Stück und Aufführung hätten ruhig besser sein dürfen.

Wien / Akademietheater des Burgtheaters: „Vögel“ von Wajdi Mouawad

von Renate Wagner

Foto © Horn / Burgtheater

Wien / Akademietheater des Burgtheaters:

„Vögel“ von Wajdi Mouawad

Österreichische Erstaufführung
Premiere: 13. September 2019
 
Seien wir ehrlich: Das „deutsche Nationaltheater“, das Kaiser Joseph II. einst programmatisch einrichtete (um den vielen italienischen und französischen kulturellen Angeboten in Wien ein Gegengewicht zu bieten), gibt es längst nicht mehr und muß nicht als ewiges Schreckgespenst an die Wand gemalt werden. Schon als Gerhard Klingenberg Regisseure aus England, Frankreich, Italien, Rußland holte, wurde das stilistische Bild des Burgtheaters bunt, und wenn auch unter Claus Peymanns regieführenden Freunden wenige Ausländer waren (Tabori als Ungar? Ja, immerhin), bei Karin Bergmann kamen sie dann wieder, die Letten und Holländer und Serben und Tschechen und andere mehr, und das verachtete „Hochdeutsch“, das „bis in die letzte Reihe“ zu verstehen ist, hat man im Burgtheater schon lange nicht mehr vernommen.
Wenn Martin Kusej nun Vielgestaltigkeit anordnet, geht er einen geebneten Weg weiter, nur die Vielsprachigkeit mag für die Zuschauer ein Problem werden, das sich schon beim ersten Versuch offenbarte. Vier Sprachen sind angekündigt bei der ersten Premiere der Ära Kusej im Akademietheater – Deutsch und Englisch kann man voraussetzen, Hebräisch und Arabisch noch nicht so ganz (mit Jiddisch hätte man sich vielleicht leichter getan). Gezeigt wird ein Stück mit rein israelischer Problematik, geschrieben von einem libanesisch-kanadischen Autor, inszeniert von einem Israeli.
 
„Vögel“ stammt aus der Feder von Wajdi Mouawad, den man von seinem Stück „Verbrennungen“ her kennt (2007 im Akademietheater), das um einiges mehr überzeugte als das jetzige. Eine Romeo & Julia-Geschichte scheint sich anzubahnen, wenn ein junger deutscher Jude in einer Bibliothek in New York eine amerikanische Araberin anspricht (leider mit einer so gut wie unverständlichen Suada auf Englisch) – Liebe auf den ersten Blick, Gemeinsamkeit. Immerhin hat sie keine Eltern, das dürfte die Sache zumindest auf einer Seite erleichtern.
Seine Eltern allerdings, in Deutschland lebende Juden, nehmen die Idee einer arabischen Schwiegertochter nicht so leicht, vor allem der Vater. In dessen Argumentation tiefster Verletztheit steigt man tief in die jüdische Mentalität hinein, die bei gewissen Menschen in Feindbildern der Gegenwart ebenso verwurzelt ist wie in dem Wissen um die eigene Vergangenheit, sprich: die in alle Ewigkeit im Bewußtsein zu haltenden Verbrechen des Holocaust.
 

Foto © Horn / Burgtheater

Da allerdings nimmt das Stück, das ohnedies gern zwischen Orten und Zeiten herumspringt (szenisch nicht wirklich geschickt), eine totale Wendung. Die Araberin Wahida, die den jungen Juden Eitan liebt und mit ihm nach Jerusalem reist, wo seine entfremdete Großmutter lebt, tritt nach und nach in den Hintergrund, wird beinahe vergessen. Nun geht es auf einmal nur noch um Eitans Vater David.
Die Handlung eiert umständlich und unökonomisch um ein Geheimnis seiner Herkunft, das sich jeder Krimileser in einem Augenblick ausdenken kann. Ja, und nachdem er in einer Suada die Palästinenser beschimpft, erniedrigt, als das Letzte erklärt hat und ihnen die Vernichtung wünscht… da erzählt ihm sein Vater (nicht unbedingt sensibel), daß er selbst ein Palästinenserbaby war, das er und seine Frau aus dem Chaos von Kriegshandlungen gerettet und als eigenes Kind ausgegeben haben. Daß der gute Mann, der’s zuerst nicht glauben will, dann doch (in einer gerade klassischen Wahnsinnsszene) verrückt wird – ja, das kann gut und gern sein.
Es ist nicht das einzige klischierte Pathos, das sich der Abend leistet, so gut wie alle Darsteller bekommen ihre sentimentalen Flashbacks, es wird viel hochgestochener Unsinn geredet, viel billige Weisheit verströmt. Und man scheut auch vor penetrant peinlichen Szene nicht zurück – um zu zeigen, wie die Araberin Wahida von den Israelis gedemütigt wird, muß sie sich splitterfasernackt ausziehen, eine Soldatin beginnt, in ihren Körperöffnungen herumzustochern, und es ist nicht ganz klar, ob es sich dabei nicht auch um eine lesbische Attacke handelt; oder wenn Eitans Psychiater-Mutter lang und breit mit einem ihrer Patienten telefoniert, der dafür berühmt ist, als Maler sein eigenes Sperma auf die Leinwand zu schmieren, was in aller Geschmacklosigkeit ausgewalzt wird (und sich mit einer Hand die Strumpfhose ausziehen, während man in der anderen das Handy hält – wie billig ist solches Gehopse?).
 
