Karlsruhe und Kuratorin der Ausstellung, kam es darauf an, Hubbuchs Fotografien, die genuin nicht für die Öffentlichkeit, sondern für den persönlichen Gebrauch bestimmt waren, nicht isoliert zu präsentieren, sondern im Zusammenhang mit Entwicklungen an der damaligen Badischen Landeskunstschule (der heutigen Karlsruher Kunstakademie) zu zeigen und darüber hinaus in den größeren fotohistorischen Kontext der Zeit vor und um 1930 einzubinden, der mit dem Etikett „Neue Fotografie“ belegt werden kann.
 
Neue Fotografie, Neue Sachlichkeit,
Neues Sehen
 
Unter diesem Begriff lassen sich unterschiedliche Tendenzen der 1920er und frühen 1930er Jahre subsumieren. Genannt seien als die beiden Hauptströmungen jener Zeit die „Neue Sachlichkeit“ einerseits und das „Neue Sehen“ andererseits – in der Realität freilich mit fließenden Übergängen, so daß diese Unterscheidung eher idealtypischer Natur ist. Wenn nun das neu entdeckte, in München und jetzt in Karlsruhe gezeigte und in einem schönen Katalogbuch publizierte fotografische Œuvre Hubbuchs dem sog. Neuen Sehen zugeschlagen wird, so ist das allerdings nur bedingt zutreffend. Denn dieser innerhalb der Neuen Fotografie dezidiert experimentell operierenden Richtung, deren radikalster Vertreter der ungarische Konstruktivist und Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy war, ging es nicht primär um eine realistische, „neusachliche“ Abbildung des Sichtbaren, wie Albert Renger-Patzsch sie damals praktizierte, sondern um die Einübung neuer, der modernen Industriegesellschaft und der avancierten Kommunikationskultur entsprechender Sehgewohnheiten. Neben abstrakten Fotogrammen entstanden Kamerafotografien, die sich durch ungewöhnliche Herangehensweisen, Bildausschnitte und Blickwinkel auszeichneten: extreme Naheinstellungen, Drauf- und Untersichten, unorthodoxe Bilddiagonalen, harte Schatten, bewußte Unschärfen, Positiv-Negativ-Umkehrungen. Tradierte Sehgewohnheiten sollten unterlaufen, das Sehen selbst mit Hilfe des Kameraauges erweitert, aktiviert und im Hinblick auf eine neue, von Technik und Maschinen, von Tempo und Beschleunigung der

Karl Hubbuch, Hohenzollernbrücke Köln 1928
Lebensvollzüge bestimmte Epoche konditioniert und moduliert werden.
 
Selbstinszenierungen, Modellbildnisse, Street Photography
 
Das alles findet sich bei Hubbuch nur ausnahmsweise. Ein signifikantes Beispiel für dieses „Neue Sehen“ ist die in kühner Untersicht fotografierte Kölner Hohenzollernbrücke, ein Foto von 1928. Doch als ein von der genauen Gegenstandswahrnehmung herkommender Maler und Zeichner interessierte ihn weniger jene experimentelle Fotoästhetik, wie sie etwa für Moholy-Nagy typisch war. Vielmehr stand immer der Mensch im Mittelpunkt seines fotografischen Interesses – sei es als inszeniertes Selbst, als Modellbildnis oder als Schnappschuß im öffentlichen Raum. Großartig ist die Serie der mit Selbstauslöser aufgenommenen Selbstporträts im Atelier aus den späteren 1920er Jahren, in denen der Künstler gemeinsam mit seiner damaligen, äußerst selbstbewußt agierenden Frau Hilde figuriert und teilweise slapstickartig Aspekte des Rollenwechsels zwischen Mann und Frau durchdekliniert. Bevor beide eine Paar wurden, hatte Hilde an der Badischen Landeskunstschule u.a. bei ihrem späteren Ehemann Karl Hubbuch Kunst studiert. Sie, die Anfang der 1930er Jahre an das Dessauer Bauhaus ging, um bei dem dortigen Fotolehrer Walter Peterhans zu hospitieren (übrigens kein Vertreter des Neuen Sehens, sondern eher einer surreal affizierten Neuen Sachlichkeit), dürfte es gewesen sein, die ihren Mann zur Auseinandersetzung mit der Fotografie angeregt hat. Breiten Raum nehmen Hubbuchs Fotos ein, die seine Modelle zeigen, so die junge Ballettschülerin Martha Huber und die sportlich jugendliche Marianne Beffert, die der Künstler im Badeanzug im Schwimmbad oder nackt im Atelier, am Fenster oder auf dem Balkon abgelichtet hat – Fotos, die etwas von der um 1900 einsetzenden und bis in den

