Japan in einem Atemzug

Ein Essay ├╝ber die Haiku Bashos (3)

von Michael Zeller

Foto © Jürgen Kasten
Japan in einem Atemzug


 
 
 
9.
 
Tausende und mehr
Tempel erfreun Kyoto
Nicht einer zu viel
 



Über die ganze Stadtebene verteilt liegen sie, die Tempel der alten Kaiserstadt, wachsen die Hänge hoch bis in die Berge hinein. Der Fluß Kamo-gawa mit all seinen Kanälchen – kirschblütenverhangen in diesen Tagen – quert die Stadt. Klein ist sie nicht. Lange Wege sind zu gehen. Kyoto ist auch eine moderne Großstadt von annähernd anderthalb Millionen Einwohnern.
 
Fahrräder sind leicht zu leihen. Sie machen den Gast unabhängig und frei. Angenehm spürt er die samtwarme Frühlingsluft auf der Haut, die Lust, in die Pedalen zu treten, dem Körper Bewegung zu gönnen. Trotz des ungewohnten Linksverkehrs radelt es sich mühelos durch den großstädtischen Werktagsverkehr dahin, von Tempel zu Tempel, durchaus von einem Ende der Stadt zum anderen. Als Radfahrer ist man der schwächste unter den Benutzern der Straße, weil der langsamste. Doch wie mit ihm hier umgegangen wird – ohne Schwere, so kommt es dir vor, als läge ein Schutzschild um deine Schultern. Kein Drängen, Hupen, Drohen, Geschrei. In weichen Bögen umkurven sie das menschengetriebene Gefährt, Personenwägen, Busse, selbst die Taxifahrer zeigen Manieren. Wenn ich mir vorstelle, ich führe auf dem Rad durch Köln oder Neapel –
 
So viele sie sind
doch geschmeidig wie hier
fließt kein Verkehr sonst
 
Einen Verkehrsunfall habe ich in den Wochen nicht erlebt. Die Autos, zierlich wie alles hier, sehen samt und sonders aus, als kämen sie frisch vom Band.
 
In der Nähe der Tempel selbst wird es schwieriger für den Radler. Derart dichte Menschenmengen umschließen ihn, drängen von allen Seiten in den Hauptstrom hinein, unüberschaubar, und kommen ihm gleichzeitig entgegen, daß man das Rad besser schiebt und bald stehen läßt.
 
Die Tempel, die in den Reiseführern besonders empfohlen werden, sind natürlich rettungslos überlaufen, die Eintrittsgebühren entsprechend saftig. Die Gehrichtung durch diese herrlichen Gärten sind vorgegeben, und sie sind eingeschränkt. Irgendwo wird immer etwas repariert. Den tief in mir sitzenden Stachel, gegen den Strom zu schwimmen, habe ich mir beim zweiten oder dritten Versuch gezogen. Vor solchen Massen gibt es kein Entrinnen. Selbst Kafkas Maus bliebe hier ohne Chance.
 
Auch in den Zen-Hallen kommt man nicht zur Ruhe. Der Blick hinaus auf die Anlage aus Stein, Kies, Sand und ein paar kurz gehaltenen Büschen. Die Menschen sind irritiert von solcher Kargheit, vielleicht auch enttäuscht. Statt Ruhe über sich kommen zu lassen, flüchten sie aus der Gegenwart des Jetzt und Hier und knipsen ihre Fotos ab, in der Erwartung, damit etwas festzuhalten, für später. Das, was sie im Moment verstreichen lassen, soll in irgendeiner Zukunft eingeholt werden, als blasses Abbild.
 
Nirgendwo könnte es weniger fotogen sein als im Angesicht eines Zen-Gartens, und umso heftiger wird das Aussichtslose geübt. Immer wieder wird man bedrängt, muß raumfordernden Verrenkungen ausweichen, kommt selbst kaum zu sich und hat keine Möglichkeit, den Raum zu füllen mit der eigenen Wenigkeit und ihrer inne zu werden. Der Flüchtigkeit unseres Seins. Die Knipser dulden das nicht. Die Ruhe des Zen wird püriert, bis sie nicht mehr da ist, damit sie aufs bunte Bild paßt. Irgendein Stein, zwei bizarr verdrehte Zweige, ein paar vom Rechen gezogene Linien im Sand, und davor die kleine Toshiko, mit Schleife im Haar. Das war – ja, wo war das noch gleich: In Kyoto vielleicht?
 
