Francois Villon - Das Große Testament (8)

...wo er seine falsche Geliebte schmäht, dem Tod ein Rondeau singt und in seinem Testament fortfährt

von Ernst Stankovski
François Villon
Das Große Testament

Übertragen von Ernst Stankovski



Ballade
Villon an seine Geliebte

Du falsche Schöne, du hast mich umgirrt,
hast mich mit lüsternen Blicken bedacht.
Hast mich mit feurigen Küssen verführt,
eiskalt zum Narr'n deiner Wollust gemacht.
Hast um den Rest von Verstand mich gebracht,
wenn in mir kochte das irrende Blut...
und als ich dein war, nur stolz ausgelacht,
statt mir zu helfen, wie Liebe es tut.
 
Hätte ich doch eine an'dre geküßt,
müßt' ich in Schande nicht flieh'n durch die Nacht.
Du feile Hexe, du süßes Stück Mist,
du bist der Grund, daß mich traf Bann und Acht.
Du hast mich um meine Ehre gebracht,
die im verlotterten Bett bei dir ruht...
und dann vertrieben, verspottet, verlacht,
statt mich zu trösten, wie Liebe es tut.
 
Es kommt der Tag, wo die Schönheit dir stirbt,
runzelig welkt deine schwellende Pracht,
wo sich kein Freier mehr um dich bewirbt
und selbst Villon, einst verschmäht, dich verlacht.
Aber was soll's, auch für mich kommt die Nacht,
auch ich bin grau dann und müde mein Blut.
Liebe die Männer, nur zu, doch hab acht:
Liebe sie so, wie die Liebe es tut!
 
Envoi
Liebesgott, der du uns Toren beschießt,
tauch' deine Pfeile in Stärke und Mut,
daß dein Geschoß in mich Duldekraft gießt,
statt mich zu töten, wie Liebe es tut. Rondeau

 
Rondeau
 
O Tod, ich klage dich hier an,
du hast die Liebste mir entführt!
Nicht hat mein Flehen dich gerührt,
hier lieg' ich, ein zerbroch'ner Mann.
Was tat das arme Kind dir an?
Hast du die Liebe nicht gespürt...
Tod!
 
Was ist der Sinn, daß man verliert
ein Leben, das grad erst begann?
Ein Herz nur schlug in Frau und Mann
­hast du die Liebe nicht gespürt...
Tod?
 
 

...und schreibt sein Testament weiter fort
 
84  ltem, Freund lthier Marchand, / (ich schenke ihm mein Schwert ja schon)
dem besten Lautenist im Land / vermach' ich, daß er es verton,
dies Lied. Er singe es um Gotteslohn / samt DE PROFUNDIS seinen Damen,
die ihm entlaufen alle schon. / Diskret verschweig' ich ihre Namen.
 
85  Dem hilfsbereiten Jean Cornu / dem manch Kredit gereicht zur Ehre,
der vielen half, nur mir noch nie (wofür ich ihm gern dankbar wäre),
geb' ich, daß ihn kein Bettler störe, / er unbehelligt wohn' darin,
'nen wohlverschloß'nen Park zur Wehre. / Nur leider sind die Schlösser hin.
 
86  Er laß' sie alle reparieren, / und auch die Mauern, die zerfallen.
Es wird ihn sicher nicht genieren, / sein ganzes Geld dafür zu zahlen.
Dann sitz' er drin in bangen Qualen, / ob ihn nicht Diebe überraschen,
weil Haken ich auf's Tor gemalen, / damit sie wissen, wo zu naschen.
 
87  Mit eines Schimmelhengstes Leib / hab' einst ich Herrn Amand bedacht.
Doch weil sein unfruchtbares Weib / mich bös als Strolch heruntermacht,
sei ihm 'ne Stute zugedacht - / ­daß sie ihm einen Sohn gebäre.
Wenn er im Bette, in der Nacht, / nicht selbst ein lahmes Maultier wäre.
 
88  Dem ehrenwerten Herrn Denis, / der, außer daß er stets besoffen,
auch Stadtrat ist hier in Paris, / hab' diese Widmung ich getroffen:
Zehn Weinfässer, das Spundloch offen, / stell' man hin vor sein Angesicht.
Mit Wasser voll und and'ren Stoffen, / die ihn ernüchtern, wenn er's riecht.
 
89  Guillaume Charruau, ihm sei verehrt, / weil er mein Anwalt war so machtvoll,
mein dünnes, altes, müdes Schwert / ('ne Scheide suche er sich selbst - so acht Zoll),
dazu noch ein Real, ganz prachtvoll. / Doch rate ich ihm ganz verstohlen,
daß er sich diesen von der Pacht soll / des reichen Templerordens holen.
 
90  Dem braven Staatsanwalt Fournier / der mich so eifrig unterstützt hat,
geb' ich viermal mein Portemonnaie, / weil keine Anklage genützt hat,
obwohl das Recht er stets geschützt hat, / es ist in Akten nachzulesen.
Was mich zum Glück nicht recht geritzt hat, weil ich der Klügere gewesen.
 

Wer den Original-Ton hören möchte, kann das mit der CD zum Programm: www.kip-media.de
Informationen über Werk und Wirken Ernst Stankovskis unter: www.ernst-stankovski.com und www.musenblaetter.de

Lesen Sie am kommenden Mittwoch weiter:
"Das Große Testament" des François Villon.
Redaktion: Frank Becker