Ab in die Kiste leider

Anton Tschechows "Der Kirschgarten" in Wuppertal

von Martin Hagemeyer

Thomas Braus - Foto © Joachim Dette
Ab in die Kiste – leider

Christian von Treskow inszeniert in Wuppertal
Anton Tschechows "Der Kirschgarten"
 

Inszenierung: Christian von Treskow - Bühne: Jürgen Lier - Kostüme: Dorien Thomsen - Fotos: Joachim Dette
Besetzung: Ljubow Andrejewna Ranewskaja, Gutsbesitzerin: An Kuohn - Anja, ihre Tochter: Anne-Catherine Studer - Warja, ihre Stieftochter: Maresa Lühle - Leonid Andrejewitsch Gajew, ihr Bruder: Andreas Ramstein - Ermolaj Alexejewitsch Lopachin, Kaufmann: Lutz Wessel - Pjotr Sergejewitsch Trofimow, Student: Gregor Henze - Boris Borissowitsch Simeonow-Pischtschik, Gutsbesitzer: Oliver Held - Charlotta Iwanowna, Gouvernante: Julia Wolff - Semjon Pantelejewitsch Epichodow, - Kontorist: Oliver Picker - Firs, Diener: Thomas Braus - Dunjascha, Stubenmädchen: Juliane Pempelfort - Jascha, junger Diener: Hendrik Vogt

 

 

Irritationen

Anton Tschechows Stück „Der Kirschgarten“ hält einige Irritationen bereit. Ein unberührter Hain voller süßer Früchte (man könnte auch sagen: ein Paradies) fällt den Axthieben kalten Gewinnstrebens zum Opfer… erste Überraschung: Was so eindeutig nach Klage über den Verfall des Schönen klingt, ist in Wahrheit eine komplexe Geschichte vor dem historischen Hintergrund der Bauernbefreiung und der Ablösung des Adels durch das Unternehmertum, ohne einfache Parteinahme für eine der „Klassen“. Zweite Überraschung: Tschechow nannte das Ganze eine Komödie – sogar „unbedingt komisch, sehr komisch“. Komplex und komisch: Beides gelingt auch Christian von Treskows Inszenierung des Stücks an den Wuppertaler Bühnen.

Im Zentrum An Kuohn - Foto © Joachim Dette
 
Ambivalente Charaktere

Ljubow Andrejewna Ranewskaja kehrt nach unglücklichen Jahren bei einem Geliebten in Frankreich verschuldet auf ihr russisches Gut zurück, zu dem ein allseits bewunderter Kirschgarten gehört. Um den drohenden Verkauf des Grundstücks abzuwenden, schlägt der Unternehmer Lopachin ihr vor, die Kirschbäume fällen und statt ihrer profitablere Ferienhäuser bauen zu lassen. Sie lehnt ab, ohne nachzudenken; es kommt zur Zwangsversteigerung, und zum neuen Eigentümer wird Lopachin selbst. – So differenziert die Charaktere bei Tschechow gezeichnet sind, so eigenständig gewichtet sie die Inszenierung: Lopachin ist als durchaus ambivalente Figur angelegt, die aufrichtig helfen will; in Wuppertal erhält er indes einen stärkeren Zug ins Negative - Lutz Wessel wirkt zwar zunächst wie der einzig Vernünftige, der für die Rettung des Gutes kämpfen will; doch sobald der Kirschgarten ihm gehört, zeigt er sein wahres Gesicht und schreit seinen Triumph darüber heraus, nun Besitzer des Gutes zu sein, auf dem sein Vater noch Leibeigener war. Keine positive Figur ist aber auch Leonid Gajew, der Bruder der Ranewskaja: Er ergeht sich in salbungsvollen Reden, kennt sich nur mit Bonbons und Billard aus und ist zu praktischen Schritten nicht in der Lage. Andreas Ramstein stellt ihn mit sonorer Stimme als die Witzfigur dar, die er schon bei Tschechow ist.
 
Das sanfte Aroma des Lächerlichen

Doch die Regie entscheidet sich dafür, auch die Ranewskaja mit einem sanften Aroma des
 
An Kuohn, Lutz Wessel - Foto © Joachim Dette
Lächerlichen zu umgeben; An Kuohn gibt ihr mit weißer Lockenfrisur und ehrlichen Gefühlsausbrüchen etwas Divenhaftes und zugleich rührend Naives.
Aber nicht nur in der Gestaltung der Personen fällt in Wuppertal ein kritisches Licht auf die Partei der Gutsbesitzer. Der große Bühneneinfall besteht in einer überdimensionalen Holzkiste, die sich nach der Eingangsszene aufklappt und den Blick freigibt auf die reglos dastehenden Gefolgsleute der Ranewskaja, Familie und Bediente. Ehe sie aussteigen, man möchte sagen: in die Realität, assoziiert man „Konserve“, wenn nicht gar „Mottenkiste“ und ordnet die Adligen als verstaubte Generation ohne Zukunft ein. Unbeweglichkeit im übertragenen Sinne ist es auch, was einen Gutteil der anderen eingangs erwähnten Eigenschaft der Inszenierung ausmacht: der Komik, die den „Kirschgarten“ zu einem besonderen Vergnügen macht.
 
