(Weih-)N├Ąchtliche Dramen mit Musik

Theater Hof mit Franz Wittenbrinks "Nachttankstelle"

von Alexander Hauer
Theater Hof

Franz Wittenbrinks "Nachttankstelle"
 
 
In dem seit rund fünfzehn Jahren auf „familientauglich“ kaputtsanierten St. Pauli gibt es eine Tankstelle mitten auf der Reeperbahn. Diese Tankstelle ist allnächtlich der Treffpunkt der

© SFF Fotodesign
Absturzgefährdeten und der Absturzwilligen. Szenekids, Nutten, Bürger und mancherlei Volk holt sich hier seinen Stoff, um den Rest der Nacht zu überstehen. Ein seltsamer Ort, der durch seine Bewohner oft etwas Magisches erhält. Diese Tankstelle, eigentlich mehr Supermarkt als Sprithandlung, hat an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden durchgehend geöffnet. Auch an Heiligabend.
Franz Wittenbrink hat in seinem „Liederabend“ eben genau die Stimmung dieser (un)heiligen Nacht eingefangen, die Traurigen, die Einsamen, die Enttäuschten finden sich ein. Thomas Mogendorf schuf dafür ein Bühnenbild, das sich sehr von der Hamburger Glitzerwelt der Reeperbahn unterscheidet. Eine einsame Landtankstelle, leicht verkommen, abgeranzt, steht im vollkommenen Gleichklang mit den wunderbar gestalteten Kostümen von Annette Mahlendorf. Unter der musikalischen Führung unter Lorenz C. Aichner erschließen Maximilian Gastauer, Ralf Wunschelmeier, Stefan Engels und Harry Tröger musikalische Universen von Barock über NDW hin zum aktuellen Hip Hop.

Die Dramen, die sich in an diesem weihnachtlichem Vorabend abspielen, sind von shakespeareschen Ausmaß. Da sind die beiden Jungen, Jörn Bregenzer als gegen das Elternhaus aufmuckender Hiphopper und Polina Bachmann als „alles scheißegal“ Punkgirlie. Peter Kampschulte lebt einen am Boden zerstörten Steuermann, dem das Leben keine Perspektive mehr bietet, in der gleichen Situation ist der Philosophieprofessor (Jürgen Lorenzen), vor dem Ökospießertum seiner Frau flüchtend. Und da ist Anja Stange, die als Luxusseniorin aus dem Augustinum ausgebüxt ist und in der Freiheit aufblüht. Regula Fischbach setzt in verschiedensten Rollen, genau wie Ralf Hocke nachdenkliche Marksteine.
Wittenbrink verteilt die nicht wenigen Höhepunkte seines Liederabends gerecht, der absolute Abräumer gehört aber Anja Stange mit dem (Ike +) Tina Turner Hit „Proud Mary“. Ab der fünften Nummer tobte das Premierenpublikum.
 
Vorbereitend, quasi als Warmup, dienten Jörn Bregenzers „Krawall und Remmidemmi“ von Deichkind als Starter, Peter Kampschultes „Mary Ann“ (…so hieß sein Schiff) Lebensgeschichte und Jürgen Lorenzens verzweifelt trauriges „Glücklich ist, wer vergißt“. Und dann riß es nicht mehr ab. Das Auf und Ab des Lebens in zwei Stunden. Regula Fischbach als selbstmordgefährdete Investmentbankerin interpretiert Cosmas „Autumn Leaves“ völlig neu. Jürgen Lorenzen „Heideggert“ uns mit Pigors Philosophiekritik in Grund und Boden. Anja Stange verliert sich in der glücklichen Vergangenheit mit Hamlischs  „The way we were“, und Peter Kampschulte lässt Salvatore Cardillos Neapelschmonzette „Catari!“ erklingen.

Besonders tragisch sind Ralf Hockes Darstellung eines versoffenen Weihnachtsmannes und die Interpretation des Ärztesongs „Junge“, bei dem man direkt Verständnis für den Hiphopper bekommt.
Den Höhepunkt der Traurigkeit setzt dann wieder Peter Kampschulte mit Schuberts „Leiermann“ aus der Winterreise. Nach Ideals „Monotonie in der Südsee“ träumt Ralf Hocke als knuddeliger Eisbär von „White Christmas“und nach der Flucht in die Weihnachtsseligkeit mit „guter Laune Musik“ und traditionellen Weihnachtsliedern übernimmt doch wieder die Tristesse. Led Zeppelins „Stairway to heaven“, vom gesamten Ensemble gesungen, leitet zu einem weiteren Höhepunkt über: Punkie Polina Bachmann mit „Spiralling“ von Anthony and the Johnsons. Ein Mix aus Bach und Händels „Jauchzet, frohlocket“ setzen den würdigen Schlußpunkt des anderen Weihnachtsmärchens. Damit war aber noch  nicht Schluß. Wie zu erwarten erkämpfte sich das Publikum seine Zugaben.


Wittenbrinks Liederabende sind allesamt Revuen menschlicher Tragödien. Michael Blumenthal führt sein Ensemble durch diese Tiefen, ohne die Rollen zu diskriminieren. Für jeden einzelnen hat er seine Geschichte, die kongenial vom Ensemble umgesetzt wird. Besonderer Dank verdienen Regula Fischbach und Ralf Hocke, die ständig Rollen und Charaktere wechseln. Nach zwei Stunden und gefühlten 10 Minuten ging der Abend in frenetischem Jubel zu Ende. Die Frage, warum dieses ausgezeichnete Ensemble nicht mehr musikalische Abende gestaltet, drängt sich auf und wartet auf Beantwortung.

Redaktion: Frank Becker