Gretchen im Abenteuerland
Pralles Theater mit Nicolas Charaux´ Wuppertaler „Faust“-Inszenierung
Faust à jour?
oder
Gretchen im Abenteuerland
Auf jeden Fall pralles Theater
Traumschöne elysische Gefilde als optische Kulisse eröffnen auf der kleinen Bühne des Wuppertaler Schauspiels einen Theaterabend, der sich heftig an Goethes „Faust“ anlehnt, sogar mutig unter dessen Namen firmiert, aber doch eher als freche Parodie daherkommt. Wer jetzt die klassische Abfolge Vorspiel auf dem Theater, Prolog im Himmel und den zweifelnden Faust-Monolog erwartet, sieht sich mit der anfangs lediglich grundierten Theatertruppe konfrontiert, die gemeinsam den Osterspaziergang na ja, sagen wir mal herunterbetet. Später tritt man in Maske auf, bis ins Groteske gesteigert, was ein weiterer Tip ist, das Ganze nicht allzu ernst zu nehmen. Es folgt der Prolog, dem schließlich munter (!) der Faust-Monolog („Habe nun ach…) folgt, auf drehender Bühne bis ins schier Unendliche gedehnt, indem der am Nutzen seines Bildungsstands zweifelnde Dr. Faust sich in der Aufzählung quasi aller heute möglichen Studiengänge verliert. Das ist zwar eine witzige Idee, erstickt sich aber bald selbst. So soll es laut Programmzettel nun eine Stunde und fünfzig Minuten weitergehen, also beinahe zu einem Dramolett komprimiert. „Himmel hilf!“ denkt man – doch schließlich hat der Abend nur 1:35 und, lernt man später, umfaßt den ersten und den zweiten Teil des Goetheschen Dramas.
Zwar weit ausgedehnter als ein Dramolett aus Wolfgang Bauers Sicht und weit weniger witzig als die köstlichen „Faust“-Erklärungen von Michael Quast und Philipp Mosetter 2015, doch immer noch zigmal origineller als z.B. der „Faust I reloaded“ der Württembergischen Landesbühne 2020 präsentiert sich bei seiner immerhin sechsten (!) Wiederaufnahme Goethes kompletter „Faust“ in der Wuppertaler Erfolgs-Inszenierung von Nicolas Charaux.
Wer den „Faust“ kennt, sortiert ihn sich in dieser knallbunten Inszenierung bei all den kuriosen Song-Einlagen, simultan gespielten und gesprochenen oder von den Looney Tunes begleiteten Passagen zurecht. Auch duldet man mit Amüsement den Mephisto-Monolog „Ich bin der Geist…“ von der Schallplatte (war´s Gründgens? - vermutlich). Wer ihn nicht kennt, bekommt immerhin pralles, schrilles Theater, von einem inspirierten Ensemble in Bestform und sehr unterhaltsam gegeben.
Zwar spielt jede der sechs Personen auf dem Bühnenrund, das sich nach dem Öffnen des Vorhangs als Meer des Irrtums mit idyllischer Insel entpuppt, nahezu jede Rolle, jede(r) ist Protagonist. Doch heben sich einige durch ihnen zugemessene Leistungen durchaus noch ab, wie z.B. Stefan Walz, der mit seinem Goethe aufgedrückten ergreifenden Suizid-Monolog glänzt, ja tief berührt. Marie Lumpp und Julia Meier sprechen weite Passagen vom Bühnenrand den simultan agierenden vier Herren auf den Mund, meisterlich und differenziert gelungen. Julia Meier, ihre instrumentalen Einlagen sind stets ein Glanzlicht jeder Inszenierung, gibt zusätzlich die musikalische Begleitung live am Keyboard und der E-Orgel.
Wenn dann nach den geschätzten 95-110 Minuten (durch den Faust 2 wird geradezu sträflich hindurchgehetzt) das Bühnenlicht erlischt, hat man Theater bekommen, wie es sein soll: dramatisch, komisch, ergreifend, künstlerisch brillant, mephistophelisch. Johann Wolfgang von Goethe, hört man, soll sich geräuschvoll im Grabe gedreht haben, das Publikum aber belohnte das glänzende Ensemble mit verdient langem Applaus, sieben Vorhängen und Bravi. Den Abend kann man ohne Vorbehalt empfehlen.
Apropos Publikum: Höchst störend und den Darstellern gegenüber rücksichtslos und unhöflich waren das verspätete Eintreffen vieler junger Zuschauer (bis zu 20 Minuten nach Vorstellungsbeginn) und das Hinaus- und Hineingehen während der Vorstellung. Leute, das ist kein Kinobesuch, hier stehen Menschen auf der Bühne!
Inszenierung: Nicolas Charaux – Bühne & Kostüme: Pia Maria Mackert – Dramaturgie: Barbara Noth – Regieassistenz: Alexander Sturm
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
Informationen: www.wuppertaler-buehnen.de
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