Doch es gibt auch Tempel, selbst in der alten Kaiserstadt, die in den Reisebüchern vergessen sind. Die Eintrittsgebühr ist deshalb niedriger oder entfällt ganz. Du bist für dich, kannst sitzen und schauen auf das wenige, das so ein Zen-Garten bietet. Wenig und alles. Bis deine Wirbelsäule sich meldet und dich an die Grenzen deines Ichs erinnert.
 
„Zazen“ heißt Sitzen
Sitzen. Und Denken geschieht
Einfaches ist schwer
 
Ja, wenn du tanzen könntest! Den Körper aufheben! Dir aber bleiben nur ein paar Wörter, siebzehn Silben genau. Zum Träumen reicht es.
 
Tanzen wär die Kunst
bis in die Fingerspitzen
standhaft zu bleiben
 
 
 
10.
 
 
     Gewandert sind die Dichter früher in Japan, über Monate hinweg, einen Strohkorb auf dem Rücken, den Stecken in der Faust, an den Füßen leichte Sandalen, Sommer wie Winter. Meist war ein Reisegefährte dabei, auch er natürlich Dichter. Unterwegs schloß sich der eine oder andere für eine Weile an. Zum Übernachten wurde eine Herberge aufgesucht, oder man stieg bei Freunden ab, Kaufleute meist und also betucht, die selbst gerne dichteten und denen es eine Ehre war, den Wanderdichter bei sich zu bewirten zu dürfen und von ihm dafür im Schreiben von Versen unterwiesen zu werden.
 
Abends saß man beisammen: der Gast oder zwei, der Hausherr und ein paar ausgewählte Freunde, bei Kerzenlicht und Sake, und dichtete. Ganze Ketten von Gedichten entstanden. Die Zahl der Silben wechselten, mal vierzehn, mal siebzehn.
 
Einer dieser Wanderdichter war Basho. Mehrere Fußreisen von ihm sind bezeugt. Wie näher am eigenen Leib als auf Straßen und Wegen und Pfaden könnte man das Leben erspüren, seinen Wandel im Augenblick? Die Züge der Landschaft, die Gesichter der Stämme und ihre Sprachen, das Spiel von Helligkeit und Dunkel früh und am Abend, den klimatischen Wechsel von Herbst in den Winter?
 
 
                                                                        Ein reisendes Herz
verweilt nie an einem Ort
beim warmen Feuer
 
Bequem war es nicht, immer unterwegs zu sein. Ein karges, eingeschränktes Leben. Hitze und Kälte und Regen. Müdigkeit des Körpers, der Seele. Angst vor Räubern in einsamer Gegend, vor Tieren. Die Anstrengung des Gehens in Bastsandalen, über Felsgestein, durch schlammiges Gelände, nur auf Sicht orientiert. Und wenn sich dann noch eine Erkältung in die Knochen schlich. Manchmal gab ein großherziger Gastgeber einen Führer mit für einen Tag, wenn die Gegend zu unwegsam war.
 
Die, die lieber „beim warmen Feuer“ sitzen, nennen eine solche Existenz entbehrungsreich. Doch die Mühen sind nicht umsonst, sie werden belohnt. Man ist nah dran am Leben, mit der eigenen Haut. Nah an Mensch und Ding, nah an der Natur, nah an Stein und Sein. Zwischen Himmel und Erde, Begeisterung und Niedergeschlagenheit, Seligkeit und Verzweiflung.
 
Wandern als Lebensform. Man erwandert das Leben und erwandert sich selbst. Auf kürzestem Weg wird das Außen zum Innen, lösen Trennungen sich, wird alles eins. Durch die eigene Person hindurch und über sie hinaus. Grenzen sinken nieder, im Gehen Schritt für Schritt, verlieren ihren Sinn. Mögen die anderen, die „beim warmen Feuer“ sitzen, sie pflegen und hüten und verteidigen. Dem Dichter liegt anderes am Herzen. Er ist längst wieder auf der Walze.
 
