Unverhofft (2)

Eine Kriminalerzählung

von Frank Becker

Foto © Frank Becker
Unverhofft (2)
 

Wenig später hatte Schmölders eine Annonce aufgegeben, mit der er eine Haushaltshilfe suchte. Er hatte Frau Hellriegel auch ohne Zeugnisse eingestellt. Sie wirkte geradeaus, offen und ehrlich und bekam den Job. Schmölders zahlte einen anständigen Lohn, schwarz natürlich. Er hatte ihr sogar seinen Schlüssel anvertraut und war gut damit gefahren. Sie arbeitete unauffällig und effektiv und er mochte es, sie wirtschaften zu hören. Er mochte auch den Duft von „All about Eve“, den sie in seiner Wohnung hinterließ: Apfel, Zimt und Vanille. Sie war Ende 30, nicht verheiratet und hatte keine Kinder. In ihrem Beruf als Schriftsetzerin habe sie keine Anstellung mehr gefunden, hatte sie ihm beim Vorstellungsgespräch erzählt. Er hatte ihre Adresse, war aber nie der Versuchung erlegen, einen prüfenden Abstecher dorthin zu machen. Manchmal tranken sie eine Tasse Kaffee zusammen, wenn Frau Hellriegel am Nachmittag kam und Schmölders bereits zu Hause war. Dann unterhielten sie sich ein wenig. Belanglos, aber eine angenehme Unterbrechung. Einmal hatte sie von der Karibik geschwärmt, als sie auf dem Tisch seine Yacht-Illustrierte mit dem Titelfoto eines weißen Bootes auf glasklar türkisem Meer vor weißem Strand und Palmen hatte liegen sehen. Dort hatte sie wohl zu besseren Zeiten einmal einen Traumurlaub verbracht. Aber es wurde kein wirklicher Dialog aus ihren Gesprächen, wenn auch eine gewisse Übereinstimmung zu fühlen war. Sein Buddelschiff mit der „Krusenstern“ und das Modell der „Gorch Fock“ jedenfalls staubte sie sorgsam und liebevoll ab. Frau Hellriegel, die mit Vornamen Eleonore hieß, war schlank, eine aparte, gepflegte Erscheinung, keine glänzende, gelackte Schönheit wie in seinen Magazinen, doch auf erfrischende Art hübsch, mit wippenden kurzen braunen Locken. Mitunter registrierte er einen freundlichen Seitenblick und seit einiger Zeit lag Dienstags und Freitags auf seinem sorgsam aufgeklopften Kopfkissen eine Praline. Das gefiel ihm. Einmal hatte Frau Hellriegel 14 Tage Ferien an der Zuiderzee gemacht. Da hatte er ihre ordnende Hand vermisst.
 
Jetzt aber saß er im verdämmernden Tag auf den Dielenbrettern seiner kleinen Mietwohnung, den Rücken steif an die Wand gepreßt, die Augen geschlossen und horchte zugleich nach seinem dröhnenden Herzschlag und der Wohnungstür. Von Stirn und Oberlippe rannen Schweißtropfen salzig und scharf über sein Gesicht . Seine verschwitzten Hände öffneten und schlossen sich, der Atem ging flach, er versuchte, jedes Atemgeräusch zu vermeiden. Er hatte niemanden kommen hören, aber offenbar wartete schweigend jemand vor der Tür. Es wurde nicht noch einmal geklingelt. Schließlich entfernten sich schwere Schritte treppab, mit einem hörbaren Klacken erlosch das Minutenlicht im Treppenhaus. Es wurde wieder still. Andreas Schmölders schob sich zum Türspion hoch, lugte hindurch und sah in der verkratzten, grotesk das Treppenhaus verzerrenden Optik nichts. Das Mietshaus begab sich langsam zur Ruhe. Er rutschte wieder mit dem Rücken an der Wand hinunter, hörte auf das Ticken der Quarzuhr an der Wand, das vom Rauschen des Blutes in seinen Ohren zeitweise übertönt wurde. Von irgendwoher drangen Fetzen von Radiomusik an sein Ohr und sickerten in sein Hirn. Seine Finger wanderten über die abgenutzten Dielenbretter und erfühlten die Topographie der Maserung im Holz. Er spürte einen eingerissenen Fingernagel, der sich an jeder Unebenheit verhakte. Er begann, Geräusche zu registrieren, die ihm nie zuvor aufgefallen waren: eine Wasserspülung irgendwo im Haus, das Klappern eines Besens, ein vorbeifahrendes Moped, die ferne Sirene einer Ambulanz. Schmölders Nase unterschied die Gerüche von Bohnerwachs, Kaffee, altem Teppichboden und Linoleum, sie roch Kohl, dessen Kochdünste durchs Haus waberten und den eigenen Schweiß, der sich unter den Achseln bildete und perlend an seinem Körper hinunter kroch. Sein Gaumen trocknete aus. Er mußte aufstoßen.



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© 2004/2008 Frank Becker