An Ellwina

von Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten

Foto © Frank Becker
An Ellwina
 
Teures Mädchen, wenn ein andrer Himmel,
Doch kein schön'rer einstens dich umwallt;
Wenn der Stadt zerstreuendes Getümmel
Lauter itzt, itzt dumpfer um dich schallt;
Wenn die bunten Gecken um dich gaukeln,
Kräuseln gleich, sich um dich drehn und schaukeln,
Ekeln Weihrauch deiner Schönheit streun,
Dann, Geliebte, denke mein!

Wenn du satt des seelenlosen Lärmens
Abends in dein einsam Zimmer eilst;
In der Wonne dann des süßen Schwärmens
Noch ein stilles Stündchen staunend weilst;
Dann dem Genius der Ruhe winkest,
Dann dem Schlummer in die Arme sinkest,
Der dich wiegt in holde Träumerein,
Edle Seele, denke mein!

Wenn, dieweil die müde Schöpfung feiert,
Und die Dämmerung die Welt verhüllt,
Sanfte Schwermut deinen Geist umschleiert,
Und von Ahndungen dein Busen schwillt,
Zarte Sorgen dann dein Herz beklemmen,
Tränen deine Wimper überschwemmen,
Süße Tränen, die die Neugier scheu'n -
Edle, so gedenke mein!

Ich gedenkt' an dich in meiner Wildniß,
In der Einsamkeit vertrautem Arm.
Durch das tiefe Dunkel glänzt dein Bildniß,
Täuscht mit holdem Lächeln meinem Harm.
Wenn das Spätrot mein Gemach durchschimmert,
Heßperus in meine Fenster flimmert,
Früh mich weckt Aurorens roter Schein -
Immer, Edle, denk' ich dein!

Wenn ich lese, funkelt mir aus jeder
Zeile deines Namens teurer Zug.
Wenn ich schreibe, zeichnet meine Feder
Unwillkührlich den geliebten Zug.
Wenn ich lieg' und träume, horch! so schwimmen
Um mich ferne leise süße Stimmen.
Ach, die Stimmen nennen dich allein.
Immer, Edle, denk' ich dein.

Wenn ich einst das helle Land erfliege,
Draus die Wahrheit und die Freiheit stammt,
Selig mich in jenen Räumen wiege,
Wo Orion und die Lyra flammt,
Öfter schweb' ich aus der hohen Ferne
Dann herab zum blassen Erdensterne,
Wiege dich in süßes Staunen ein -
Ewig, Edle, denk' ich dein!

 
Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten