Warum selbst Zauberer hin und wieder mal eine Frau brauchen k├Ânnen

Hermann Schulz zum 70. Geburtstag

von Michael Zeller

Michael Zeller - Foto © Frank Becker
Warum selbst Zauberer hin und wieder mal eine Frau brauchen können
 

Den weitesten Weg hatte Alexander nicht gehabt, der sich jetzt wieder Iskender nannte. Aber den mit Abstand mühsamsten. Unbedingt wollte er den Bus nehmen, von seinem Dorf Yeniköy aus, oben im Taurus. Über Konya ging’s nach Ankara, dann ans Meer. Allein die Reise durch die Türkei dauerte ein paar Tage. Und dann kam erst noch der Balkan. Über die Alpen mußte er auch. Aber Iskender war glücklich, so weit zu reisen, und stolz war er auch, daß sie ihm zuhause zugetraut hatten, den langen Weg allein zurückzulegen. Jedem, der ihn fragte auf seinen vielen Stationen, wohin er denn wolle, sagte er, mit einem verträumten Lächeln: In ein dunkles Tal im Norden wolle er. Ganz weit weg. Da wohne ein Zauberer. Aber kein böser.
„Ohne den wär ich gar nicht auf der Welt. Und der hat bald Geburtstag. Sieben mal zehn Jahre. So uralt. Da will ich unbedingt dabei sein. Verstehen Sie?“
Um Iskender muß sich niemand Sorgen machen. Der ist stark und strotzt vor Unternehmungslust. Dem kann nichts passieren.
Gertrud Ganse dagegen war noch von ihrer schweren Krankheit gezeichnet. Ihr Vater Friedrich Ganse, Missionar in Afrika, dankte zu Gott, daß sie überhaupt durchgekommen war. Auch wenn sie noch schwächelte: Bei dem Fest im dunklen Tal, weit weit im Norden, durfte sie auf keinen Fall fehlen.
„Dort wohnt mein zweiter Vater“, sagte sie zu Friedrich und lächelte matt. „Du weißt, wie ich das meine, Väterchen.“
„Ich will ihn doch genau so sehen wie Du, Gertrud“, sagte Friedrich. „Wer weiß, was aus mir geworden wäre ohne ihn. Ein Mohammedaner womöglich, hilf Gott! Ich bin nicht mal sicher, ob ich dann überhaupt lebte. Selbst deine arme Mutter ...“
„Laß uns jetzt nicht über Mutter reden. Bitte!“ Gertrud wendete sich ab. „Bei ihr hat selbst seine Zauberkraft versagt.“
„Du redest schon wie unsere alten Frauen im Kral, mein Kind, die immer noch ein bißchen an die Geister glauben, trotz ihrer Liebe zum Heiland“, hielt ihr Ganse vor.
In Daressalaam nahmen sie das Flugzeug, das sie nach Athen bringen sollte. Zu ihrer Überraschung trafen sie dort, in der Abfertigungshalle, Tante Friederike. Ausgerechnet die. Ihre Missionsstation in Kilimatinde lag nur gut zwei Stunden mit dem Geländewagen von der ihres Bruders entfernt. Aber von ihrem Reiseplan hat sie weder dem Bruder noch Gertrud etwas verraten. Vielleicht lag das ja an diesem Mann an ihrer Seite, in seinem karierten Tweed-Anzug. Wenn sie es nicht alle gewußt hätten, obwohl nur hinter dem Rücken darüber gesprochen wurde, sah man diesem Mann an, daß er Engländer war. Und ein ziemlich wohlhabender dazu. Hatte es nicht geheißen, überlegte Gertrud rasch, verwundert wie sie war, daß die Tante Afrika verlassen und nach England gehen wollte mit diesem ... diesem ...? Hatte sie vielleicht klammheimlich abhauen wollen?
Nein. Auch Friederike war, genau wie sie, auf dem Weg in das dunkle Tal im Norden, und auch sie sprach jetzt davon, daß sie dort ihren eigentlichen Vater treffen wollte. Nicht den alten Ganse in seinem Wendlanddorf.
„Den richtigen“, schüttelte sie den Kopf, auf Gertruds spitze Frage.
„Du meinst doch nicht den lieben Gott?“ Friedreich Ganse hatte den Zeigefinger erhoben und versuchte, dahinter diesen karierten Mann an der Seite seiner Schwester zu übersehen. Bei einem Baum von Mann war das gar nicht so leicht.
