Shakespeares "The Tempest" in einer hinrei├čenden franz├Âsischen Fassung

Compagnie Irina Brook begeisterte beim Festival Neuss

von Andreas Rehnolt

© 2008 Stadt Neuss, Kulturamt
Compagnie Irina Brook begeisterte
beim Shakespeare-Festival Neuss
 
Die Produktion "Tempête!" geriet im Globe-Theater
zu einem faszinierenden zweistündigen Theaterabend
mit Anleihen an Zirkus, Varieté und Koch-Shows
 
 
Zum dritten Mal – nach „Juliette et Roméo“ und „En attendant le Songe“ kam Irina Brook mit einer Inszenierung ins Globe-Theater Neuss. „Tempête!“ nach William Shakespeare geriet am Freitag vor ausverkauftem Haus zu einem hinreißenden Theaterabend, der teilweise respektlos und aberwitzig zugleich, dennoch in sich stimmig geriet. Die zwei Stunden im Nachbau des Londoner Globe-Theaters waren eine einzigartige Mischung aus Theater, Zirkus, Varieté, Pantomime und nicht zuletzt Koch-Show, die vom Publikum begeistert gefeiert wurde.
 
Denn Prospero war in der Inszenierung und Bearbeitung von Irina Brook mitnichten König von Neapel, sondern der beste neapolitanische Pizzabäcker, verraten und verkauft durch seinen mafiosen Freund Alonso und seitdem mit seiner Tochter Miranda auf der Insel zwischen unbotmäßigen Geistern lebend. Die Bühne im achteckigen Neusser Globe war eine einzige Hexenküche, in der Prospero seine (Koch-) Experimente vorführte, und in der der prospektive Schwiegersohn Fernando die Einwilligung zur Hochzeit mit Miranda nur erhält, nachdem er erfolgreich Spaghetti Vongole zubereitet hat.
 
Noch bevor die Zuschauer Platz genommen haben, werden sie mit Meeresrauschen, Möwengeschrei und dem Zirpen von Grillen auf den mediterranen Inselabend eingestimmt. Die Requisite, die für nur einen Tag aus Frankreich ins Neusser Globe gekarrt wurde, ist überwältigend. Regale voller kurioser Gläser und Flaschen, unendlich viele Töpfe, Pfannen und Kuchenformen, ein Gestänge mit Klamotten, wie es jedem Erste-Klasse-Trödel-Stand gut zu Gesicht stehen würde und dann der Herd, um den herum sich Gemüse häuft und unter dem der von Prospero geknechtete Sklave Caliban sein einfaches Lager hat.
 
Natürlich wird - wie meist in den kleinen Shakespeare-Truppen - doppelt gespielt. Und es ist eine Freude, zu sehen, wie sich Prospero in Stephano, Ariel in Alonso und Ferdinand in Trinculo verwandelt. Einzig Miranda, die Tochter von Prospero und Caliban behalten in dem Stück ihre Rollen. Als im 4. Akt erkannt wird, daß Alonso und dessen Sohn Ferdinand mit einem Schiff zur Insel kommen, befielt Prospero Ariel, einen Sturm heraufzubeschwören, in dessen Verlauf - mit reichlich Geschirr-Geklapper und elektronischen Blitzen das Boot untergeht.
 
Und dennoch verliebt sich Miranda in den gestrandeten Ferdinand. Unterdessen gelingt Caliban die Flucht und er trifft auf Stephano und Trinculo, Besatzungsmitglieder des gesunkenen Schiffs. Die Begegnung des Trios gerät mit Saufen, Tanzen und Verbrüderungsszenen ans Herz gehend und witzig. Appetit macht Ferdinands Aufgabe im Auftrag von Prospero, eine Spaghetti a la  Prospero zuzubereiten. Wie der Schauspieler da mit einer grünblättrigen Möhre, einem gigantischen Porree, einer roten Paprikaschote, Kräutern und diversen dicken Zwiebeln hantiert und wie ein Varieté-Künstler jongliert ist einfach köstlich.

Foto © Patrick Lozi / Compagnie Irina Brook
 
Mit seiner Kochkunst erringt er dann auch den Segen Prosperos zur Hochzeit mit der entzückten und bezaubernden Miranda. Am Ende - natürlich - kommt es zum Happy-End. Prospero verzeiht Alonso und gibt den faszinierenden Ariel, der mit seiner Zauberei-Einlage jedem anspruchsvollen Cirkus anstehen würde, frei. Ebenso entläßt er den von ihm in fast viehischer Abhängigkeit gehaltenen Caliban in die Freiheit.
 
Am Ende des viel zu kurzen, wunderschönen Theaterabends sitzt Prospero, der inzwischen seinen Zauberstab und sein Zauberbuch vernichtet hat, einsam am Tisch in seiner Taverne und legt sich selbst die Karten. Die Musik wird leiser und leiser und das Licht auf die Szene der kleinen Inselkneipe wird trüber und trüber, um zuletzt ganz zu erlöschen. Der Applaus dauert lange, kommt von ganzem Herzen und beendet einen unvergeßlichen Theaterabend und eine Shakespear'sche Sturm-Inszenierung, die so ganz anders war als all die anderen, die man als fleißiger Theatergänger zuvor gesehen hat und die nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen vieler Zuschauer bleiben wird.

Redaktion: Frank Becker