Villon - Das Große Testament (9)

...worin er Jean Cotard eine Ballade und ein Gebet schenkt und Legate an viele seiner guten und bösen Wegbegleiter ausspricht

von Ernst Stankovski
François Villon
Das Große Testament

Übertragen von Ernst Stankovski


Ballade und Gebet
Für Jean Cotard

Noah, der du gepflanzt die ersten Reben,
und auch du, Loth, der gern und viel gesoffen,
daß man in weinbeseeltem Liebesstreben
bei deinen Töchtern selbst dich hat getroffen
(nicht dich zu schmäh'n sage ich dies so offen),
Archetriclin, der stets im Koma war ­-
nehmt bei euch auf, und ihr seid übertroffen,
die arme Seel' des wack'ren Jean Cotard.
Die arme Seel' des wack'ren Jean Cotard.
 
Er stammt wie ihr aus bacchischem Geschlechte,
trank bodenlos von all den edlen Stoffen.
Hat schon als Kind, mit Gaumen für das Echte,
bei Muttermilch seine Windeln versoffen.
Wenn dann im Rausche die Lippen ihm troffen,
sein Blick verglast ohne Richtung mehr war,
dann stand hienieden schon der Himmel offen
der armen Seel' des wack'ren Jean Cotard.
Der armen Seel' des wack'ren Jean Cotard.
 
Es hat Cotard in seinen Erdentagen
gut überstanden so manch' Katastrophen.
Blutig am Kopf sich ein Loch geschlagen
beim Fleischerstand, so war er besoffen.
Beim Wirte hat sowas nie ihn getroffen,
weil der Wein flüssig und kantenlos war.
Ein Thema wäre wohl für Philosophen
die arme Seel' des wack'ren Jean Cotard.
Die arme Seel' des wack'ren Jean Cotard.
 
Envoi
Prince, möge ihm ein feuchter Himmel winken,
die trock'ne Kehle brannt' ihm immerdar.
Nehmt ihn dort auf, doch gebt was zu trinken
der armen Seel' des wack'ren Jean Cotard.
Der armen Seel' des wack'ren Jean Cotard.

Und weiter sagt das Testament:

91  Den GROSSEN POTT, die alte Schenke, / damit er stets was hat zum Saufen,
mach' Maitre Jacques ich zum Geschenke; / nur müßt' er sie für vier Sous kaufen,
würd' er dafür auch nackt dann laufen. / Doch daß er sich ja nicht verläuft
und statt im POTT sich nur vollaufen / zu lassen, im TANNENZAPFEN säuft.
 
92  Louvier, Merebeuf, die woll'n partout / nicht Weidevieh als letzten Gruß.
Nicht meinen Ochs, nicht meine Kuh, / für sie ist Rindfleisch kein Genuß,
Schnepfen und Hasen sind ihr Muß. / Die jagen sie mit sich'rer Hand
mit Waidmannsheil und Waidmanns Gruß / sich selbst - am nächsten Wildbretstand.
 
93  Robin Turgis, dem feinen Herrn / zahl' ich die Schulden - käm' er her.
Er soll mich suchen, weil ich gern / mein Schöffenamt ihm noch verehr',
das als Pariser mir gehör'. / Sprech' ich vielleicht auch sehr »entfernt«,
nicht Großstadt-Diktion wie er: / »Dös hab' i von zwa Schlampen g'lernt!«
 
94  Zwei süße Schnecken sind's, charmante, / wollt ihr sie suchen, müßt ihr rennen
in die Bretagne, nächst Vovantes. / Bei ihnen läßt sich's herrlich pennen.
Es ist, ich will's diskret bekennen, / die beste Anschrift, die ich hab'.
Die werd' ich euch bestimmt nicht nennen, / die nehme ich mit mir ins Grab.
 