Und zwischendurch explodieren Bomben, Eitan ist ein Opfer (und verbringt viel Zeit im Krankenbett, bevor er wieder gesundet), Radionachrichten verkünden israelische Propaganda. Aber am Ende wacht der verrückte Papa aus seinem Koma noch kurzfristig auf, als man ihm arabische (!) Worte ins Ohr flüstert und eine (nicht recht sinnfällige) Parabel von einem Vogel erzählt, der auch ein Fisch sein wollte. Man begreift schon… auch wenn Wahida auf einmal in Israel ihre arabische Identität entdeckt und von Eitan, der ja doch der „Feind“ ist, plötzlich nichts mehr wissen will. Identität, ja. Und, zu Recht gefragt: Wie fragwürdig ist das eigentlich? Oder doch nicht?
Rund 80 Prozent des Abends wird Englisch gesprochen, rund 10 Prozent Deutsch, den Rest holt sich Hebräisch und das bißchen Arabisch am Schluß. Das könnte man für ein Publikum, das in der Schule zwingend Englisch gelernt hat und sich vermutlich auch Filme in der Originalsprache ansieht, für vertretbar halten. Nur – alle Beteiligten sprechen Englisch als Fremdsprache, also entsprechend schlecht und teilweise unzumutbar undeutlich. Das macht den Abend zu einer unendlichen Mühsal, abgesehen davon, daß man bei Hebräisch und Arabisch ohnedies an den Übertiteln hängt und, wie beim Mitlesen üblich, dann eigentlich viel zu wenig dem Geschehen zusehen kann. Vieles bleibt auch unklar, und wenn einmal in einer Familienszene am Esstisch rundum Deutsch gesprochen wird, merkt man erst, um wie viel mehr man von dem Abend hätte, verstünde man ihn doch. Es wird sich zeigen, ob Kusej stärker ist als das Publikum, ob es ihm gelingen wird, die Fremdsprachen (im Grunde ohne wirkliche Not!) durchzusetzen, oder ob die Besucher entscheiden werden, sich dergleichen nicht aufzwingen zu lassen…


Foto © Horn / Burgtheater

Dazu kommt, daß die Aufführung des israelischen Regisseurs Itay Tiran (in einer stimmungslosen Bühnenlösung von Florian Etti) nun keinerlei besonderen Theaterreiz verbreitet. Besonders die beiden jungen Leute, die wunderschöne Deleila Piasko und der mit vielen Seelenkrämpfen belastete Jan Bülow, scheinen unsicher wie Schauspielschüler, kaum auf der Höhe ihrer Aufgaben. Das sind die anderen schon – Markus Scheumann, dem das Schicksal des Vaters David auferlegt wird, als leidenschaftlicher Jude plötzlich zu begreifen, daß er einem Volk angehört, das er als Untermenschen klassifiziert; Sabine Haupt als seine deutsche Gattin mit DDR-Vergangenheit und den verzweifelten Versuchen, die auseinanderdriftende Familie zusammen zu halten; Salwa Nakkara als eine zelebriert unsympathische Großmutter, die man nicht in der Familie haben möchte; Eli Gorenstein als Großvater, der gegen Ende auch noch einen großen Ausbruch bekommt, ohne daß man genau weiß, was dieser besagen soll; schließlich Nadine Quittner, offenbar vom Badora-Volkstheater ausgeborgt, in der nicht wirklich motivierten Rolle der Soldatin. Die arabische Parabel am Ende erzählt im Märchenton Yousef Sweid.
Wenn Eitan am Ende, am Grab des Vaters (auch die schönste Geschichte über Versöhnung der Gegensätze konnte David nicht retten), unendlich beklagt, daß die beiden Völker sich nicht versöhnen, ist das (nach vollen dreieinhalb Stunden Spieldauer!) natürlich die richtige Aussage, um den großen Schlußapplaus zu bewirken. Wer wird angesichts dieser fraglos edlen und guten Absicht zu erwähnen wagen, daß Stück und Aufführung ruhig hätten besser sein dürfen.
 
Renate Wagner
 
Weitere Informationen: www.burgtheater.at