Die Zauberflöte

Höhepunkt der Nürnberger Opernsaison

von Alexander Hauer
Staatstheater Nürnberg 
Die Zauberflöte
Große Oper in zwei Aufzügen
Von Wolfgang Amadeus Mozart
 
Welche Freude wird das sein…
 


Musikalische Leitung: Christof Prick - Choreographie und Inszenierung: Laura Scozzi - Bühne: Natacha Le Guen de Kerneizon - Kostüme: Jean-Jacques Delmotte - Choreinstudierung: Edgar Hykel - Videoprojektionen: Stéphane Broc - Lichtdesign: Marie-Hélène Pinon - Dramaturgie: Judith Debbeler - Aufführungsfotos: © Ludwig Olah

Tagesaktuelle Besetzung: Guido Jentjens (Sarastro) - Tilman Lichdi (Tamino) - Kurt Schober (Sprecher, 1. Priester) - Kalle Kanttila (2. Priester) - Hrachuhí Bassénz (Die Königin der Nacht) - Heidi Elisabeth Meier (Pamina, ihre Tochter) - Sybille Witkowski (Erste Dame der Königin) - Ezgi Kutlu (Zweite Dame der Königin) - Teresa Erbe (Dritte Dame der Königin) - Audrey Larose Zicat (1. Knabe) - Friederike Mauß (2. Knabe) - Therese Fauser (3. Knabe) - Melih Tepretmez (Papageno) - Melanie Hirsch (Papagena) - Richard Kindley (Monostratos) - Martin Nyvall (Erster Geharnischter) - Daeyoung Kim (Zweiter Geharnischter)

Zurück zu den Wurzeln

Zuerst kommt das schöne Bildnis, dann wird er sie zu retten wissen, dann Mann und Weib, die heiligen Hallen, die höllische Rache, die lieben Kinderlein, und nach den Strahlen der Sonne geht man (meistens glücklich) heim. Ach, das Wolferl ist ja so liab.
Am Samstag war’s dann auch wieder schön, nein, es war wunderschön. Laura Scozzi brachte „Die Zauberflöte“ wieder dahin, wo sie herkam. Zurück zu den Ursprüngen des Volkstheaters, hin zu den spätbarocken Zauberbühnen, hin zur hintergründigen Unterhaltung für das „einfache Volk“. Wer jetzt aber eine Art Mozartstadl oder das Herbstfest der Mozartmusik erwartete, wird enttäuscht werden. Laura Scozzi erfüllte die Erwartungen, die seit ihrem Erfolg mit „ Benvenuto Cellini“ sehr hochgeschraubt waren, aufs Beste. Ihr zur Seite stand ihr eine erstklassige Sängerriege, die ihr Regiekonzept mit Leben füllte.


Heidi Elisabeth Meier, Hrachuhí Bassénz, Guido Jentjens - Foto © Ludwig Olah
 
In Büsum gibt´s einen Keuschheitsverein

Aber von Anfang an: Ort der Handlung ist ein Wintersportort, irgendwo zwischen St. Moritz, Aspen und Kitzbühl in den frühen 60ern. Auf den Höhen betreibt Sarastro seinen exklusiven Keuschheitsverein, basierend auf dem Frauen-Männerbild eines längst vergangenen Jahrhunderts, im Tal herrscht die Königin der Nacht, uneingeschränkte Herrscherin des Nachtlebens und der bukolischen Freude. Der charismatische Rockerrebell Papageno treibt ihr ihre Vögelchen in Form von jungen potenten Partygängern zu. Ihr Töchterlein hat sich dem eher prüden Männerverein angeschlossen, bereit dort das Hausmütterchen zu spielen. Die Mutter würde sie lieber als Partyluder sehen und schickt dafür den schicken Skicrack Tamino hinauf zu Sarastro. Zunächst wird im der Zugang zu den drei Pisten Vernunft, Natur und Wahrheit verweigert. Doch die durch die Zauberflöte herbeigerufenen Tiere ermöglichen ihm den Zutritt. Mit dem Lift geht’s nach oben zu Sarastros Burg.
 
Sarastro und der ICE

Sarastro läßt seinen frömmelnden Herrenverein vom strengen Monostatos überwachen, doch der Cleansex a la Doris Day von Pamina macht auch ihn heiß und so vergißt er mal das Zölibat. Rocker Papageno gelangt schneller zum Ziel, schnappt sich Pamina und dann geht’s mit einer Schlittenfahrt hinunter ins Tal. Dort reist Sarastro gerade  mit dem ICE an und wird von einer Volkstanzgruppe und Majoretten begrüßt. Nach der Pause geht es ähnlich amüsant weiter. Während der Hallenarie erkennen Sarastro und die Königin erste gemeinsame Interessen, Paminas „ Ach ich fühl’s“ Arie gestaltet sich zum tragischen Höhepunkt in einer kalten, feindlichen Natur.
Papageno bekommt seine Papagena, sie ziehen in eine Berghütte und erarbeiten sich die vielen Kinderlein. Nach dem gescheiterten Terroranschlag der Königin rettet sie Sarastro aus den Trümmern und bei den Strahlen der Sonne entschwinden die beiden nach einem Grillfest in die verdienten Flitterwochen. Die Herren haben ihre Damen gefunden, außer Monostatos, der sich mit den „drei Damen“ begnügen muß.


