Villon - Das große Testament (14)

Worin er der dicken Margot eine saftige Ballade singt

von Ernst Stankovski

François Villon
Das Große Testament

Übertragen von Ernst Stankovski


Ballade
von Villon und der dicken Margot
 
Beschimpft mich nur, weil ich die Nutte lieb',
als Zuhälter, ihr Herrn, ich bin es gern.
So gern, daß ich wenn nötig ihr zulieb'
mit Messer und mit Dolch euch Mores lern'.
Ihr Ruf und ihr Gewerb' kann mich nicht stör'n,
im Gegenteil, ich laufe für die Gäste,
bring' Wein und Brot und hole nur das Beste
und wenn sie bei ihr liegen, bin ich froh!
Es wirft was ab und ich bekomm' die Reste -
­im Puff dort, wo ich wohne mit Margot.
 
Bei uns daheim gibt's manchmal ganz schön Krach,
kommt ohne Zaster sie vom Strich nach Haus'.
Dann haß' ich sie in ihrer tumben Schmach,
zieh' ihr das Mieder, Schuh' und Kleider aus
und schmeiß' sie nackt aus ihrem Bett hinaus.
»Das Zeug behalt' ich für den Gratis-Fick!«
brüll' ich sie an. Das Luder keift zurück,
ich wär' der Teufel und sie haßt mich so.
Darauf verdresche ich das miese Stück ­-
im Puff dort. wo ich wohne mit Margot.
 
Dann hält sie's Maul und läßt noch einen Furz
und stinkt so wie kein Käfer auf dem Mist.
Sie faßt mir in die Hose und sagt kurz:
»Ich liebe es, wenn du so zärtlich bist!«
Drauf saufen, schlafen wir, bis Mittag ist,
und dann, wenn sie ganz schläfrig geil erwacht,
steigt sie auf mich in ihrer schweren Pracht
und drückt mich platt mit ihrem fetten Po.
Und ächzend rammeln wir, daß alles kracht -
­im Puff dort, wo ich wohne mit Margot.
 
Envoi
Mein Ofen ist geheizt, was soll schon sein,
ich bin ein Schwein, drum brauch' ich Schweinerei'n.
Die müde Katz' fängt müde Mäuse ein
und wie der Hund ist, so ist auch der Floh.
Sollen wir ehrlos schon und ausgeworfen sein,
so sei der Auswurf unser Heiligenschein ­-
im Puff dort, wo ich wohne mit Margot.


...und macht sich ein paar Gedanken über die Zukunft der Jugend


141  Der Puffmutter Marion d'Idolle / werde ein Lehrstuhl etabliert,
wo öffentlich sie lehren solle, / wie man die Liebe praktiziert.
(Von Minderjähr'gen vorgeführt!) / Bekanntlich mögen es die Alten,
wenn junge Lehrkräfte versiert / den Schwamm und auch den Griffel halten.
 
142  Dem Neol Jolis, der mich verprügelt / mit Katharina de Vausselles
und uns're Freundschaft so besiegelt, / bring' man zwei Weidenruten schnell
und gerbe ihm damit das Fell. / Zweihundertzwanzig stramme Hiebe!
Nach diesem Zeremoniell / versich're man ihn meiner Liebe.
 
143  Doch wenn ich wirklich was besäße, / ich gäb's dem Armenhospital
­(viel lieber noch als bitt're Späße). / Die Ärmsten erben doch real
den Abfall nur von jedem Mahl, / so soll'n sie meine Knochen haben.
Ist das Menü auch bloß frugal: / Der kleine Mann kriegt kleine Gaben.
 
144  Colin Galern, der mich balbiert / und Wärme sucht um jeden Preis,
sei ein Geheimrezept zitiert: / Er hole sich »Gesundheits-Eis«!
Hacke die Marne auf mit Fleiß / bei Frost, und leg' sich auf den Darm
das Eis im Winter, wenn's nicht heiß - / ­dann fühlt er sich im Sommer warm.
 
145  Den öffentlichen Findelkindern, / denen man Hoffnung machen solle,
die eines Tages Kassen plündern, / wenn sie entlaufen der Kontrolle
wie ich, und dann zu der» Idolle« / ins Puff die faulen Kröten tragen,
wenn ihr Gewissen hören wolle, / so hör's, was Villon hat zu sagen.


Wer den Original-Ton hören möchte, kann das mit der CD zum Programm: www.kip-media.de
Informationen über Werk und Wirken Ernst Stankovskis unter: www.ernst-stankovski.com und www.musenblaetter.de

Lesen Sie am kommenden Mittwoch weiter:
"Das Große Testament" des François Villon.
Redaktion: Frank Becker