Japan in einem Atemzug

Ein Essay ├╝ber die Haiku Bashos (2)

von Michael Zeller

Foto © Jürgen Kasten
Japan in einem Atemzug



5.
 
 
      Laut sind die Krähen
auf ihrem Posten oben
geben den Ton an
 
Die Krähen!
 
Kein Tier ist in Japan gegenwärtiger als diese schwarzen schweren Vögel. (Nichts da von landesüblicher Zierlichkeit.) Überall trifft man sie in den Städten. Vor allem: Man hört sie. Ihrem trocken Kehlschrei zeigt sich selbst der zünftigste Autolärm an einer Kreuzung nicht gewachsen (wobei sich die Zurückhaltung des japanischen Verkehrsteilnehmers auch bei der Benutzung der Hupe glücklich bewährt).
 
Frühmorgens kann man das nächtliche Wirken der Krähen bewundern: Die Plastiksäcke in den Vorgärten aufgerissen und der Müll raumfüllend über die ganze Straße verteilt. Dem Hausbewohner, der eilig zur Arbeit will, hebt sich bei dem Anblick der Magen an den Hals.
 
Gierige Krähen
belästigen das Viertel 
als Müllpolizei
 
 
 
6.
 
     Die Reise war so geplant, daß sie in die Phase der Kirschblüte fällt. Diese zehn Tage, Höhepunkt des japanischen Kalenders, geben dem Land sein schönstes Aussehen, das Idealbild seiner selbst. Darauf fiebern die Menschen hin, Alte und Junge, und freuen sich, wenn es so weit ist, an der weißen Pracht über ihren Scheiteln, in den Parken, an den Straßen, freuen sich auf ihre ruhige, nach innen gekehrte Art. Und ziehen hinein in die Parke, immer in Gruppen: Kollegen, Nachbarn, Freunde, die Familie, mit Kind und Oma und reich bestücktem Imbißkorb. Sake fehlt so gut wie nie, das Sakrament des Erblühens zu feiern. So rasten sie unter dem Himmel aus Weiß, den anderen, tieferen hat ihnen das dichte duftige Gezweig weggesperrt. Keiner scheint ihn zu vermissen. (Ehrensache, daß nach dem Gelage kein Krümel und kein Fetzchen Papier am Boden zurückbleiben.)
 
Dir selbst, dem Fremden, der nie dergleichen erlebt hat, kommen die Stunden abhanden, du sitzt da, auf engstem Raum neben anderen (in ständigem Wechsel), bist stumm und sprachlos vor Glück, nippst an deinem Sake-Gläschen, Stunde um Stunde, du spürst sie nicht, vergißt dich selbst, und schwer nur findest du den Weg hervor unter dem Zauberdach, das dich halten will bis zuletzt, trittst hinaus in Freie, in eine Leere, die dir so vielleicht noch nie begegnet ist, so ohne Geheimnis, entblättert, blütenlos. Vorbei. Mußt morgen wiederkommen.
 
Weißer Wolkenduft
Scheinst nicht von dieser Erde
Wie faß ich dich nur?
 
Unter Kirschenblühn
 - Krähen krächzen Lufthoheit -
freut Sake noch mehr
 
Auf Plastikplanen
unter dem Kirschblütendach
Picknick auch werktags
 
  Zur Nacht kämmt sie sich
Kirschblüten aus ihrem Haar
Weiß auf Schwarz. Glänzend
 
Und dann, lang befürchtet, das Ende. Morgen gibt es kein Heute mehr. Jetzt müssen wir alle wieder ein ganzes Jahr lang auf das weiße Wunder warten. (Ich viel länger.)
Weiß taumelt die Luft
Die Kirschblüte regnet ab
Kein Mai wird sie sehn
 
 Die Kirschblüte – ach!
Grün sind alle Zweige jetzt
Am Boden das Weiß
 
 
7.
 