Karl und Hilde Hubbuch vor dem Spiegel nach 1927
1920er Jahre hineinreichenden Lebensreform transportieren, zu der auch die Freikörperkulturbewegung gehörte. Nicht nur in seinen meisterhaften Gemälden und Zeichnungen, von denen eine kleine Auswahl die Fotografien der Karlsruher Schau ergänzt und aufschlußreiche Querbezüge zwischen den Medien gestattet, sondern auch in seinen zahlreichen, der sog. Street Photography zurechenbaren Fotos erweist sich Hubbuch als „Sozialphysiognomiker“, dem es gelungen ist, Zeittypisches treffend zu erfassen und insofern uns Heutigen interessante Einblicke in den Alltag der Zwischenkriegszeit und der heraufziehenden Nazi-Diktatur zu vermitteln. Abgesehen von ihrem dokumentarischen Wert vermögen sie den Betrachter gerade deshalb zu fesseln, weil sie nicht der sensationellen Gestaltung nachjagen, sondern unaufgeregt charakteristische Situationen dokumentieren und dabei immer die menschliche Perspektive berücksichtigen – sei es beim närrischen Treiben in der Straßen Karlsruhes (um 1930), bei einer Flugschau, nachdem Karlsruhe in das deutsche Luftverkehrsnetz eingebunden worden war (nach 1933), auf den Straßen von Paris (nach 1933), anläßlich der Ausstellung des „Heiligen Rocks“ in Trier (1933), auf einem Kinderspielplatz in Karlsruhe (um 1930) oder im Schwimmbad Rappenwört (um 1933). Hier ist Hubbuch mit der entschiedenen Betonung der Diagonale das eine oder andere Foto gelungen, das tatsächlich eher dem Geist des Neuen Sehens nahesteht als einer sozialdokumentarisch grundierten neusachlichen Fotografie.
 
Erweiterter Kontext: Die Badische Landeskunstschule
Im Laufe der 1920er Jahre war die Fotografie – neben dem Film – zum Leitmedium avanciert.

Karl Hubbuch, Marianne in Hubbuchs Atelier, nach 1929
Einschlägige Publikationen und große Überblicksschauen wie die vom Deutschen Werkbund 1929 in Stuttgart veranstaltete Ausstellung „Film- und Foto“ (FiFo) bedeuteten am Ende des Jahrzehnts den endgültigen Triumph der Neuen Fotografie. An fortschrittlichen Kunstschulen wurde die Fotografie in das Curriculum aufgenommen, so beispielsweise an der Burg Giebichenstein in Halle und am Bauhaus in Dessau. Auch an der Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe, gemäß den progressiven Ideen der sog. Kunstschulreform des frühen 20. Jahrhunderts ein Zusammenschluß der Kunstakademie und der Kunstgewerbeschule, wurde, wenn auch nur kurz, Fotografie gelehrt. Neben den Fotografien von Karl Hubbuch werden in der Karlsruher Ausstellung fotografische Arbeiten aus dem Umkreis des Künstlers gezeigt, also von seinerzeit an der Schule Lehrenden und Lernenden, die einen differenzierten Blick auf ein spannendes Kapitel der Fotogeschichte erlauben. Namentlich erwähnt sei nur Ellen Rosenberg, die später, nachdem sie bei dem Bauhaus-Lehrer Walter Peterhans gelernt hatte, unter dem Namen Ellen Auerbach Karriere machte und zusammen mit Grete Stern das überaus erfolgreiche Fotostudio „ringl + pit“ betrieb.
 
Karl Hubbuch und das Neue Sehen
Die Karlsruher Kunstakademie und die Fotografie um 1930
Städtische Galerie Karlsruhe
Lichthof 10 - Lorenzstraße 27 - 76135 Karlsruhe
bis 9. Juni 2013 Informationen: www.karlsruhe.de/b1/kultur/kunst
Katalogbuch „Karl Hubbuch und das Neue Sehen“, hrsg. v. Ulrich Pohlmann und Karin Koschkar, Schirmer/Mosel, München 2011; in der Ausstellung 38,- €, im Buchhandel 49,80 €
 Alle Abbildungen: Städtische Galerie Karlsruhe
Weitere Informationen: www.schirmer-mosel.com