Von Fiasko keine Spur
„Steckerlfischfiasko“ von Ed Herzog
Steckerlfischfiasko
Deutschland 2026
Regie: Ed Herzog
Mit: Mit: Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff,
Enzi Fuchs, Eisi Gulp u.a.
Es hat seinen eigenen Reiz, wenn im Kino Geschichten mit demselben Personal immer weiter erzählt werden. Die Darsteller werden mit ihren Rollen älter, vielleicht reifer, vielleicht dümmer, vielleicht unverändert, aber man kennt und liebt sie. Es war meisterlich bei „Harry Potter“ der Fall, wo die jugendlichen Darsteller von Kindern zu Teenagern wurden.
Und den Franz Eberhofer, Dorfgendarm in dem (fiktiven, aber so echt wirkenden) bayerischen Ort Niederkaltenkirchen, kennt man auf der Leinwand nun auch schon seit dreizehn Jahren, und Darsteller Sebastian Bezzel ist in dieser Zeit das geworden, was man einen „gestandenen Mann“ nennt. Noch witziger die Verwandlungen seines Freundes Rudi – da hat sich Simon Schwarz was ganz Besonderes ausgedacht. Freundin Susi hält sich in Gestalt von Lisa Maria Potthoff schon sehr gut. Und mit dem Schulkind Pauli (Pelle Küffner) haben sie und der Franz einen entzückenden Sohn… So vergeht die Zeit.
Es ist der zehnte Teil der Eberhofer-Krimis, und noch nie (drei Jahre diesmal) war die Wartezeit vom letzten Film her so lang, was bei den Fans gewisse Sehnsüchte erweckt hat. Und das bewährte Team, die Autorin Rita Falk (die auch die zugrunde liegenden Buchhandels-Dorfkrimis schreibt) und Regisseur Ed Herzog haben die bekannten Zutaten neu und wieder sehr vergnüglich verrührt (mit einem kleinen, aber nicht allzu penetranten Zugeständnis an den Zeitgeist).
Aus vielen Handlungsfäden webt sich eine reichhaltige, kurzweilige Geschichte, die von einem Motiv zum anderen springt. Der Mord, um den es geht, steckt im Titel. Polizist Eberhofer wird immer wieder zu wüsten Auseinandersetzungen zwischen dem „Steckerlfischkönig“ Paulus und der großen, geradezu mafios strukturierten Familie Dottinger gerufen. Den alten Paulus spielt ein prominenter Schauspieler, der nicht genannt (aber wohl erkannt) werden will, nach seinem Wutausbruch ist er allerdings auch schon weg und hat seinen nächsten Auftritt als Leiche.
Die Dottingers, deren „Don“ eine herrlich zynische Mama ist (Petra Berndt), sind eine Dorfballaden-Wucht mit ihren schrottreifen Autos und bedrohlichem Auftreten. In ihrem frechen Jungspund-Junior (Niklas Marian Müller) haben sie allerdings ein Mitglied, das der Tat des Mordes heftig verdächtig ist.
Als Erbin taucht die schwarzhaarige Tochter Tessa Paulus (Ruby O. Fee) auf, schön wie aus dem Bilderbuch, so daß der sonst meist phlegmatische Eberhofer sogar ganz große Augen bekommt. Allerdings braucht er zur Lösung des Falls wieder Hilfe, natürlich in Gestalt seines unverzichtbaren Kumpels Rudi Birkenberger.
Und Simon Schwarz stiehlt tatsächlich immer, wenn er auftaucht, die Show. Hat sich der Darsteller in seinen jüngst veröffentlichten Memoiren als gesicherter „Grüner“ geoutet, so erkennt man ihn auf Anhieb gar nicht – mit langem, strähnigem Blondhaar, in ziemlichem Fetzen-Outfit und, wie man hört, von einer Gestankswolke umgeben, die man tatsächlich zu riechen vermeint. Er möchte nämlich der Zivilisation (also auch so Kleinigkeiten wie Waschen und Dusche) abschwören – ist aber sonst der ewig gleiche Frechdachs mit agilen Schnüffelfähigkeiten, der am Ende tatsächlich die Lösung im Mordfall Steckerlfischkönig findet.