Zum Glück mußten sie im Flugzeug nicht zusammensitzen. Denn dieser Engländer hatte es sich nicht nehmen lassen, für sich und seine – ja, wie sagte man es am besten? – für seine Reisebegleitung erster Klasse zu buchen.
In Düsseldorf am Flughafen blieben die beiden Paare aus Afrika aber doch lieber zusammen. Ein schlaksiger junger Mann hat sie dort erwartet. Er hielt ein Schild hoch: ZUR GEBURTSTAGSFEIER IM DUNKLEN TAL. Der Schlaks stellte sich als Journalist Nick Geldermann vor, der in eben dem Tal bei einer Zeitung arbeitete und den Zauberer gut kennen wollte. Obwohl sie dem Jungen noch nie begegnet waren, behauptete er, mit ihren Schicksalen bestens vertraut zu sein. Da er freundlich und angenehm war, glaubten sie ihm. Und wie hätten sie auch ohne seine Hilfe in dieses Tal kommen sollen?
Ein Stück weit, nicht sehr lange, mußten sie mit der Eisenbahn fahren. Der Engländer bestand darauf, erster Klasse zu reisen und spendierte immerhin für alle den Zuschlag. Was machten sie dann für große Augen, als sie ihr Ziel erreicht hatten. Das Tal war wirklich ziemlich finster. Alles so eng und schmal, daß nicht mal eine Straße reinpaßte. Sie mußten das letzte Stück eine Straßenbahn benutzen, an der die Schienen falschrum lagen. Sie fuhr durch die Luft, eine Art Himmels-U-Bahn. Der Engländer war empört, weil es noch nicht mal erste Klasse gab.
Als die Reisegesellschaft endlich den Hatzfelder Berg erklommen hatte und in die Straße Auf dem Brahm einbog, kam ihnen ein kleiner dunkelhaariger Junge entgegen, der einen riesigen Kartonkoffer hinter sich herzog. Er rieb sich den Staub Anatoliens aus den Augen. Nick Geldermann eilte auf ihn zu.
„Prima, daß du es pünktlich geschafft hast, Iskender. Wie lange warst du jetzt unterwegs?“
„Es ging viel schneller als ich dachte, von Yeniköy im Taurus. Drei Wochen, glaub ich. Oder waren’s vier?“
Der junge Journalist hieb seinen Daumen in die Luft.
„Super. Echt, Mann. Mit dir mach ich sofort ein Interview, wenn der Zauber hier vorbei ist.“
Den Satz verstand aber keiner mehr. Denn ein schwerer Armeehubschrauber drehte über ihnen ab und ließ sich mit einem Höllenlärm auf dem Bürgersteig vor der Gartentüre nieder. Fünf fröhliche Burschen sprangen raus.
„Wohnt chier Pan Chermann Schulz?“ rief einer von ihnen. Ein völlig überdrehter Jaguar zerrte an seiner Leine, eine herrliche Bestie in seinem silbergrauen Fell. „Wir chaben von Minsk den direkten Weg genommen, karascho?“
Das ohrenbetäubende Rattern der Hubschrauberblätter donnerte über der friedlichen Wohnsiedlung. Die Anwohner rissen die Türen ihrer Häuser auf und steckten die Köpfe raus. Freundlich schauten sie nicht drein.
Mit einem bestürzten Gesicht starrte am Eingang der Nummer 19 ein Mann das bunte Völkchen an, das sich da in seinem Vorgarten versammelt hatte und offenbar etwas von ihm wollte. Das weiße Haar stand ihm wirr vom Kopf ab, er schien gerade geschlafen zu haben. Etwa fünfzig Jahre mochte er alt sein.
„Noch nicht mal an seinem Geburtstag hat man Ruhe vor diesem zweifelhaften Gelichter, das man irgendwann mal in einer schwachen Stunde in die Welt gesetzt hat“, entfuhr es ihm. „Was um des Himmels willen soll ich jetzt hier mit der Sippschaft anfangen?“
Da erschien im Türrahmen hinter ihm eine Frau.
„Wir haben noch ein paar Stücke Kuchen im Haus und eine halbe Kanne Kaffee. Kommt rein. War schließlich ein langer Weg für euch alle, oder?“
Und so soll es dann doch noch ein recht netter Geburtstag geworden sein, sagen die Nachbarn.

In diesem Sinn, lieber Chermann:
Herzlichen Glückwunsch zum Siebzigsten!
Dein Michael Zeller


© Michael Zeller - Erstveröffentlichung 2008 in den Musenblättern