Meine Lieblingsbücher (9)
Louise Fatio Roger Duvoisin - Der glückliche Löwe
Erwin Grosche
Meine Lieblingsbücher Neun
Louise Fatio Roger Duvoisin Der glückliche Löwe
Der Juli war ein heißer Monat. Er war so heiß, daß alle Hundebesitzer schon am frühen Morgen unterwegs waren, um ihren Vierbeinern noch einmal ein Bad in den umliegenden Seen zu gönnen. Die Sonne behelligte jeden und man konnte von Augenblick zu Augenblick spüren wie sie heißer und heller wurde und auch diesen Tag unerträglich machen wollte. Ich hatte zum Glück das Buch vom glücklichen Löwen dabei und es leuchtete hell in der Sonne und blendete mich. Ich hatte es erst einen Tag zuvor von meinem Freund Niko geschenkt bekommen und es tat gut einen glücklichen Löwen in den Händen zu halten. Wie schnell etwas mein Lieblingsbuch werden konnte. Ich war glücksverrückt. Ich trug es in einer durchsichtigen Plastiktüte und war überrascht, wie viele Menschen es kannten. „Oh, da ist ja der glückliche Löwe“, riefen sie. Natürlich kannte ich auch den glücklichen Löwen und hatte ihn meinen Kindern vorgelesen. Manche Textpassagen kannte ich auswendig und war gerührt über die melodiöse Sprache des Löwen. „Uaaah“ konnte übersetzt sehr angenehm klingen. Der glückliche Löwe kam im Jahr meiner Geburt heraus und erhielt 1956 den erstmals vergebenen Deutschen Jugendbuchpreis. Heinrich Böll hat weitere Bände der Reihe übersetzt, aber der erste Teil war von Fritz Mühlenweg übertragen worden, nachdem er in Bielefeld eine Lehre als Drogist abgeschlossen hatte. Man spürt das manchmal noch bei der Beschreibung von Stimmungen, die so detailverliebt nur ein ausgebildeter Drogist empfinden kann. Solche Feinheiten waren uns damals nicht wichtig, als wir als junge Eltern unseren Kindern das Bilderbuch ans Herz legten. „Wie macht der glückliche Löwe?“, fragten wir. „Uaaaah“, machten die Kinder. Seitdem war der glückliche Löwe bei uns. Er begleitete uns ins Schwimmbad und zu Oma und Opa. „Uaaah!“, machte der Bademeister, wenn er uns mit dem glücklichen Löwen sah. Wir wedelten ihm damit frische Luft zu und nahmen es als Unterlage, wenn wir auf der Wiese einen Brief schreiben wollten. „Lieber Löwe, wir haben dich gerne. Du bist unser Schatz.“
Guten Kinderbüchern sieht man an, daß sie geliebt worden sind. Irgendwann ist das Cover ausgebleicht, der Schutzumschlag verschwunden und der Rücken löst sich vom Einband. Die Seiten sind zerlesen, Eselsohren zeigen an, wo man am Abend vorher stehen geblieben war und welche Stellen man besonders gut fand. Manche Schwarz/Weiß-Zeichnungen wurden von den Kindern mit Farbstiften bearbeitet und auf einer Seite hatte der Löwe plötzlich einen Hut auf.
Manche Kinderbücher sind auch einfach weggelesen worden. Wo ist das Buch „Joram und der Zauberhut“ von David Grossman (Hanser-Verlag) geblieben? Wer hat das Meisterwerk „Das literarische Kaleidoskop“ von Regina Kehn (KJB-Verlag) verschwinden lassen? Auch das Buch von Nadia Budde „Trauriger Tiger Toastet Tomaten – Ein ABC“ (Peter Hammer Verlag) ist weg und der so schöne und wichtige Sammelband „Warum ist Rosa kein Wind?“, den Christine Knödler im Ravensburger Buchverlag herausgegeben hat und der von Stefanie Harjes so einzigartig illustriert wurde, ist futschikato. Alle diese Bücher stehen nicht mehr in meinem Regal, sind weggelesen oder nun bei den Kindern meiner Kinder und ihren Freunden gelandet. Manche Kinder lesen keine Kinderbücher mehr, wenn sie zu Erwachsenen geworden sind und ein Smartphone sie ablenkt. Es lohnt sich aber immer wieder den Kinderbuchmarkt zu verfolgen. In keiner Sparte erscheinen so wundervolle und kunstvoll gestaltete Bücher wie beim Kinderbuch. Man kann damit eine Liebe bewahren indem man seiner Geliebten jeden Abend aus einem Kinderbuch von Ernst Jandl vorliest. Schenken sie ihrem Steuerberater das Buch mit den Illustrationen von Rotraut Susanne Berner „Der fliegende Hut“, bringen Sie ihrem Friseur das Buch von Norman Junge „Der Schlafbewacher“ mit zu dem ich den Text beitragen durfte. Überraschen sie ihren Zahnarzt mit dem Werk „Neues Abc-Buch“ von Karl Philipp Moritz und den Illustrationen von Wolf Erlbruch aus dem Kunstmann Verlag.
