Johannisw├╝rmchen

Gedicht

von Dorothea Renckhoff

Foto © Frank Becker
Johanniswürmchen
 
Es sollte der Abend der Glühwürmchen sein
Aber keines zeigt sich im Garten.
Der böse Junge
Hat sie ins Haus gelockt
Die Fenster verschlossen
Sieht lachend dem Schlaf der Großmutter zu
Am Tisch ihrer riesigen Küche
Himbeerbonbons in den offenen Händen
Kirschdrops im Mundwinkel
Leuchtkäfer im schütteren Haar
Brüchiges Diadem
Diamantener Hochzeit.
Ein Schiff altmodischer Bauart
Führt einen weißen Offizier
In die unerreichbare Ferne
Eines Fotos im Rahmen aus Lack
Scharf wie gestochen.
An seine Reling gelehnt
Blickt er als Letzter zurück
Alle Andern längst fort von den Wänden
Klappern im Sack
In ihren Silberrahmen
Als der Enkel verschwindet.
Glimmende Punkte in dunklen Räumen
Irren durch offene Türen
Von Zimmer zu Zimmer
Suchen den Ausweg.
Wenn die Lianen des Blauregens draußen
Die Scheiben eindrücken
Dann seid ihr frei.
 
 
Dorothea Renckhoff



© Dorothea Renckhoff - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2009