Das Ziel war im Gehen. Doch ohne Kompaß war Bashos Wandern und das seiner Kollegen im alten Japan keineswegs. „Gedichtskopfkissen“ hieß das Ziel. „uta-makura“ hat, vermute ich, bis heute im Land eine gewisse Aura bewahrt und treibt immer noch Dichter hinaus auf die Straße. Als „Gedichtskopfkissen“ wird eine Landschaft von besonderer Schönheit bezeichnet, Orte, die in der Literatur schon oft „besungen“ worden sind, wie es bei uns im 19.Jahrhundert hieß. Deshalb war dieser locus amoenus ein Kissen, eine Kopfstütze. Von früheren Dichtern entdeckt und geschaffen, festgehalten im Wort, suchten die Wanderpoeten diese „Gedichtskopfkissen“ auf, die sie noch nie gesehen hatten und gleichwohl doch genauestens kannten – aus den Gedichten ihrer Vor-Gänger. Basho und die Seinen waren nicht unterwegs, um Neues zu entdecken, irgendwo der erste zu sein. Ganz das Gegenteil. Sie wollten das Bekannte erfahren, das ihnen im Vers Vertraute. War der schöne Ort erreicht, das Ziel aller Mühen und Entbehrungen, wurden die Gedichte zitiert, laut oder im Kopf, die hier entstanden waren, vor fünfzig, hundert, vor dreihundert Jahren. Weit reichte die Kette ins Vergangene hinab. Dann erst – erst dann erhob der Dichter seine eigene Stimme, am Ort, wo er stand wie so viele schon vor ihm, und pries das, was er gerade in diesem Augenblick erlebte, teilte das Empfinden, das schon durch so viele Köpfe und Herzen gegangen war. Das hätte entmutigen können, und durchaus nicht an jedem „Gedichtskopfkissen“ fiel Basho etwas Eigenes ein. Aber meistens zündete der Funke doch. Und es geschah ein Gedicht, meist in Anlehnung an eines der früher hier entstandenen oder mehrere. Ein Weiterspinnen von Gedanken und Gefühlen über Jahrhunderte hinweg. Communio im Wort.
 
Der Wanderdichter war angelangt. Er konnte sicher sein: Eines Tages, mochte er auch schon nicht mehr in diesem Leben sein – irgendeiner stünde eines Tages wie er genau an diesem Platz und erfuhr den flüchtigen Augenblick des Jetzt in diesen Worten wieder, die ihm gerade in den Sinn gekommen waren.
 
Abends, in der Herberge, saß Basho nieder, griff zu Pinsel, Tusche und Papier und hielt das vor Ort im Kopf Geschriebene fest. Für sich, für spätere, wann immer. Sein Bund mit der Ewigkeit.
 
Damit kann man gehen. Und gehen und gehen.
 
So ist es mit der Muschel
Geht schwer auseinander – wie wir
im scheidenden Herbst
 
 
 
11.
 
 
Vom Shinkansen aus
glüht weiß das Dach des Fuji
verdreht mir den Kopf
 
Basho berichtet, wie er mit seinem Weggefährten Sora, Dichter wie er, im Gebirge einen Paß überquert.
 
„’Von hier aus bis zur Grenze der Provinz Dewa stehen hohe Berge wie Trennwände, fast unpassierbar; die Wege sind unsicher, so daß man sie ohne die Hilfe eines Ortskundigen nicht bewältigen kann!’ sagte unser Gastgeber, und daher vertrauten wir uns einem kräftig aussehenden Burschen an, der einen Krummsäbel umhängen hatte und einen Eichenstecken trug. ‚Ausgerechnet an einem Tag, der uns Böses bringen kann!’ sagte er, und wir strauchelten entsprechend eingeschüchtert hinter ihm drein. Unser Gastgeber hatte recht behalten, es gab nichts als hohe Berge und dichte Waldungen, durch die keine Vogelstimme drang. Durch Waldesdunkel und wucherndes Gestrüpp führte der Pfad – es war uns, als schritten wir durch die Nacht. Wir erlebten die Stimmung von Tu Fus Gedichtworten: ‚... aus Wolkenrändern wirbelte Nebelstaub ...’
Schritt für Schritt zwängten wir uns durchs dichte Bambusgrasgewirr, zerteilten es mühsam, und nur so konnten wir uns langsam einen Weg bahnen. Wir staksten über Wildbäche und suchten unseren Halt über manchen Felsen kletternd, während kalter Schweiß über unsere Körper rann. Erst als wir die Ländereien von Mogami erreichen, hatten wir es hinter uns. ‚Dieser Weg hält sonst immer Unvorhergesehenes bereit. Euch unversehrt bis hierher geführt zu haben, ist ein großes Glück!’ sagte freudestrahlend der Bursche, der uns gebracht hatte. Dann trennten wir uns von ihm. Aber noch lange nachher spürte ich das kalten Grauen, das seine ersten Worte in mir hinterlassen hatten. Angst schnürte mir die Brust zusammen.“
 


Lesen Sie am kommenden Sonntag den vierten und letzten Teil von Michael Zellers Essay

© Michael Zeller - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2009
Redaktion: Frank Becker