Villon - Das große Testament (17)

...worin er seinen Rückzug vorbereitet

von Ernst Stankovski
François Villon
Das Große Testament

Übertragen von Ernst Stankovski



Rondeau
 
Kehr' ich heim aus harter Haft,
wo ich elend fast verkommen,
weil Fortuna mir genommen
allen Mut und alle Kraft,
willenlos und abgeschlafft ­
wer sagt mir noch ein Willkommen,
kehr' ich heim?
 
Heimatlos und hart bestraft
sei die Seele aufgenommen,
wo sie einst herabgekommen
zu der schweren Wanderschaft...
kehr' ich heim.
 
 
...alsdann vermacht er Weiber und Lustknaben und wünscht sich seinen Grabstein
 

154  Als ich herabkam in die Welt, / war eine gute Fee zugegen,
drum kann ich, wenn es mir gefällt / auch weitergeben ihren Segen.
Prälat Lomer dem Lendenträgen, / sei drum das Feengeschenk vermacht,
daß er die Frauen wird erregen / ab heute, hundertmal pro Nacht.
 
155  Bei Alain Chartiers Liebesschnulzen / weinen die Mädchen, daß die Tränen
auf ihren Wangen dick versulzen. / Und darum schenk' ich allen jenen
ein Brusttuch voll von Sägespänen, / damit sie trocknen ihre Zähren.
Doch nur wenn die gerührten Schönen / an meinem Grab auch eifrig plärren.
 
156  Jaques James der sich so rastlos schindet, / der ständig jammert um sein Geld
und üb'rall es in Haufen findet, / vermach' ich alle Frau'n der Welt.
Doch wenn ihm eine gar gefällt, / dann soll er ja nicht um sie werben,
weil ihn schon jetzt die Sorge quält, / an irgend wen was zu vererben.
 
157 Item der wack're Seneschall, / der meine Schulden abgetragen,
soll Hofschmied sein, samt Hofmarschall, / und meine Hennen mir beschlagen.
Zum Dank, an kalten Wintertagen, / erhitze ihn mein Testament.
Und sollt' ihm Dichtkunst nicht behagen, / versuch' er wenigstens, ob's brennt.
 
158  Zu wärmen seine kalte Stuben, / geb' ich dem Wachekommandanten
Philbert, Marquet, die will'gen Buben, / die einst für den Profosen brannten.
Der jagte sie davon in Schanden, / das Schicksal hat sie hart getroffen.
Heut steht den beiden jungen Fanten / der Arsch nur mehr vor Kälte offen.
 
159  Dem immer geilen Chapellain, / vermache ich die Pfarramtspfründe.
Doch die Chapelle sei nicht sein, / und das hat seine guten Gründe:
Weil ihm der Sinn nur danach stünde, / sich an der Beichte zu erbauen.
Als Pfarrer hört man manche Sünde / von Damen und von Kammerfrauen.
 
160  Dem ehrenwerten Jean Calais / will diese Schrift ich anvertrauen.
Er ist, wenn ich es richtig seh', / der Einz'ge, auf den noch zu bauen.
Er hat mich öfters wild verhauen, / vor dreißig Jahren wohl zuletzt ­und,
voll Vertrau'n in seine Klauen, / sei er dem Werk als Punkt gesetzt.
 
161  Er mag es deuten und glossieren, / auch jedes Ding ganz neu benennen,
mag kommentieren, definieren / und annullieren oder trennen.
Und sollte er's nicht lesen können / (mag sein, er sieht schon etwas schlecht),
kann er's von mir aus auch verbrennen. / Posthum ist mir das alles recht.
 
162  Doch sollte einer von den Erben / mit allzuflottem Wanderschuh
mich überholt haben beim Sterben, / schon warten in der ew'gen Ruh,
dann teil' Calais wem andern zu, / was ich vermacht hab' diesem Lümmel.
Doch mach' er dabei keinen Schmuh, / sonst geht's ihm schlecht bei uns im Himmel.
 
163  Im dritten Stock von Sankt Avoien / wünsche mein Ehrenmal ich nur.
Versehen mit einer ganz neuen, / die Fliesen schonenden Skulptur.
Von Marmor daran keine Spur / (womit man sich den Steinmetz spart),
auf Fließpapier gezeichnet nur: / das ist apart - und nicht so hart.
 
164  Item in großen gold'nen Lettern / soll auf dem Grabstein leuchtend steh'n
der Text, daß ihn die spätem / geneigten Leser deutlich seh'n.
Doch sollt' es wohl mit Gold nicht geh'n, / weil ihr keins findet bei mir Siechen,
so schreibt es drauf mit Knoblauchzeh'n ­/ dann können mich die Leser riechen.

 

 
Grabschrift (165)
 
HIER LIEGT IM GRAB EIN ALTER NARR
NICHT HOFFEND DASS IHN GOTT BELOHN
EIN EINSTMALS FAHRENDER SCHOLAR
MIT NAMEN FRANÇOIS VILLON
ER SCHENKTE ALLES FORT OBSCHON
ER NIEMALS VIEL BESASS KONKRET
NUR LIEBE UND DIE SPRACH IHM HOHN
KOMMT IHR VORBEI SPRECHT EIN GEBET


Wer den Original-Ton hören möchte, kann das mit der CD zum Programm: www.kip-media.de
Informationen über Werk und Wirken Ernst Stankovskis unter: www.ernst-stankovski.com und www.musenblaetter.de

Lesen Sie am kommenden Mittwoch weiter:
"Das Große Testament" des François Villon.
Redaktion: Frank Becker