Enttäusching auf ganzer Linie

Die Merowinger oder Die totale Familie am Volkstheater Wien

von Renate Wagner

v.l.: Thomas Frank, Peter Fasching © www.lupispuma.com Volkstheater
WIEN - Volkstheater:
 
Die Merowinger oder Die totale Familie
nach dem Roman von Heimito von Doderer
in der Bearbeitung von Franzobel

Uraufführung
Premiere: 11. September 2019
 
Man kann gut und gern annehmen, daß der Roman „Die Merowinger“ 1962 von Lektoren kommentarlos zurückgeschickt worden wäre, hätte sein Autor nicht Heimito von Doderer (1896-1966) geheißen und sich damals (nach der „Strudlhofstiege“, 1951, und den „Dämonen“, 1956) bereits höchsten Ruhmes erfreut, ja, immer wieder auch Nobelpreis-verdächtig (den er dann doch nicht bekommen hat).
„Die Merowinger“, das skurrile Spätwerk, an dem sich Interpreten die Zähne ausbeißen, wird seither von der Literaturwissenschaft umkreist, teils zu hoch geschätzt, teils zu tief interpretiert. Wenn der Autor zugab, das Buch als „Büberei zu seinem Amüsement“ geschrieben zu haben und es „Blödsinn“ nannte, so ist das sicher ein Teil der Wahrheit. Der andere besagt, daß man sich kaum eine bösere politische Satire denken kann, die hier konsequent in eine absurde Handlung gegossen wurde.
 
Man erinnert sich: Schon im Vorjahr hat Anna Badora alles getan, um der Eröffnungspremiere ihres Volkstheaters mit einer Dreifachbesetzung des Shylock (darunter mit einer Frau) genügend Publizität zu schaffen. Auch diesmal, in ihrer letzten Saison, tat sie es wieder, stellte „Wutbürger“-Figuren im MuseumsQuartier auf, an denen sich Vorbeigehende nach Wunsch abreagieren sollten. Auch vor der Premiere stand so eine schwarze Wutbürger-Figur vor dem Theater – sie wurde allerdings kaum beachtet. Das Reizwort griff dann doch nicht, dabei war der Wiener Wut-Therapeut Professor Horn möglicherweise ein Ausgangspunkt, um aus Doderers Roman durch den Zeitgenossen Franzobel ein „aktuelles“ Stück machen zu lassen.
Das ist aber nicht die einzige Ebene des Buches, und das Problem für die Bühne besteht schon in den zahlreichen Handlungssträngen, die nur bedingt zusammenpassen und eine vage Geschichte ergeben. Doderer, der nach dem Ersten Weltkrieg Geschichte und Psychologie studierte, war ein Mittelalter-Fex, woraus sich die Merowinger erklären – jenes fränkische Geschlecht aus dem fünften bis achten Jahrhundert, in dem so viele Herren Childerich hießen (und die später, was in dem Stück auch vorkommt, ihre Macht an die Karolinger – die weit berühmter wurden – abgeben mußten). An der zentralen Figur des Childerich III. zeigt Doderer nicht nur einen Wüterich, sondern auch das, was man heutzutage als „Netzwerker“ bezeichnen könnte – einen, der so oft und durcheinander heiratet, daß er in seiner Familie zahllose Funktionen besitzt, selbst die totale Familie, sprich: die totale Macht ist. Bloß ist dieser Childerich nicht historisch, sondern hier ein Zeitgenosse der Gegenwartshandlung.
Daneben ist man sehr gemütlich in Wien, rund um ein paar Intellektuelle, Wissenschaftler und Beamte, einer ekelhafter als der andere, die alle nur ein Ziel haben: ihren Mitmenschen das Leben zu vermiesen und so schlimm wie möglich zu machen (wie jene SPÖ-Verkehrszuständigen, die offen und geradezu hämisch-freudig zugegeben haben, alles zu tun, um den Autofahrern das Leben zu verbittern). Wenn die Bürger dann wütend werden, kann man sie ja therapieren.
 
Da ist also ein Schriftsteller, den Doderer (der zeitweise im Bezirk Döbling lebte) „Döblinger“ nennt und den Namen samt autobiographischer Bezüge wohl auf sich bezieht (und hat Döblinger vielleicht den ganzen absurden Unsinn geschrieben, der da zusammengemixt ist?). Da ist die böse Karikatur eines Wiener Psychiaters, Dr. Horn, der seine Patienten u.a. mit einer „Nasenzange“ behandelt. Da ist Horns Assistentin Schwester Helga, die die Erzeugnisse einer Firma namens Hulesch & Quenzel anbietet, die unerschöpflich Ärgernisse, Bosheiten, Gemeinheiten gegen das Menschengeschlecht erdenkt, produziert und liefert. Doderer hat da schon ein abstoßendes Konglomerat von Häme und Destruktion entwickelt, das auf die bösartige Psychologie des Österreichischen, des Wiener Menschen abzielt (und doch vor allem in seinem Kopf wohnte)… Alles in allem: ein schönes Chaos.
 
