Mutter-Terror wird zum Horror
„Im Spiegel meiner Mutter“ von Jutta Brückner
Im Spiegel meiner Mutter
Deutschland 2026 Drehbuch und Regie: Jutta Brückner
Mit: Corinna Harfouch, Hildegard Schmahl, Carla Juri u.a. Vaterkomplex, Mutterkomplex, die Eltern sind sowieso an allem schuld. Davon lebt die Literatur seit tausenden von Jahren und die Psychoanalyse, seit es sie gibt. Gerade in unserer Zeit, die einen Opferstatus ohnegleichen aufgebaut ist, kann man kaum mehr einen Roman lesen, wo die Schuld der Eltern nicht anklagend aufgearbeitet wird. Und das gibt es natürlich auch im Kino.
Die mittlerweile 85jährite Autorin / Regisseurin Jutta Brückner hat dazu ein dickes Paket von Problemen und Komplexen abgearbeitet, „Im Spiegel meiner Mutter“ ist schon der dritte und letzte Film einer Trilogie zum Thema und so autobiographisch wie die beiden ersten Teile.
Zu Beginn ist die Mutter seit zwei Tagen tot, am Ende begräbt die selbst schon an der Schwelle des Alters stehende Tochter die Urne der Mutter – möge sie sich damit befreit haben. Dazwischen liegt eine nervenzerreißende Geschichte – für die Protagonistin und das Publikum.
Jutta Brückner erzählt die Geschichte der Archäologin Ursula Scheuner, deren Universität offenbar direkt neben einem Moor liegt, auf mehreren Ebenen. Eine äußere berufliche scheint realistisch – die Räumlichkeiten der Uni werden umgebaut, sie muß unter höchster Lärmbelästigung unterrichten, was an den Nerven zerrt, mit den Studenten kommt es sogar zu unguten Szenen, als sie Courbets Unterleibs-Gemälde zeigt.
In ihrer persönlichen wissenschaftlichen Arbeit ist sie mit einer von ihr gefundenen Moorleiche befaßt – die Frage nach Schicksalen von einst, von denen man nichts weiß, stellt sich, eine Art Krimi scheint sich anzubahnen, der allerdings nicht eingelöst wird.
Aber vor allem ist Ursula mit der toten Mutter befaßt, deren Haus (in dem sie selbst lange mit ihr gelebt hat) sie räumt. Die tote Mutter ist überall, schaut aus dem Spiegel, läßt mit lebenslangen Quälereien nicht locker, klammert sich an die Tochter, nachdem sie den Vater aus dem Haus geworfen hat, quält und erniedrigt sie allerdinge – im Zeichen der Liebe? Eher eines Besitzanspruchs, aus dem sich die Tochter lebenslang nicht lösen könnte.
Aber die Mutter ist nicht das einzige Gespenst, das um Ursula ist – die Assistentin, die da plötzlich vor ihr steht, obdachlos, die sie ins Haus der Mutter mitnimmt und die ihr „aufräumen“ hilft, bewältigen hilft, loslassen hilft – die hat sie sich vermutlich aus ihrer Not heraus herbei phantasiert. Denn später hört man, daß die erwartete Assistentin erst nächste Woche kommen wird.
Jutta Brückner sorgt dafür, daß weder ihre Heldin noch das Publikum je festen Boden unter den Füßen haben, man ist nie sicher, auf welcher Ebene von Bewußtsein, Traum oder Wirklichkeit man sich befindet. Die Geschichte beschwört nicht weniger als Alltagshorror, der aus einer gequälten Seele wächst, lädt die Schmerzen der Vergangenheit auch dem Kinobesucher in nervenzerreißenden Szenen auf – und muß ihren Darstellerinnen danken, daß man beim Zusehen bei der Stange bleibt und sich nicht aus dieser Quälereien auskoppelt.
Denn Corinna Harfouch ist zweifellos eine der besten Schauspielerinnen Deutschlands, eine Meisterin der Stille, die mit erstarrtem Gesicht alle Verzweiflung der Welt transportieren kann. (Daß sich gelegentlich ein wenig Pathos einschleicht, möchte man der Regie, nicht der Darstellerin zuschreiben). Und die große Hildegard Schmahl (die Wiener Theaterbesucher noch aus ihrer Zeit bei Tabori im „Kreis“ kennen) versprüht phänomenal mit scheinbar ganz sanften Tönen das Gift der mütterlichen Macht und des nie loslassenden Beziehungskampfes. Schade nur, daß Carla Juri in der Rolle der geheimnisvollen Assistentin so geheimnislos und uninteressant bleibt.
Im Film-Club der gestörten Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs nimmt die fiktive Ursula Schauner zweifellos einen Platz in der ersten Reihe ein. Ein abgründiger Psychothriller, eine Krankengeschichte, von hier zum Horror ist es nur ein kleiner Schritt. Und im Hintergrund lauert das geheimnisvolle Moor…
|
