Den würd ich mores lehren …

Philipp Hübl – „Moralspektakel“

von Johannes Vesper

„Den würd ich mores lehren, … 
ich würd ihn gehörig zausen“
 
Moralspektakel als Statussymbol
 
Was ist das, ein Moralspektakel? Mit dem Begriff bezeichnet Philipp Hübl ein Phänomen der Selbstdarstellung, bei dem man auf sozialen Medien Fragen der Moral diskutiert, Haltung zeigt, Macht, Angriff und Druck ausübt. Das Thema des Buches ist also nicht die Moral, nicht die Summe aller Werte und Gesetze, die unser menschliches Handeln regeln und bestimmen. Es geht nicht um moralisches Verhalten im Zusammenleben, sondern um die Art und Weise, wie der moderne Mensch sich als Herrscher über sein Smartphone darüber ausläßt. Dabei wird der Begriff des Moralspektakels etwas unscharf umschrieben, eher durch Beispiele belegt. Im Register am Ende des Buches kann man ihn auch nicht nachschlagen. Cancel Culture, mit unliebsamen Wertvorstellungen per Tweets angegriffen, gepiesackt, geächtet werden, fällt wohl auch unter den Begriff und ist ebenso unscharf: Streichkultur? Verbotskultur? Streichung von Kultur? Wokeness? Die widerlegten Behauptungen des jüdischen Musikers Gil Ofarim antisemitisch angegriffen worden zu sein, werden beispielhaft als Moralspektakel bezeichnet. Beim Moralspektakel geht es um die Darlegung einer Gruppenzugehörigkeit z.B. solcher, bei der die Verwendung des Kehlkopfverschlußlauts beim Gendersprech für ein Zeichen von moralischem Fortschritt gehalten wird. Da wird Gendersprech zum Statussymbol. Wie sich solche Moralspektakel ausbreiten, ausweiten und zu „Empörungserschöpfung“ führen, wird unterhaltsam geschildert.

Im ersten Teil will der Autor menschliche Moral im Sinne einer deskriptiven Ethik tatsächlich anhand empirischer Forschung beschreiben und analysieren. Dabei scheint es ihm vor allem eine justitiable, politische Moral zu gegen wie sie sich z.B. in der Erklärung der Menschenrechte findet. Er beschreibt die Umsetzung der Menschenrechte, die zunehmende Verbreitung von Demokratie und Freiheit als eine moralische Revolution und behauptet Krieg, Gewalt, Krankheit, Armut und Hunger seien seit Ende des 2. Weltkriegs rückläufig und führt die zunehmende Lebenserwartung bzw. die Abnahme der Kindersterblichkeit als Beleg dafür an. Das trotz dieser beispiellosen Erfolgsgeschichte der letzten 70 Jahre, die Menschen mehrheitlich glauben, die Weltlage habe sich verschlechtert, bezeichnet er als Moralparadoxon. Was stimmt aber? Die Zahl der Demokratien nimmt ab. Putin und Trump bzw. ihre Wähler tun alles dafür. Gibt es mehr oder weniger Kriege in den vergangenen Jahrzehnten? Vietnam, Ruanda, Balkankrieg, Äthiopien, die Kriege Israels, der Ukraine-Krieg, Gaza? Der Zeitungsleser zweifelt an der stellenweise unübersichtlichen Analyse des Autors, die auch durch unscharfe Kapitelüberschriften kaum an Struktur gewinnt. Zunehmender Femizid, die Beute-Ökonomie des modernen Marktes mit bandenmäßigem, weltweitem Betrug der großen Autohersteller im Dieselskandal und Krankenhaus-Aktiengesellschaften, die mit kranken Patienten Geld machen und ihren Aktionären Kapitalgewinne bis zu 15% versprechen, bestärken den Zweifel an einer zunehmenden Moral. Der homo ocoenomicus, selbst wenn er legal handelt, betreibt skrupellose Gewinnmaximierung. Und dagegen kommen Alltagsmoral und Anstand, auch die Justiz schwer an. Recht hat mit Moral oft wenig zu tun, siehe auch die Begründung der Kölner Oberstaatsanwältin für ihren Rückzug, die am Cum-ex-Raub von Bankbanditen gescheitert ist. Moral ist ein weites Feld und entsprechend wird das Thema weit und ausufernd behandelt. Ob wir uns wirklich bezüglich der Moral Illusionen hingeben? Reicht Instinkt aus für eine brauchbare Moral? Auf Kants kategorischen Imperativ oder auf die 10 Gebote der Bibel als Versuch einer individuellen, moralischen Richtschnur kommt der Autor nicht zu sprechen, auch auf Ethik als erste Philosophie nicht. Moralisierende Götter von 30 Weltreligionen werden ihrer Aufgabe nur unzureichend gerecht.
 
Im zweiten Teil geht es ihm um die Folgen des Moralspektakels, um ihre dunklen Seiten, „was passiert, wenn man in hohen Tönen über Moral redet, statt soziale Konflikte zu lösen“. Hilfestellung zur „Verteidigung der Moral“ bietet auch das so überschriebene letzte Kapitel nicht. Immerhin Vernunftmoral zahle sich langfristig aus für den Menschen, versichert der Autor.
Unterhaltsam zu lesen, eher journalistisch weitläufig und locker geschrieben, kann das Buch zum Nachdenken und zu Diskussionen anregen. Mit umfangreichen Anmerkungen und einem großen Literaturverzeichnis im Anhang belegt der Kulturwissenschaftler und Journalist seine Feststellungen und Hinweise.
 
Philipp Hübl – „Moralspektakel“
Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht
© 2024 Siedler Verlag München, gebundenes Buch, 336 Seiten - ISBN 978-3-827501561
26,- €