Was man von Franzobel kennt, ist von gerade diesem Doderer nicht weit entfernt. Die Idee, ihn den Roman dramatisieren zu lassen, ist stimmig. Daß das Problem fast unlösbar war, liegt auf der Hand. Wer das Buch nicht kennt, hat wenig Chancen, auch nur einigermaßen durch die Wirrnis der hier geschaffenen Szenen durchzusteigen, die viel von Doderers Sprache transportierten (was den Darstellern teilweise hörbar schwer fiel, abgesehen davon, daß viele von ihnen nach wie vor miserable Sprecher sind).
Aber es ist natürlich auch viel Franzobel dabei, und sogar Agitprop wird versucht, wobei die Aufforderung an das Publikum, die kommunistische „Hymne“ („Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“) mitsingen zu lassen, geradezu kläglich mißlang. Andere Versuche, den Zuschauerraum zum Mitskandieren und Mitklatschen zu bringen, gingen auch nicht eben gut. Vermutlich waren die meisten Leute so damit beschäftigt, sich auszudenken, was sie da wohl auf der Bühne sehen, daß sie zu solchen Aktivitäten nicht mehr imstande waren.
 
Anna Badora führte selbst Regie. Sie hat uns in ihrer Intendanz mit eigenen Produktionen nicht allzu sehr belästigt, eine pro Saison, und das ist gut so, denn ein besonderes Talent ist sie wahrlich nicht. Daß sie das inhaltliche Chaos mehr oder minder vom Blatt spielen ließ, war wohl ein Zugeständnis an das hoch geforderte Publikum („Was soll das alles?“ war eine Frage, die man in der Pause oft hörte). Paul Lerchbaumer und Michael Mayerhofer haben ihr eine Doppeltreppe vor Spiegel-Paneelen auf die Drehbühne gebaut, dazu ein paar Versatzstücke, und das dreht sich immerfort nach sicher ziemlich komplizierten Computerplänen, bringt aber wenig. Dafür läßt die Regisseurin gerne eine deftige Blasmusikkapelle aufmarschieren und bereichert den bunten Abend mit allerlei ländlich-sittlich-albernen Musikszenen. Die Blaskapelle Thomas Schrammel „schmeißt“ zwar manchmal, aber möglicherweise ist das beabsichtigt. Will man das Publikum mit der österreichischen Vorliebe für Trompeten und Tuben und Trommeln ein bißchen trösten?
 
Die Darsteller (entweder mit dem Text auf Kriegsfuß oder die Aufführung war zur Premiere noch nicht fertig) hatten es schwer. Sie spielen nicht nur alle – mit Ausnahme des Childerich – viele Figuren, sie spielen auch keine echten, sondern Karikaturen, aber diese wiederum nicht wirklich witzig. Peter Fasching ist Childerich, dürr und drahtig, von einer undurchsichtigen Reihe von Frauen (ehrlich: Schreckschrauben trifft es eher) umgeben zwecks Ehebündnissen, von Verwandten beschimpft, einen Diener auch als Hund benützend, schließlich von dem Karolinger Pippin abgesägt. Am Ende steht er – kastriert – splitternackt mit blutigem Unterkörper auf der Bühne. Nun ja, man weiß ja, daß Doderer auch ein Sadist war, also… Das Ende des dann fast zweidreiviertelstündigen Abends bricht übrigens als Antiklimax total ein, da hätte der Bearbeiter durchaus etwas Effektvolleres basteln dürfen…
Sebastian Pass ist schmierig-eklig als Dichter Döblinger, der sich in Watschen-Phantasien ergeht, Thomas Frank schwankt als Doktor Horn erschütternd unpräzise, ohne Kontur herum, Günter Franzmeier beeindruckt mit Schmachtlocke am ehesten als Pippin, der Intrigant, Bernhard Dechant hechelt als Diener Wänzrödl oft in Hundeposition, und Julia Kreusch ist als Schwester Helga beängstigend (und schneidet mit ihrer norddeutschen Sprachfärbung ins österreichische Ohr). Weitere Damen und viele Statisten sind nicht kenntlich.
Am Ende gab es Premierenapplaus, aber von Enthusiasmus war keine Rede. Wer sich hier böses, bißiges, witziges Theater erwartet hat, auf „Grimm und Groll und Grant“ Doderers (Zitat aus dem Programmheft) basierend, wird enttäuscht. Übrigens noch ein Zitat aus dem Programmheft, aber das ist falsch: Eva Menasse befindet, daß Doderer „heute so gut wie vergessen ist“. Davon kann wohl kaum die Rede sein – schon gar nicht, wenn zwei der drei großen Wiener Theater ihre Saison mit ihm beginnen. Was weder hier noch dort gelungen ist.
 
Renate Wagner