Der letzte Rasenschnitt

von Erwin Grosche

Der letzte Rasenschnitt
 
Der letzte Rasenschnitt des Jahres leitet den Winter ein. So wie man Sonnenschirm, Grill und Gartenmöbel von Terrasse und Balkon entfernt, so verabschiedet man sich vom Erscheinungsbild des Rasens und zollt ihm Respekt. Im Herbst nimmt die Wachsgeschwindigkeit aufgrund des Lichtmangels, sowie der sinkenden Temperaturen ab und es stagniert die Wurzelausbreitung. In vielen Paderborner Stadtteilen wird dies als Festtag begangen und man kommt zusammen, um sich von den liebgewordenen Rasenmähgeräuschen zu verabschieden. Die Kinder hocken an den Fensterscheiben und drücken ihre Nasen platt, wenn Bürgermeisterin Sabine Kramm (Bündnis 90/Die Grünen) mit dem grünen Buch der Stadt erscheint, um darin die verdienstvollen Rasenmäher der Südstadt aufzunehmen. Wie anrührend ist es, wenn der Magellan Shanty Chor mit seinen traditionellen Rasenliedern aufwartet, die zwar nur von Schiffen handeln, die über das Meer rasen, aber trotzdem diese Wehmut beim Abschiednehmen ausstrahlen.
     Rasenmähen ist eine Kampfhandlung. Nicht zu verwechseln mit Teppichsaugen oder Schneeschippen. Der Rasen lebt und wehrt sich. Eine angemessene Schutzkleidung, nennen wir sie ruhig Rüstung, ist unerläßlich für den antretenden Rasenkrieger. Augengläser, Ohrenstöpsel, Schutzhandschuhe, festes Schuhwerk und Mutterwitz heißen die Kameraden im Kampf gegen den Emporkömmling. So wie Busgesellschaften an Raststätten gleichzeitig auf Toilette müssen. Ein Phänomen, das noch gar nicht richtig erforscht wurde. Wie Flugzeuggemeinschaften im Flugzeug immer zur gleichen Zeit das Gleiche essen wollen. So treffen sich Rasenmäher auf das geheime Codewort hin: „Er wächst, er wächst!“ Und geben Gas. Nur der Zusammenhalt ergibt einen Gesamteindruck. Auch ich mähe meinen Rasen. Ich mag diesen Augenblick, wo er mir kurz zu Füßen liegt und gleich wieder beginnt mir über den Kopf zu wachsen. Die schönste Zeit des Jahres beginnt doch, wenn wir hinter unseren Rasenmäher stehen dürfen, um ihm zu zeigen, wo es langgeht. Ich habe jetzt von einem Rasen gelesen, der nicht mehr wachsen würde. Da habe ich mich gefragt, was machen wir dann zur Mittagszeit? Schlafen? Natürlich ist auch ein wildwachsender Rasen mit all seinen Wildblumen liebenswert. Beide Erscheinungsformen haben ihren Reiz. Ich mag auch Hippies. Ein gemähter Rasen zeigt uns nicht nur an, daß ein Haus bewohnt ist, sondern auch, daß dort jemand lebt, der sein Leben im Griff hat. Außerdem wirkt Rasenmähen so verdammt männlich.
     Und wenn mal irgendein Außerirdischer unerwartet zu Besuch kommt, dann soll er wenigstens sagen: „Also wirklich, alles in Schuß auf der Erde. Das ist kaum zu toppen. Das sieht man von oben nicht so.“ Der letzte Schnitt des Rasens ist immer ein bewegender Abschluß der Außenaktivitäten. Manchmal liege ich dann noch einmal in meiner Hängematte, schaukele hin und schaukele her, und denke an die schönen Tage des Jahres zurück: „Unterschätz nicht den Träumer in seiner Hängematte, er wird es sein, der dem Tiger die Stirn bietet.“
 
© 2021 Erwin Grosche