199, 19, 8

Zora del Buono – „Gotthard“

von Frank Becker

199, 19, 8
 
Eine Erzählung um Leben und Sterben
 
Der Berliner Fritz Bergundthal ist von Eisenbahnen fasziniert, fotografiert die Lokomotiven, nennt sie beim Namen und der Baureihe und tauscht sich darüber mit Menschen gleichen Interesses aus. Sogar internationale Freundschaften wie die zu dem Schweizer Hanspeter entstehen über diese Leidenschaft.
Jetzt ist Bergundthal am Gotthard, wo er auf Bilder der auf der Baustelle des Gotthard-Basistunnels eingesetzten Züge für seine Sammlung hofft. Die magischen Zahlen 199, 19, 8 begleiten ihn in seinen Gedanken – sie stehen für die Toten am Gotthard: 199 beim Bau des Eisenbahntunnels, 19 beim Autotunnel, und 8 sind es bis jetzt auf der aktuellen Baustelle. Es wird nicht dabei bleiben. Zwar kommt er zu einigen schönen Fotos von Re 460 001-1, E 633-212, Ae 6/6 und Ae 8/14, sogar der TEE RAe II, doch reißt ihn die Begegnung mit Menschen aus seinem ursprünglichen Plan.
 
Da ist zum Beispiel die grell aufgetakelte ehemalige Kantinenschönheit Dora Polli-Müller, die ihr Alter ignorierend ihm nachsteigt, deren herbe Tochter Flavia, eine Lkw-Fahrerin die ihn auf merkwürdige Art nervös macht, sich aber von der brasilianischen Hure Mȏnica aus dem Puff Alabama angezogen fühlt. Da sind Doras Ehemann Aldo Polli, ein verrückter Vogel, der ein einträgliches Nebengewerbe hat und Tonino (di Torino), die ein lange zurückliegendes Verbrechen zusammenschweißt, ein Geheimnis, das nie geklärt werden wird.
Wir treffen den Gotthard-Lokführer Robert Filz, der durch die Wetter im Berg beinahe ums Leben kommt, seinen Schichtführer Thomas Oberholzer, der es satt hat alle Woche zurück nach Cottbus zu fahren und von einem ungebundenen Leben träumt. Träume haben sie alle, die da am Gotthard zusammentreffen. Wir ahnen, das sind Träume, die sich wohl nie erfüllen werden.
 
An einem Vormittag zwischen 06.00 und 12.23 läßt Zora del Buono ihre dramatis personae auftreten, deren Wege sich kreuzen bis tief schwarzhumorig ein gräßliches, geradezu skurriles Ereignis Bergundthal zur unmittelbaren Abreise bewegt.
Zora del Buono hat für das Milieu der Arbeiter, die den Basistunnel in den Berg treiben eine angemessen deftige Sprache gefunden, dabei aber nicht die verletzliche Seelenlandschaft ihrer Figuren vergessen und zeichnet scharfkantige Skizzen der Beteiligten mit greifbaren Konturen. Durch den Wechsel der personenbezogenen Kapitel und die eingeblendeten Uhrzeiten entsteht nahezu ein Drehbuch des harten Lebens der unbehausten Tunnel-Arbeiter. Eine stilistisch reife, fesselnde Erzählung mit Mehrwert. Sehr zu empfehlen.
 
Zora del Buono – „Gotthard“
Erzählung
© 2024 Diogenes Verlag, 158 Seiten, Broschur, ISBN-13: 9783257247466
14,-
 
Weitere Informationen: www.diogenes.ch