Guido Jentjens, Heidi Elisabeth Meier, Ensemble - Foto © Ludwig Olah

Dramaturgie, Bühne, Kostüme: Chapeau!

Soweit die Handlung, die sich, bis auf den Schluß, sklavisch an die Vorlage Schikaneders hält. Neben der exzellenten Personenführung Laura Scozzis bildet das Bühnenbild Natacha Le Guen de Kerneizon’ die zweite tragende Säule der Inszenierung. Sie verwandelt die Bühne des Nürnbergers Staatstheaters in einen Zauberkasten. Ständig im Umbau werden stets neue Bilder erschaffen. Ihre coole James Bond-Optik bei Sarastro, das heimelige Winterdörfchen, die Versatzstücke, wie die 60er-Jahre Küche, vermitteln Authentizität, ohne aufgesetzt zu wirken. Die Kostüme von Jean-Jacques Delmotte besitzen eine eigene Dramaturgie.
Papageno ist der liebenswerte Rocker, seine Papagena trägt flottes Schottenkaro, Pamina in braven Glockenrock und Blüschen, die Königin der Nacht im verschärften Jacky Kennedy Look, Sarastro im James Bond Bösewichtsmoking, seine Priester im Wieland Wagner Rollkragenpullover, Tamino im Skioutfit, die drei Knaben geben die „Singenden Drillinge“ in identischen roten Keilhosen und Pullover, die drei Damen in eleganter Abendgarderobe, tief dekolletiert, und Monostatos könnte auch als Priester durchgehen.

Besetzung: a la bonheur
 
Allein das würde eine Fahrt nach Nürnberg schon rechtfertigen, aber die musikalische Leistung soll eigens gewürdigt werden. Tilman Lichdi ist ein stimmlich eleganter Tamino. Sein Tenor klingt stets unangestrengt, leicht. Heidi Elisabeth Meier als Pamina gibt ihrer Figur Tiefe. Ihre g-moll Arie setzt Maßstäbe in Interpretation und Intonation. Melih Tepretmez gibt seinem Papageno nicht nur sängerische und schauspielerische Souveränität, neben trinken, essen und küssen kann er auch noch tanzen, ebenso wie seine Papagena Melanie Hirsch. Die drei Damen, Sybille Witkowski, Ezgi Kutlu und Teresa Erbe sind drei stimmgewaltige und hocherotische Ladies. Audrey Larose Zicat, Friederike Mauß und Therese Fauser geben als Drillinge den Knaben Witz und Ironie, Richard Kindley gibt den Monostatos voll unterdrückter Lust, dabei aber immer textgenau und verständlich. Kalle Kanttila und Daeyoung Kim sind zwei Geharnischte, wie man sie sich nicht besser wünschen könnte, Guido Jentjens ein souveräner Sarastro, glaubwürdig in seiner Wandlung vom frömmelnden Fundamentalist zum entspannten Liebhaber.
 
Hrachuhí Bassénz - ein Traum!

Aber bei einer Königin der Nacht wie Hrachuhí Bassénz ist das auch kein Wunder. Bildschön in Stimme und Erscheinung fasziniert sie vom ersten Auftritt an. Ihre Stimme wird auch bei den Spitzentönen nicht schrill, behält stets den warmen angenehmen Ton. Der Chor von Edgar Hykel in gewohnt hoher Qualität einstudiert, genau wie die Nürnberger Philharmoniker unter Christof Prick. Orchester und Chor unterstützen das Ensemble der Solisten, ohne sie zu überlagern oder zu überfordern.


Hrachuhí Bassénz, Tilman Lichdi - Foto © Ludwig Olah
Laura Scozzi und ihrem Team gelingt eine nur auf den ersten Blick lustig-launige Zauberflöte. Der Blick auf die verschiedenen Lebenswelten, auf das durch Hollywood geprägte Frauen und Männerbild erschließt sich erst in zweiter Linie. Das von Mozart und Schikaneder nicht beabsichtigte Happy End bringt die Braven und  die Wilden zusammen, nur in der gegenseitigen Toleranz und der Akzeptanz des Gegenüber und ein aufeinander zu Gehen ermöglichen das Zusammenleben in unserer Gesellschaft.
 
Höhepunkt der Nürnberger Opernsaison

Die Nürnberger Zauberflöte ist der Höepunkt dieser Saison, spritzig, witzig, voll musikalischer Raffinesse. Einige ignorante Buher haben die Qualität von Sängern, Orchester und Regieteam nicht erkannt, wurden aber von der überwiegenden Mehrheit in Grund und Boden gejubelt. Hinfahren - Glücklich sein.

Redaktion: Frank Becker