Das Ende aller S├╝dseeromantik

Lukas Hartmann - "Bis ans Ende der Meere"

von Frank Becker
Hawaii sehen und sterben...


Als Junge habe ich mit glühendem Interesse und Fernweh Bücher über Entdeckungsreisen verschlungen, wollte die Dschungel der Regenwälder durchstreifen, die Hitze der Wüsten ertragen, durch die gleißenden Schneefelder der arktischen Zonen stapfen, die höchsten Gipfel erstürmen, die endlosen Weiten der Meere erleben. Zur See! Frei sein! Das war eine der heißesten Sehnsüchte. Hätte ich damals bereits Lukas Hartmanns Roman "Bis ans Ende der Meere" lesen (und verstehen) können, zumindest das Verlangen nach einer Umrundung der Erde auf einem Segelschiff der Zeit Kapitän Cooks wäre erheblich geschmälert worden.

Zweimal bereits hatte der legendäre britische Entdecker James Cook solche riskanten und abenteuerlichen Reisen unternommen, die erste vom August 1768 bis Juli 1771, die zweite vom Juli 1772 bis zum Juli 1775. Kaum ein Jahr nach der Rückkehr von der zweiten Reise war sein Schiff, die Resolution überholt und bereit für eine dritte Fahrt, diesmal mit dem Ziel eine Route zu finden, die im Norden Amerikas vom Pazifik zum Atlantik führe. Das Schwesterschiff der Expedition war die Discovery, wie die Resolution ein umgebauter Kohlenfrachter aus den Werften von Whitby, unter dem Kommando von Kapitän Charles Clerke. Weder Cook noch Clerke würden die Heimat wiedersehen.

Am 12. Juli 1776 brach James Cook von Plymouth aus zu der dritten Weltumseglung auf, die seine letzte werden sollte.
In Kapstadt stieß die Discovery zu ihm. Der von der ersten bis (fast)* zur letzten Seite gefesselte Leser wird mit an Bord genommen und erlebt die Fahrt, die am 4. Oktober 1780 nach vier Jahren und fast drei Monaten endete, mit den Augen und dem Herzen des Malers John Webber, der an Bord der Resolution mitfuhr, um alle Reiseeindrücke, Landschaften, Menschen, Fauna und Flora im Bild festzuhalten. Lukas Hartmann bedient sich des geschickten Kunstgriffs, die Geschichte aus zwei Perspektiven zu erzählen: einmal durch John Webber selbst, dann aber auch durch einen Erzähler, der Webber quasi über die Schulter schaut. Dadurch entsteht ein geradezu dreidimensionales Bild, und dank der feinfühligen Erzählkunst Hartmanns ein glaubhafter Eindruck nicht nur der Reise, sondern auch der physischen und psychischen Situation der Personen an Bord der beiden Schiffe, vor allem natürlich der Resolution.

Fast wird einem während der Lektüre die drangvolle Enge an Bord des 460-Tonnen-Seglers zur Heimat, die sie für Besatzung und Offiziere zwangsläufig werden mußte. Kerguelen, Tasmanien, Neuseeland, Gesellschaftsinseln, Weihnachtsinsel, Hawaii, Alaska, Beringstraße, Kamchatka - einige der Ziele der ersten zweieinhalb Jahre Fahrt. Die Suche nach der Nord-Passage blieb erfolglos. Die Seeleute leiden bei zwei Versuchen im arktischen Frost, nachdem sie das üppige Leben der warmen Südseeinseln kennengelernt hatten. Den Winter 1778/79 verbringen Cooks Schiffe auf Hawaii, wo sie vor der Kealakekua-Bay ankern. Dort kommt es am 13. Februar 1779 zu einem folgenschweren eskalierenden Konflikt mit den bis dahin friedfertigen Stämmen, in deren Verlauf Cook getötet wird. Clerke übernimmt das Kommando, aber auch stirbt, nur wenige Wochen später, an Tuberkulose.

Es ist ein überaus fesselndes Buch, ein Roman wohlgemerkt, doch ein sehr sorgfältig recherchierter historischer Stoff, dessen dramatis personae auf die reale Zeit und die tatsächliche letzte Reise des legendären britischen Entdeckers James Cook zurück greift. Lukas Hartmann erweist sich als brillanter Erzähler, der seine Fäden schlüssig und ohne aufgesetzte Dramatik spinnt - was der Spannung hingegen förderlich ist. Er läßt tief in die Gefühlswelt der wichtigsten handeln Personen blicken, sei es nun seine zentrale Figur John Webber (1751-1793), sein Bruder Henry Webber (Bildhauer, 1754-1826), seien es seine Gefährten James Trevenen (Fähnrich, 1759-1790), William Anderson (Schiffsarzt, 1750-1778), James King (Zweiter Leutnant, 1750-1784) oder William Goulding (Steward, 1733-1799). Die schöne Königstochter Poetua (ihr Bild von Webbers Hand ziert den Umschlag des Buches), die Webbers Gefühle gefangennimmt, während sie als Geisel an Bord festgehalten wird, bleibt hingegen Hartmanns Plan folgend ebenso undurchsichtig wie die Vaterfigur des ehrgeizigen und der Krone treu ergebenen James Cook.
Nützlich und hilfreich sind die Anhänge mit Namens- und Orts-Erläuterungen. Ein Buch, das man getrost mehrmals lesen kann. Einzig - und hier kommen wir zu dem "(fast)*" des dritten Absatzes - über den gut 12-seitigen Epilog mag man streiten. Auch bei einem Ende mit Seite 457 hätte dem hervorragenden Roman nichts gefehlt. Und der Titel? Endet die Welt? Enden Meere? Schlagen Sie Seite 62 auf... 


Lukas Hartmann
Bis ans Ende der Meere
Roman
© 2009 Diogenes Verlag
487 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag, Lesebändchen, Personen- und Ortsverzeichnis, Landkarte auf den Vorsätzen
21,90 €
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