Von der Unfähigkeit, einen Ausweg zu finden

Als Zuschauer schmunzelt man nämlich über die Unfähigkeit der Akteure – vor allem die der Verschuldeten, sich um einen Ausweg aus ihrem drohenden Abstieg zu bemühen. Aber auch der ewige Student Trofimow, der Anja, die Tochter der Ranewskaja, liebt, kann nicht ganz ernst genommen werden: Er predigt das Ende der adligen Ausbeutung und „außergewöhnliche, ununterbrochene Arbeit“, wird selbst aber überhaupt nicht aktiv. Gregor Henze betont den durchaus sympathischen, aber in seinem Schwärmen über die Weltverbesserung unfreiwillig komischen Intellektuellen. Der Passivität der Adligen verdanken sich indes ganz konkret auch viele der witzigen Einfälle, die die Inszenierung durchziehen. Konstantin Stanislawski, an dessen Theater der „Kirschgarten“ uraufgeführt wurde, stellte zu den Proben fest: „Es war notwendig, die Langeweile des Nichtstuns so darzustellen, daß es interessant wurde.“ In der Tat wird im Stück viel gewartet – zu Beginn auf die Heimkehrenden, später auf die nahende Katastrophe, am Auktionstag dann auf die unvermeidliche Nachricht vom Besitzerwechsel.
 
Der Titanic-Effekt

Hier übernimmt der Schalk die Regie, der Regisseur (und Intendant) von Treskow im Nacken sitzt: Ein grotesker Bär schwankt über die Bühne, wird erschossen, zieht es dann aber doch vor, sich zu langweilen. Der benachbarte Gutsbesitzer Simeonow-Pischtschik, gespielt vom voluminösen Dramaturgen Oliver Held, taucht ständig auf, lacht abwechselnd über seine eigenen Scherze und fällt stehend in Sekundenschlaf. Gehen diese Ideen in ihrer Überzogenheit manchmal doch ein wenig auf die Nerven, ist es spaßig zu erleben, wie als Einstieg nach der Pause die Gutsleute die laufende Handlung verlassen: Auf einem jetzt ausgefahrenen Catwalk präsentieren sie sich selbstbewußt in schicker Kleidung (Kostüme: Dorien Thomsen), und Julia Wolff als Gouvernante Charlotta führt mit stolzer Miene und abgedrehtem Hut Zauberkunststücke vor. Mit derlei Tand vertreibt der Adel sich mangels sinnvoller Aktivität die Zeit hin zum Untergang – das Publikum freut’s.


An Kuohn, Maresa Lühle - Foto © Joachim Dette
Geisterhaft: Thomas Braus

Eine noch nicht erwähnte Figur schließlich ist wichtig für die Frage, wie sich die Inszenierung denn nun gegenüber Adel einerseits und Unternehmern andererseits positioniert: der uralte Diener Firs, der stur darauf besteht, nach wie vor Leibeigener zu sein („Mich hat die Freiheit nie interessiert“). Eine wunderbare Rolle, die mit dem geisterhaften Thomas Braus das Stück beschließt - er zieht murmelnd einen Schlußstrich unter seine Epoche und verschwindet in dem Schrank, den er zuvor als Erbstück auf dem Rücken in unerschütterlicher Langsamkeit herbeigetragen hat. Ab in die Kiste, heißt das, und so schließt sich der Kreis zum Anfangsbild. „Knallcharge!“, ist der spöttische Kommentar des Greises für die neuen Mächtigen und das letzte Wort des Stücks. Ein Kauz von gestern, zweifellos - aber im Unterschied zu anderen Käuzen dieses Abends nicht lächerlich. Und damit spricht die Inszenierung wohl ihr Urteil im Streit zwischen der schönen alten Zeit und der praktischen neuen aus: Daß das Nutzlose vergeht, ist offenbar das Gebot der Stunde – aber doch schade.

Andreas Ramstein, Thomas Braus - Foto © Joachim Dette

Weitere Informationen unter: www.wuppertaler-buehnen.de

Redaktion: Frank Becker