Doktor Mabuse

In Dessau wurde André Bückers phantastisches Bühnenstück aus der Taufe gehoben

von Alexander Hauer
Anhaltisches Theater
 
Doktor Mabuse 
Uraufführung am 15.10.2010
 


Am vergangenen Freitag wurde in Dessau André Bückers
phantastisches Bühnenstück aus der Taufe gehoben.
 
Gleich zu Beginn stellt André Bücker uns die Frage „Wer ist Mabuse?“. Und bleibt uns die Antwort schuldig - oder auch nicht. Denn wir alle sind Mabuse, Opfer und Täter zugleich, Kläger, Beschuldigter und Richter im einem.


Foto © Claudia Heysel


Der Irrtum vom "genialen" Verbrechen

Der Abend beginnt mit einem Mord. „Sein oder Nichtsein“ tonlos gesprochen klingt aus dem Off, und ein sichtlich genervter Typ (Thorsten Köhler als Mabuses Killer, Diener und Zofe) in Anzugsjacke und Trainingshose von Aldi (Kostüme Katja Schröpfer und Jan Steigert), richtet sein Opfer mit coolem Schuß in den Souffleurkasten hin und beginnt dann eine Exkursion über das Verbrechen im Allgemeinen. So fängt das Spiel um den „genialen“ Verbrecher an. Uwe Fischer gibt diesen Geistesmenschen, der am Ende dem Wahnsinn anheim fällt, aber die Gesellschaft mit in den Wahn reißt. Sein Doktor M bleibt sympathisch, faszinierend, trotz aller Abgründe. Gerald Fiedler ist sein Gegenspieler Kommissar von Eyck. Beide versteigen sich in ihren Wahn, und auf der Strecke bleiben viele. Das erste Opfer ist die Tänzerin Hannelore Prezzo. Susanne Hessel lebt dieses Punkgirlie in erschreckender Intensität. Die Abhängigkeit, der Verfall ihres Körpers und ihres Geistes, bedingt durch Koks einerseits und die Ergebenheit, die sexuelle Abhängigkeit von Mabuse gerät zu einer schauspielerischen Großtat. Jan Kersjes als Lolas Liebhaber, und dann später als sein eigener Vater wird ebenso zum Opfer, genau wie Sebastian Müller-Stahls Paul, Mabuses dienstfertiger Untergebener, von Bücker als Gummisklave angelegt. Die einzige, die am Ende Mabuse widersteht, ist Katja Siedler als Gräfin Fabienne. Scheinbar schwach und verletzlich ist sie diejenige, an der Mabuse letztendlich scheitert.

Verbrecher in Nadelstreifen

A
ndré Bücker schrieb und inszenierte auf der Folie von Norbert Jacques und Fritz Langs Filmen eine Bühnenadaption des surrealen Stoffes. Angereichert mit Zitaten von Nietzsche, Heidegger und Baudelaire wirft ein Wortgebirge auf, das nahezu nicht zu bewältigen ist. Texte, die kaum zu sprechen sind, verlangen sowohl bei Schauspielern als auch beim Publikum höchste Konzentration. Das Bühnenbild, eine von Jan Steigert entworfene, stets wandelnde kalt-anonyme Großstadtlandschaft, überlagert mit Projektionen bietet auch keine Rückzugsmöglichkeit zum Entspannen. Aber soll man sich entspannen? Der 20er-Jahre-Stoff über den „genialen“ Verbrecher bekommt in unserer Zeit plötzliche Aktualität. Die modernen Verführer, die stets coolen Bankmanager, die sich auch fürs Versagen noch saftige Bonis auszahlen, sind sie soweit von Jacques‘ Mabuse entfernt? In Zeiten der Relativität, und wir leben in einer solchen, sind eben auch Verbrechen, wie in allen anderen Zeiten, relativ. Einerseits schwimmen die einen wie Dagobert Duck gleich im Geld, auf der anderen Seite wissen Hartz IV-Empfänger gegen Monatsende oft nicht, wovon sie leben sollen. Einerseits bekommen Pleitebanken eine Staatsgarantie nach der anderen zum Übertünchen ihres Versagens, andererseits werden im geringsten Haushaltsposten unserer Republik, der Kultur, hemmungslos die Gelder gestrichen. Aber wie gesagt, Verbrechen ist relativ. Es kommt immer auf den Standpunkt an.


Foto © Claudia Heysel


Verstörend, zwingend, großartig

N
ach fast zweieinhalb Stunden ohne Pause scheitert Mabuses Zerstörung der Welt an einem kaputten Feuerzeug.  Der Selbstmordattentäter steht bereit, der Molli liegt schon wurfbereit in der Hand, und das Zippo funktioniert nicht. Vorerst!
Bücker und sein Team erlösen ein verstörtes Publikum. Ein Gesamtkunstwerk , ein Konglomerat von Text, Bildern und der kongenialen Musik von Daniel Dohmeier, wurde von einem durchaus erschöpften Publikum mit mehr als freundlichem Applaus bedacht. Zweieinhalb Stunden atemberaubendes, anstrengendes Zeittheater, es ist erstaunlich, daß das gebeutelte Dessau noch ein solch gutes Schauspielensemble aufbieten kann. Also nicht nur die Oper, auch das Schauspiel ist dort gut. Dieser Mabuse hat nichts mit den Filmchen aus den 60er Jahren zu tun, es ist kein Abend, den man nach der Vorstellung abhakt. Großartiges Theater, das zum Diskutieren und zum Nachdenken zwingt. Auch über uns und unsere Situation.

Weitere Informationen unter: www.anhaltisches-theater.de
 
Fotos von Claudia Heysel
Redaktion: Frank Becker