Nostalgie und Menetekel

Schnee von gestern - Fundstücke zur Skikultur. Ein Postkartenbuch

von Frank Becker

Nostalgie und Menetekel
 
oder
 
Als die Berge ihre Unschuld verloren
 
Vor ein paar Jahren sind das Alpine Museum der Schweiz und der Verlag Scheidegger & Spiess auf die originelle Idee gekommen, alte Postkarten themengebunden zu kommentieren und zu einem Buch zusammenzustellen. Wir haben Ihnen hier schon den Band „Bikini in den Bergen“ vorgestellt. Heute geht es in den Schnee, nämlich in den von gestern und darum, mit einem Konvolut Postkarten eine längst vergangene skitouristische Epoche wiederzuerwecken. Wer aus der heutigen Sicht und mit Blick auf die moderne Sportartikel-Industrie die 40 Karten anschaut, die für den handlichen Band ausgewählt wurden, wird sich zumindest eines Lächelns nicht enthalten können. Denn was man dort an leichtsinnigen Leichtbau-Liftanlagen, kuriosen Keilhosen, beängstigen Brettern und sonderbaren Skibrillen zu sehen bekommt, ist wirklich Schnee von gestern, ein Rücksturz in die Steinzeit des Skitourismus, damals in den 1050er bis 70er Jahren aber unbedingt up to date. Mit Augenzwinkern zeigen die Herausgeber unter Federführung von Beat Hächler die rasante Entwicklung des Skisports seit den 1950er-Jahren.
 
Beat Hächler möchte mit der Sammlung seines Museums die Erinnerung an die goldene Zeit des wachsenden Skitourismus in der Schweiz lebendig gestalten, weshalb in seiner Einführung ein „Fundbüro für Erinnerungen“ propagiert, das neben „toten“ Gegenständen wie Mode, Skischuhen, Ski, Wachs und Fotografien künftig auch die Erinnerungen von Touristen in den Bestand aufnehmen will. Das Postkartenbuch ist eine Einladung, der sicher einige Betrachter gerne nachkommen werden. Daß er in einem Halbsatz an den unvergessenen Vico Torriani erinnert - „Zwei Spuren im Schnee“ und „Alles fährt Ski“ - läßt lächeln.


Skifahrerinnen mit Skilehrer in Crans Montana ca. 1950, Kunstanstalt Brügger, Meiringen - © Alpines Museum der Schweiz, Bern


Pause am Pistenrand, ca. 1965, Kunstanstalt Brügger, Meiringen - © Alpines Museum der Schweiz, Bern

Drei knappe, nichtsdestoweniger interessante Wortbeiträge geben einen Abriß der Museums- und Ski-Geschichte. Sepp Odermatt (Interimsdirektor von Seilbahnen Schweiz), ein begeisterter Sportfan, wirft in „Bretter, die die Welt bedeuten“ einen Blick auf die Popularität des Skizirkus, und Stefan Hächler (Museums-Mitarbeiter) erläutert in „Skifahren im Museum“ den Bestand der Sammlung des Alpinen Museums der Schweiz.
Den dritten und meines Erachtens wichtigsten Beitrag liefert Christian Rohr (Professor für Umwelt- und Klimageschichte an der Universität Bern) mit seiner kritischen Betrachtung „Aufstiegshilfen für die Massen: Der Siegeszug des Skifahrens als Breitensport“. Er weist deutlich auf die Zerstörung der Natur durch den kommerzialisierten Ski-Sport hin. Als Stichworte seien nur Schneekanonen, die den Wasserhaushalt massiv stören, Pistenraupen, die den Bode nachhaltig stören, künstlich verlängerte Saisons und überdimensionierte Liftanlagen, deren Baumaßnahmen massiv in die Natur eingreifen, genannt. Die Berge und mit ihnen der Sport verloren aus kommerziellen Gründen mit dem Massentourismus ihre Unschuld.
 


Fotoshooting im Bikini auf der Piste in Crans Montana, ca. 1965, Kunstanstalt Brügger, Meiringen
© Alpines Museum der Schweiz, Bern


Sessellift auf Grindelwald-First, ca. 1965, Kunstanstalt Brügger, Meiringen
© Alpines Museum der Schweiz, Bern


So bekommt diese Postkarten-Betrachtung, das lächelnde Auge der Nostalgie, vor allem aber das weinende Auge der Erkenntnis, daß der Skitourismus oder besser der Skizirkus sich zu einer Umweltbelastung kaum noch zu reparierenden Ausmaßes entwickelt hat. Da unterliegt der Spaß-Faktor eindeutig dem Warnruf. Aber wer die Entwicklung dieser Tourismus-Industrie beobachtet, die aller Vernunft zum Trotz auf größer und breiter, mehr und lauter setzt, wird kaum erwartren, daß dieser Warnruf gehört wird.
Noch zum Buch: Man könnte die Karten heraustrennen und versenden - aber kein Fühlender wird das tun.
 

Après-Ski auf der Rigi, ca. 1980, Kunstanstalt Brügger, Meiringen
© Alpines Museum der Schweiz, Bern

Schnee von gestern - Fundstücke zur Skikultur. Ein Postkartenbuch
Herausgegeben nach einer Idee von Helen Moser vom Alpinen Museum der Schweiz. Mit Beiträgen von Beat Hächler, Sepp Odermatt, Christian Rohr und Stefan Hächler
© 2020 Alpines Museum der Schweiz und Scheidegger & Spiess, 1. Auflage, 40 farbige und s/w-Postkarten zum Heraustrennen und Textheft mit 28 Seiten zusammen in Festeinband, 12 x 16.5 cm - ISBN 978-3-85881-668-9
24,- € / 24,- sFr

Weitere Informationen: www.scheidegger-spiess.ch