Für solche Filme muß man ein Fan sein

„Asteroid City“ von Wes Anderson

von Renate Wagner

Asteroid City
USA 2023

Regie: Wes Anderson
Mit: Jason Schwartzman, Scarlett Johansson, Tom Hanks, Tilda Swinton,
 
Man muß es voraus schicken: Das ist ein Film von Wes Anderson (was bei Fans und vielen Kritikern als Pawlow’schen Reflex Jubel auslöst). Er bedeutet für den Film das, was für das Theater Regisseure wie Marthaler, Castorf oder Fritsch verkörpern. Künstler, die ihren eigenen, unverkennbaren Stil entwickelt haben und ihn von einer Arbeit zur anderen in Details, aber nicht grundsätzlich variiert abziehen. Sie stehen bei den meisten Kritikern hoch im Kurs – andere werden sie, vielleicht nicht laut, als Narren empfinden, deren brillante Handwerksqualitäten dennoch nicht grundsätzlich ein grandioses Endprodukt ergeben. Man ist also angesichts von Wes Anderson versucht zu denken, dies sei möglicherweise nur des Filmemachers Spekulation mit einer Masche, und am Ende lacht er sich klammheimlich krumm, daß alle ihm darauf herein fallen.
 
Der Texaner Anderson (*1969) etablierte sich zu Anfang des Jahrtausends mit den „Royal Tenenbaums“ und hat seither keinesfalls zu viel gemacht. Ein bißchen Hotel-Jokus („Grand Budapest Hotel“, 2014), ein bißchen Zeitungs-Jokus („The French Dispatch“, 2021), absurdes Theater auf der Leinwand – seltsam, wie leicht heutzutage „Kult“ ausgerufen wird.
 „Asteroid City“ ist nun ein Spaziergang in das Amerika der Fünfziger Jahre, ganz weit weg von den Großstädten, in irgendeiner der Wüsten im Süden des Landes. Die Handlung ist in einen Rahmen eingebettet (schwarzweiß übrigens, damit die Farben dann noch greller und gräßlicher sind) – alles, was man sähe, so erfährt man, sei eigentlich eine Theaterinszenierung, ein Autor tippt an seinem Drehbuch.
Aber das hilft einem nicht weiter. Welche „Handlung“ bekommt man eigentlich serviert? Ja, daß die Amerikaner in ihren Wüsten Atombombentests veranstalten, weiß man. Ja, und Aliens gibt es dort auch. Und sonst? Man tut sich schwer, irgendeinen Sinn zu erkennen – da ist ein Papa mit einem Teenager-Sohn und drei schrecklichen Kinder-Töchtern. Da ist ein Filmstar, dessen Funktion kaum klar wird. Das US-Militär ist da. Eine schöne Ansammlung sinnloser Typen. Und seltsamerweise soll genau da, am Ende (um nicht zu sagen: am Arsch) der Welt irgendein Jugendpreis an einen künftigen Wissenschaftler-Star verliehen werden. Der Junior der Familie ist Aspirant.
 
Ach ja – daß sein Vater den Kindern nicht sagen will, daß die Mutter tot ist und er ihre Asche mit sich herumschleppt, ist das einzige Handlungselement, an das man sich wirklich halten kann. Wenn dann noch der Opa, der Vater der Toten, kommt, um die Kinder abzuholen, wird „Begräbnis“ gespielt – Schachtel in ein Loch im Boden…
An die Handlung kann man sich bei eindreivietel Stunden Spiellänge nicht halten, es sei denn, man findet das absichtsvoll Dumme und Verrückte grundsätzlich cool und ist bereit, irgendeine ironische Amerika-Kritik da hinein zu interpretieren (wenn man will, kann man ja bekanntlich alles).
Die Ästhetik ist da schon verläßlicher, wenn man ein Fan ist. Allein die Pastellfarben, in die Anderson seine künstliche Welt taucht – das schmerzt in den Augen. Und alles sieht schlechtweg unecht aus, als hätte er einen Zeichentrickfilm gemacht, der vorgibt, von Echtmenschen zu handeln, aber es ist nicht so richtig geglückt. Das ergibt natürlich den wahren Schwebezustand – wo bin ich und, vor allem, was will ich hier?
Nein, für solche Filme muß man ein Fan sein, muß Form statt Inhalt (pretty in pink!) genießen können (und zugegeben, es ist meisterlich gemacht). Ein Kritiker, der an sich Sinn für Unsinn hat, wenn er Sinn macht, aber hier nur aus Pflichtgefühl ins Kino geht, weil es Regisseure gibt, deren Arbeiten man folgen muß, ob man will oder nicht, erleben bei „Asteroid City“ die Stunden, in denen man mit seinem Beruf gar nicht glücklich ist. Und setzt sich damit, dies offen zuzugeben, zudem der höchsten Verachtung seiner Kollegen aus. Sei’s drum.
 
 
Renate Wagner