Der alte Mann und sein Hund (29)

von Erwin Grosche

© 1953 Shell Deutschland GmbH

Der alte Mann und sein Hund
 
Der alte Mann ging mit seinen Hund spazieren. Der Himmel spannte sich seit Tagen wie ein graues Tuch über die Stadt, und nur die tapferen Schneeglöckchen kündigten den Frühling an. Er wollte zur Shell-Tankstelle gehen, wo man schnell Zeitungen und andere Produkte des täglichen Bedarfs bekam. Wenn man einige Um- und Schleichwege ging, konnte man durch kleine Parks, eher Grünstreifen gehen, in denen der Hund buddeln und spielen konnte. So vermied man die große Straße am Südring und traf andere Hundebesitzer, mit denen man einen Plausch halten konnte. Er ging über das Gelände der Universität und kam an der Straße heraus, die man nur noch zu überqueren hatte, um bei der Tankstelle zu sein. Er mußte den Hund draußen lassen und band ihn an dem Luftladegerät fest, mit dem man den Druck der Autoreifen prüfen konnte. „Haben sie Sprühsahne?“, fragte er sofort die Frau, die hinter der Theke stand. „Was wollen sie?“, fragte sie erstaunt zurück. Sie trug einen gelbroten Blaumann und auf ihrem Namensschild stand „Hase“. „Ich suche Sprühsahne“, sagte er nochmal. „Ich habe zu Hause Kuchen, der ohne Sahne zu trocken schmeckt.“ Die Frau zog ihre Nase hoch. „Ich glaube nicht“, sagte sie. Der alte Mann schluckte. Er hatte geahnt, daß die Chance an einer Shell-Tankstelle Sprühsahne zu bekommen gering war, aber die Tankstelle verkaufte ja auch Grillzangen, Bockwürstchen, Tampons und Aufbackbrötchen, da wäre eine Sprühsahne nicht so weit von entfernt. „Vielleicht steht sie bei der H-Milch“, sagte Frau Hase. „Ich weiß es aber auch nicht.“ Sie mußte lachen, weil es doch diesen Spruch gab: „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts“, und es ist selten, daß man an ihn so unschuldig und dann noch von der Namensinhaberin zu hören bekommt. „Sprühsahne ist sowieso eine Entgleisung“, sagte der alte Mann plötzlich. „Man sprüht Sprühsahne immer auf den Kuchenteller und ehe man sich versieht,  verliert sie an Konsistenz und löst sich ohne Erklärung auf.“ Frau Hase nickte, als hätte sie auch schon diese Erfahrung machen müssen. „Ich bin jedes mal erstaunt, wie schnell sich die Sprühsahne gehen läßt“, sprach der alte Mann weiter. „Sie ist kaum aus dem Sprüher geschlüpft, da beginnt sie sich schon zu verändern, als wäre sie fehl am Platz. Hat ihr denn niemand gesagt, wozu sie da ist? Ehe man sich versieht, wird das, was Sahne sein soll nur noch eine weiße Soße, die sich neben dem Kuchen breitmacht, wie die Tränen eines Schneemanns.“ „Ich bin auch immer erstaunt wie schnell die Düse schimmelig wird. Sobald man sie wieder nutzen will, hat sich an ihr Schimmel gebildet und vergrault einem den Appetit“, trug Frau Hase zum Sprühsahnebashing bei. Der alte Mann lachte. „Wissen sie was Frau Hase“, sagte er. „Ich bin froh, daß sie keine Sprühsahne haben. Ich kann es nicht leiden, wenn die Dinge nur angedeutet werden. Gerade wenn es um die Begleitung eines Kuchens geht, sollten zwei ernstzunehmende Partner am Start sein.“ Draußen bellte der Hund. Ein Mann wollte das Luftdruckgerät nutzen, an dem er angebunden war. „Ich kümmere mich mal um meinen Hund“, sagte der alte Mann und verließ gut gelaunt die Tankstelle.   
 
 
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