Nebenbei tut sich allerlei in Eberhofers Familie. Susi, ewig im Bürgermeisteramt beim Amtsinhalber (Thomas Kügel) tätig, hat die Nase voll von der Männerwirtschaft und bewirbt sich selbst als Bürgermeisterin – wobei sie im Wahlkampf nicht zimperlich ist.
Mit dem Franz Eberhofer, der sich in Susis neuem Haus, wo es zwar ein rotes Dali-Lippensofa gibt, sein Hund aber nicht hineindarf, gar nicht wohl fühlt, gibt es jede Menge Krach (das gehört einfach dazu). Der Franz zieht, von ihr hinaus geworfen, nicht ungern wieder zu Vater (hinreißend wie eh und je: Eisi Gulp) und Bruder Leopold (Gerhard Wittmann), dessen japanische Tochter abhandengekommen ist.
Solange das Schicksal gnädig ist und die im nächsten Jahr neunzigjährige Enzi Fuchs am Leben hält, muß sie als Oma dabei sein, wenn auch diesmal am Rande – sie geht in ein nobles Seniorenheim, aber keine Angst, am Ende kommt sie wieder, „dort sind ja lauter alte Leute!“.
Immerhin, wenn Oma weg ist, braucht man eine Haushaltshilfe, und bei der Ungarin Julika (Lara Mandoki) bekommen Papa und Bruder Eberhofer ihrerseits ganz große Augen.
Allerdings … es gibt einige Einwände, auch den: Na, sie kocht halt zu scharf, meint der Sohn von Franz und Susi, und mit dem jungen Pelle Küffner als Pauli hat der Film ein Juwel gefunden. Er kann über Papa und Mama nur den Kopf schütteln, ist ein kleiner Umweltschützer (der die geretteten Nacktschnecken im Schlafzimmer der Eltern aussetzt) – und, ja, er ist auch das Zugeständnis an den Zeitgeist. Falk und Herzog wollten sich wohl nicht vorwerfen lassen, auf die Trends der Zeit nicht einzugehen. Also liebt Pauli das Ballett – und wenn er selbst tanzt, will er es mit einem Tütü tun. Die Familie schluckt und weiß, daß man nicht widersprechen darf…
Während der Mordfall zu einer überraschenden Liebesgeschichte und einer noch überraschenderen Erbschafts-Wuttragödie mit letalen Folgen ausartet, ist da nicht viel Platz für das „normale“ Personal.
Aber vorkommen müssen sie – also finden sich Eberhofer, Installateur Flötzinger, (Daniel Christensen), Metzger Simmerl (Stephan Zinner) – den beiden ist man auch kurzfristig am Golfplatz begegnet – bei dem mürrischen Wirt Wolfi (Max Schmidt) ein, zu dem niemand mehr kommt, seit am Golfplatz viel eleganter ist – und die vier lassen für eine Szene die Sau raus. Auftauchen dürfen noch kurz Michael Ostrowski mit seinem bekannten Wiener Schmäh als Pathologe Günter, Ferdinand Hofer (der wohl den Münchner „Tatort“ übernehmen wird?) als Hilfspolizist Max und Sigi Zimmerschied als Dienststellenleiter Moratschek. Die gehören schließlich auch alle dazu,
Am Ende war man wieder voll und ganz ein Mitbewohner von Niederkaltenkirchen, und man wäre auch noch länger geblieben. Von Fiasko, wie im Titel angedeutet, keine Spur – nur Pech für den Ermordeten, der glücklicherweise auch kein „Guter“ war, Was die Schlußpointe dieser Geschichte betrifft (Stichwort: Bürgermeisterwahl), so wird die Fortsetzung damit sicher einiges anfangen können. Dieses war der zehnte Eberhofer-Streich, mögen noch viele folgen.
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