Baiser

von Erwin Grosche

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Baiser
 
Baiser ist ein Schaumgebäck aus gezuckertem Eischnee. Es ist bedrohlich, daß etwas so Zartes auf einem Tortenboden Platz nimmt. Ist Gott ein Weichei? Können Engel mit einem Bohrer umgehen? Schon wenn man Baiser ausspricht, splittert der Belag und kleine Risse buhlen um unser Mitgefühl. Pech gehabt. In der Zerstörung der Vollkommenheit zeigt der Mensch seine wahre Mission. In der Zerstörung der Vollkommenheit zeigt der Mensch seine Überlegenheit. Wir sind der Teufel. Der Mißbrauch der Unschuld ist unser Freifahrtschein in die Hölle. Wer will denn im Paradies die Wellness-Oase buchen? Viele Menschen mögen kein Baiser, nehmen aber das Wort in den Mund. Baiser hier Baiser da, da gibt es tausend Anlässe. Eine Bedienung, die oft „Baiser“ sagt, ist interessanter, als wenn sie alle mit einem Croissant belasten würde. Einmal wurde dem französischen König Ludwig XV., der gerade der englischen Königin seine Aufwartung machte eine Meringue serviert. Ihr Ausspruch „Oh, das ist ja wie ein Kuß“ führte zur Bezeichnung Baiser für dieses Schaumgebäck. In Frankreich ist dafür der Begriff Baiser unbekannt. Im Schwäbischen wird das Baiser als Schäumle bezeichnet. Das schmeckt nicht jedem. Viele mutmaßen, hier sind die Stücke kleiner, und man will mit dem Diminutiv seine Friedfertigkeit hervorheben. Natürlich steht der Torte eine Sünde besser zu Gesichte. Fromm sein kann man beim Fasten. 
 
 
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