95  Dem rüden Sergeant Jean Rugier, / der kommandiert den 12. Hauf' -­
den immer ich nur mampfen seh', / ob Hochzeit oder Kindestauf',
vermach' ich täglich Käsauflauf, / vom Tisch des Herrn Bailly gestohlen,
wozu er warmes Wasser sauf', / beim Maubué-Brunnen abzuholen.
 
96  Dem Narrenprinz - Michault du Four / mit seinen lust'gen Reimerei'n,
der Witze macht in einer Tour / und so hübsch singt: »Beim Wein, beim Wein!«
Ein schöner Guter Tag sei sein! / Obwohl man dererlei Gestalten
ja nicht für Narren nur allein, / nein, auch für Dummköpfe muß halten.
 
97  Der widerlichen Schergenmeute, / so elfmal zwanzig an der Zahl,
so zarte und so sanfte Leute, / vermach' ich einen Seidenschal
(doch aufwärts erst vom Korporal), / um an den Hut ihn sich zu stecken.
Die niedren Chargen können mal / ­sie wissen schon - am Arsch mich lecken.
 
98  Pernet kriegt noch was, zweierlei: / Statt eines Balkens auf dem Wappen,
drei Würfel aus gegoß'nem Blei, / daß seine Spielchen immer klappen,
dazu ein Kartenspiel aus Pappen. / Die Karten will ich gern ihm zinken,
doch nie beim Furzen ihn ertappen, / weil seine Furze scheußlich stinken.
 
99  Item vermach' ich dem Cholet / daß er mit Menschen, die er zwinge,
nicht wie mit Faß und Spund umgeh' / und immer nur den Hammer schwinge,
die prächtigste Lyoner Klinge. / Sie geb' dem Wüten Eleganz.
Ich hoff', daß er dann selber springe / mal über sie, bei einem Tanz.
 
100  Item vermach' ich Jean le Lou / ­der mit Cholet mal angebunden,
dem abgehalfterten Filou: / den wilderndsten von allen Hunden,
der ihm ein Huhn reißt jede Stunden; / und, daß das Raubzeug er verstecke,
'nen Mantel, einen weiten runden, / der seine Gaunerei'n bedecke.
 
101  Türkischen Ingwer laß' ich da / für sein blutrünstiges Gelüste
dem Jean Mahé, orfèvre de bois. / Daß es die Geilheit ihm versüßte,
er ohne Ende vögeln müßte, / und wenn er stößt in seine Mieze,
bei ihr's die Milch jagt in die Brüste, / das Blut ihm aus den Hoden spritze.
 
102  Dem Capitain J ehan Riou / samt seinem Scharfschützenverein
vermache ich ein Fleischragout: / Sechs räud'ge Wolfsköpfe sei'n sein,
gekocht in übergärtem Wein. / Kein Schweinehirt würd' sowas fressen
und deshalb lad' ich ihn drauf ein. / Dran soll er seinen Wert ermessen.
 
103  Das ganze Zeug schmeckt etwas ledern / und liegt im Magen noch nach Tagen
wie Flaschenkorken, Gänsefedern, / jedoch er wird es wohl vertragen,
er hat ja einen guten Magen. / Doch sollte es ihm Bauchweh machen,
vielleicht das Fell ihm nicht behagen - ­/ dann näh' er sich draus Wintersachen.
 
104  Item Herrn Robinet Trascaille, / der nur mehr sitzt auf seinem Pferd,
weil wegen seiner breiten Taille / das Fußgehen ihn sehr beschwert.
Ihm sei ein ird'ner Krug verehrt, / um seine Küchenbank zu schmücken,
weil er mir dessen Gegenwert / partout nicht lieh (aus freien Stücken).
 
105  Sehr gerne denk' ich an Girard, / der Bader ist in Bourg la Reine,
wo eine Woche Gast ich war / zu einem wohlgebrat'nen Schwein.
Zwei Schüsseln und ein Faß sei sein. / Er trink' auf mich das ganze Faß,
und lad' wie damals dazu ein / die Puffäbtissin von Pourras.
 