An diese Bücher und Geschichten dachte ich, als wir an diesem heißen Julitag mit dem glücklichen Löwen unterwegs waren. So umrundeten wir zweimal den See und trafen Hunde, Angler, Schwäne und Kinder. Alle zeigten auf das Buch und grüßten den glücklichen Löwen. „Oh, da ist ja der glückliche Löwe“ riefen sie und „Das Buch hatten wir auch.“
Einmal mußte ich das Buch sogar einem Kind vorlesen, das sich sonst geweigert hätte weiter zu gehen. „Wir sind ihnen so dankbar“, sagte die Eltern. „Für den glücklichen Löwen mache ich alles“, sagte ich.
Auf der Rückfahrt, nach der Hundeplantscherei, fuhren wir an der Michael-Grundschule vorbei, auf dessen Pausenhof, sich trotz der Ferien, Kinder und Polizisten rumtrieben. War da eine Fahrradprüfung im Gange?
Plötzlich stand ein Polizist auf der Straße und winkte mich mit seiner Kelle raus. Mein Hund lag hinter dem Fahrersitz im Schatten und bekam alles nicht mit. Er war müde und gab keinen Ton von sich. Was hatte ich getan?
An der Beifahrerseite tauchte eine Polizistin auf, die neben einem Kind stand. Beide trugen gelbe Warnwesten. Ich ließ das Seitenfenster heruntergleiten. „Darf ich die Tür aufmachen?“, fragte die Polizistin, die viel zu alt war um noch im Bereitschaftsdienst eine Rolle zu spielen. War sie überhaupt eine Polizistin? Sie war gar nicht arrogant. Ich wies auf meinen Hund hin, der trotz der Situation ruhig blieb und anscheinend zu erschöpft war, um sich über den Übergriff zu beklagen. „Wissen Sie, daß hier eine Grundschule ist?“ Ich nickte. Natürlich kannte ich die Michael-Grundschule, weil dort immer Kinder waren, die in der Pause den Autofahrern die Zunge rausstreckten. Die Frau mit der Warnweste sagte etwas zu dem Jungen der neben ihr stand. Was hatte ich nur falsch gemacht? Schließlich reichte das Kind mir einen Zettel durch das Fenster. Was sollte ich denn mit dem Zettel? „Das ist ein Dankzettel“, sagte das Kind. Auf dem Blatt Papier sah ich ein lachendes Gesicht und eine kleine Blume, die aussah als hätte sie Rotraut Susanne Berner gemalt. Rotraut Susanne Berner kann malen, wie sonst nur noch Kinder malen können. „Sie sind 25 gefahren und das war vorbildlich. Wir gratulieren“, sagte die Frau mit der Warnweste.
Ich war überrascht. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war ein Held. Eigentlich war ich nur in Gedanken gewesen. Eigentlich hatte ich nur an den glücklichen Löwen gedacht. Vom Pausenhof kamen Kinder gelaufen, die aus ihren Rucksäcken eine Blockflöte zückten und das Lied von der güldenen Sonne spielten:
„Die güldene Sonne
bringt Leben und Wonne,
die Finsternis weicht.
Der Morgen sich zeiget,
die Röte aufsteiget,
der Monde verbleicht.“
Ich atmete auf. Ich war gerührt. Ich hatte nichts verkehrt gemacht. Es war alles gut und alle strahlten mich an. Keiner wollte meinen Kofferraum öffnen und hoffte dort einen entführten Schwan zu finden.
„Der Dankzettel bekommt bei mir einen Ehrenplatz“, sagte ich. Plötzlich entdeckte der kleine Junge mit der Warnweste den glücklichen Löwen. „Er hat den glücklichen Löwen im Auto“, rief er. Alle Kinder standen um meinem Auto herum. „Seid ihr denn dafür nicht zu alt“, fragte ich. Die Kinder schüttelten den Kopf. „Für den glücklichen Löwen ist man nie zu alt.“ Ich öffnete das Verdeck des Autos und stellte mich hin. Es wurde so still, daß man eine Stecknadel auf den Boden hätte fallen hören können. Ich las den schönen Text vor, von der ersten bis zur letzten Seite, wo der Löwe wieder in den Zoo in seinen Käfig gegangen ist. „Warum will denn der Löwe wieder zurück in den Käfig?“, fragte das Kind mit der Schutzweste. „Weil ihr nach den Ferien auch wieder in die Schule geht“, sagte ich. Mein Hund wurde wach und fing an zu bellen.
„Danke für den Dankzettel“, sagte ich. Ich schloß wieder das Verdeck, ich durfte weiterfahren. Wir lachte alle. Ich zeigte noch auf das Bilderbuch „Hoch lebe der glückliche Löwe“, riefen alle. Die Kinder klatschten. Schnell, vielleicht sogar zu schnell, fuhr ich weiter.
Wie beruhigend es ist, nun wieder das Kinderbuch „Der glückliche Löwe“ bei sich zu haben. Mein Freund suchte extra eine frühe Ausgabe aus dem Jahre 1971 aus. Der Schriftzug ist noch ungeschwungen und die Farben im Buch sind noch zart und zurückhaltend. So haben wir es gerne: zart und zurückhaltend. So fahren wir auch mit 25 an Grundschulen vorbei.
Der glückliche Löwe
von Louise Fatio und Roger Duvoisin
© 2018 kizz in Herder, 1. neue Auflage, 32 Seiten, gebunden - ISBN 978-3-451-71559-4
Altersempfehlung: 3 Jahre
16,- €
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