 
     Der Dichter Yoshida Kenko lebte, lese ich, von 1282 bis 1350. Diese Daten decken sich mit denen Dante Aleghieris, des Florentiners, der auch, zuletzt, im Unterwegssein sein Zuhause fand. Kenko sagte:
 
„Irgendwohin eine Reise zu machen, ist so erfrischend wie ein Erwachen aus dem Schlaf. Wandert man in den ländlichen Gegenden und den Bergen, wo da oder dort ein Dorf versteckt liegt, aufmerksam umher, so entdeckt man tausend Dinge, die das Auge noch nie gesehen hat.“
 
Für Städte gilt das nicht minder.
 
Das Fahren mit Tokyos Stadtbahnen: Nirgendwo wurden meine bisherigen Lebens- und Reiseerfahrungen derart wirksam außer Kraft gesetzt, auf den Kopf gestellt, zerfetzt, immer wieder und jedes Mal wieder anders. Die Enge in den Abteilen war atemberaubend, aber nicht eng genug, das Skandieren meiner linken Hand zu bremsen, und geschrieben habe ich dort, meine ich, auch. Irgendwo über den Köpfen, in der Luft.
 
Millionen pendeln
Tokyos Stadtbahn ist geleckt
Wie im Wohnzimmer!
 
Der dunkle Anzug
weißes Hemd und Krawatte
Voll ist die Stadtbahn
 
Kein Abfall zu sehen
Niemand frißt hier aus Tüten
Fahren heißt Fahren
 
 
 
8.
 
 
     Basho ist – wundert sich einer? – klüger mit der Kirschblüte  umgegangen als der Novize aus dem Westen. (Überhaupt habe ich im Gespräch mit Japanern immer das leicht beklemmende Gefühl, vorlaut zu sein, vorschnell, und regelmäßig die letzte entscheidende Wendung des Gedankens zu verpassen, im Halbfertigen steckenzubleiben.) Statt selbst die Kirschblüte zu beschreiben (eitles Unterfangen), erinnert Basho sich an das Gedicht eines Früheren, des Priester Gyoson-sojo, und zitiert es im Stillen (also nicht auf dem Papier seines Reiseberichts):
 
Nur wir beide mögen
dies als schönste Trauer tragen:
Denn du Bergkirsche blühst
und keiner weiß es und auch ich
kenne niemand, der mich kennt
 
Basho beläßt es nicht dabei, vor der Tradition zurückzutreten und das eigene Wort ungesagt zu lassen (eine schreckliche Überwindung für einen Schreibenden). Es scheint weniger aus Bescheidenheit geschehen zu sein als aus der Erkenntnis, daß jedem Wort, das in die Welt tritt, im Kern auch immer ein Verrat innewohnt.
 
„Die Regel schreibt den Bergasketen vor“, notiert Basho, nachdem er sich Gyosons tieftraurige Elegie vorgesagt hat, stumm, nur für sich – „die Regel schreibt vor, nichts von dem, was den Zauber dieser Berge ausmacht, anderen zu verraten. Dieser will auch ich mich fügen: ich lege meinen Pinsel nieder und berichte nicht weiter ...“
 
Wenig zu sehen
mit aufgerissnen Augen
Vorrecht des Fremden
 
Es trifft nicht ganz, aber ein wenig fühle ich mich bei Bashos „Regel“ an das Goethesche „Sag es niemand, nur dem Weisen“ erinnert und spreche den Vers leise zu Ende.
 
In seinen Hausteich
schrieb der Meister das Gedicht
aus Wasser und Stein
 
Jetzt, beim Überlesen, fallen mir – als Widerklang – zwei Verse Rainer Maria Rilkes aus seinen „Sonetten an Orpheus“ ein:
 
Zu der stillen Erde sag: Ich rinne
Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.



Lesen Sie am kommenden Sonntag Teil 3 von Michael Zellers
Essay


© Michael Zeller - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2009
Redaktion: Frank Becker