106  Den Bettelmönchen von Paris, / sowohl den nackten Turlipinen
(so manchem hier ein Ärgernis) / wie auch den frömmelnden Beghinen
den Schnorrern Gottes, ich reich' ihnen / recht fette Suppen und Omletten.
Daß hinter euren Bettgardinen / sie ja nicht schlaff und kraftlos beten.
 
107  Es ist ja nur in Gottes Namen, / wenn sie ein Schlafgemach betreten
und fromm verspritzen ihren Samen / in ausgekühlten Ehebetten.
Und sehr oft so die Ehe retten / der müd'geword'nen Ehemänner,
weil manche keine Söhne hätten / ohne die segensreichen Penner.
 
108  Der Prediger Poliaco / kann diesen Sinn nicht recht kapieren,
Jean de Mehun geht's ebenso. / Sie mußten peinlich retirieren
und ihre Thesen revidieren, / daß man sich drüber nicht beschwere,
was, wie die Mönche explizieren, / allein geschieht zu Gottes Ehre.
 
109  Die Kirche deckt's mit ihrer Kraft, / was all die fremden Orden treiben.
Drum will's auch ich als fabelhaft / und gottgefällig unterschreiben
und mich nicht weiter daran reiben, / weil diese armen, frommen Knaben
so manchen Kritiker, beileiben / nicht zart, halbtot geprügelt haben.
 
110  Ich laß' dem Baude, diesem Schelm, / zu trotzen nächtlichen Alarmen,
zwei Hellebarden mitsamt Helm, / daß der Profos mit den Gendarmen
nicht in den minderjähr'gen Armen / ihn seines grünen Liebchens stört.
Der Kerl, er kennt ja kein Erbarmen / und gilt als »Teufel von Vauvert«.
 
111  Dem Siegelwahrer: Wachs von Bienen! / Er ist ja eine faule Haut,
vielleicht wird seinem Fleiß das dienen, (jedoch mit Spucke sei's versaut).
Dann werd' sein Daumen breitgehaut, / so kann dem Bistum er mehr nützen,
und schreit in seinem Leid er laut / ­mag Gott ihn künftig mehr beschützen.
 
112  Den Herrn Auditor'n man erneuer', / daß brav sie lauschen den Gesetzen,
ihren Gerichtssaal, diese Scheuer'. / Daß ihre Ärsche, voll von Krätzen
sie nicht auf feuchten Bänken wetzen. / Doch dafür müssen sie versprechen,
daß sie Macée der kleinen Metzen, / die mich betrog, die Knochen brechen.
 
113  Sodann mach' man dem Herrn Fiskale / Françoyes de la Vasquerie
ein Halsband aus gewirktem Stahle. / Schmied' daran fest mit Akribie
die Schienen für die krummen Knie / (daß ihn kein Ritterschlag versehre)
und nehm' das Ganze ab ihm nie, / dem Heiligen Georg zur Ehre.
 
114  Die Augen triefend, rotgelaufen, / hat Jean Laurens, nicht abzuwaschen,
das kommt vom puren Absinth-Saufen. / Drum gebt ihm zu der vollen Flaschen
den Inhalt meiner leeren Taschen, / den er tagtäglich frisch erneuer'.
Er darf am Hosenlatz auch naschen, / doch nicht zu viel, das käm' zu teuer.
 
115  Zuletzt dem Maitre Jean Cotard / mit immer hochrotem Gesichte,
der hilfreich mir ein Anwalt war / beim hohen geistlichen Gerichte,
als mir Denise die Geschichte / dort rachesüchtig angehängt,
daß ich als Metze sie ausrichte. / Cotard sei dieses Lied geschenkt.

Wer den Original-Ton hören möchte, kann das mit der CD zum Programm: www.kip-media.de
Informationen über Werk und Wirken Ernst Stankovskis unter: www.ernst-stankovski.com und www.musenblaetter.de

Lesen Sie am kommenden Mittwoch weiter:
"Das Große Testament" des François Villon.
Redaktion: Frank Becker