Nordic Design. Die Antwort aufs Bauhaus

Eine Ausstellung im Bröhan-Museum, Berlin

von Tobias Hoffmann

Arne Jacobsen, Egg Chair, model 3317, 1958
DANSK MØBELKUNST GALLERY © Arne Jacobsen/Fritz Hansen
Nordic Design.
Die Antwort aufs Bauhaus
 
Eine Ausstellung im Bröhan-Museum, Berlin
 
24. Oktober 2019 bis 1. März 2020
 
 Nach der großen Ausstellung von »Arts and Crafts« zum Bauhaus zu Beginn des Jahres greift das Bröhan-Museum mit einer zweiten Ausstel­lung die Bauhausthematik erneut auf. Stand bei der ersten Ausstellung der Weg von der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung hin zum Bauhaus im Fokus, so beschäftigt sich die jetzige Ausstellung mit der Reaktion der nordi­schen Länder auf das Bauhaus und die deutsche Moderne.
 
Wie in allen europäischen Ländern beschäf­tigte man sich auch in Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland mit den Auswirkungen der beginnenden Industrialisierung. Sollten sich die Gestalter für eine Zusammenarbeit mit der Industrie entscheiden oder eher die Kooperation mit dem Handwerk suchen? Und wie sollte man mit der sozialen Frage umgehen? Kann Ge­staltung einen Beitrag zur Lösung der sozialen Probleme liefern und welche Konzepte müßten dafür entwickelt werden? Bei der Beantwortung dieser Fragen richtete sich der Blick zuerst nach Deutschland, das schon seit 1900 durch die hier früher einsetzende Industrialisierung eine Reihe von Antworten gefunden hatte.
 

Alvar Aalto, Chair No 41, 1932. Jackson Design AB, Stockholm

Das Bauhaus ist dabei nur eines der Projekte der deutschen Moderne, die in den nordischen Ländern diskutiert wurden. Wie die Rezeption der 20er- und 30er-Jahre zeigt, ist das Bauhaus damals weit von seinem Nimbus als »Leucht­turm der Moderne« entfernt, wie es heute gern dargestellt wird. Vielmehr scheint es, zumindest in der Wahrnehmung der nordischen Länder, von anderen Projekten, der Werkbundausstel­lung 1927 in Stuttgart und dem Neuen Frankfurt mit dem CIAM-Kongress (Congrès International d’Architecture Moderne) 1929, überstrahlt zu werden. Diese wurden von vielen Architekten und Gestaltern aus den nordischen Ländern be­sucht und in den Fachzeitschriften intensiv be­sprochen. Ende der 20er-Jahre feierten neue Gestaltungsweisen in allen nordischen Ländern erste Erfolge. In Finnland bekam Alvar Aalto 1929 mit dem Lungensanatorium in Paimio seinen ersten bedeutenden Großauftrag. Seine Inter­pretation funktionalistischer Gestaltung wurde zur Grundlage eines eigenständigen finnischen Wegs der Moderne. Die einzigartigen Lebensbe­dingungen in Finnland, die Intensität von Licht und Farbe in der Zeitspanne zwischen Mittsom­mer- und Polarnächten, aber auch die Schroffheit der Natur etwa in Lappland flossen in die Gestal­tung ein und führten zu einzigartigen ästheti­schen Ergebnissen.
 

Tapio Wirkkala, Bolle, 1966–68. Lutz H. Holz, Berlin. Foto: Martin Adam, Berlin

Nach dem Zweiten Weltkrieg drängte eine junge Generation von finnischen Gestaltern auf den internationalen Markt. Tapio Wirkkala lieferte Entwürfe sowohl für die Glasmanufakturen in Murano wie für die deutsche Firma Rosenthal, und Aalto baute in Deutsch­land unter anderem im Hansaviertel in Berlin.
In Schweden bildete 1930 eine große Ausstellung in Stockholm den Auftakt für die schwedische Interpretation des Funktionalismus. Sie orientierte sich konzeptuell an der Werkbund­ausstellung in Stuttgart 1927 und am CIAM Kon­gress in Frankfurt 1929. Der Weg der schwedi­schen Gestaltung wurde im Anschluß an die Ausstellung unter Funktionalisten und Traditio­nalisten heftig diskutiert. Bei aller Bewunderung wurde eine direkte Übernahme der deutschen Konzepte abgelehnt, wobei der aus Österreich emigrierte Architekt Josef Frank eine wichtige Rolle spielte. Auch in Schweden verschmolzen die deutschen Konzepte mit lokalen Traditio­nen, wie die schon um die Jahrhundertwende formulierten Wohn- und Lebenstheorien von Ellen Key. »Schönheit für alle« wurde zum Credo des schwedischen Designs, das im Gleichklang mit dem schwedischen Wohlfahrtsstaat gute Gestaltung für alle Bevölkerungsschichten erreichen wollte. Geschickt beanspruchte IKEA ab den 1960er-Jahren dieses Erbe für seine Unter­nehmensstrategie und machte die schwedischen Konzepte dadurch gleichzeitig zum Exportschla­ger in der ganzen Welt.
 
 
Kaare Klint, Faaborg Stuhl, 1914, Möbelmanufaktur Rud. Rasmussen, Kopenhagen
Dansk Møbelkunst Gallery, Kopenhagen © Heirs Kare Klint

Der unmittelbare Nachbar Dänemark hingegen lehnte den deutschen Weg der Moderne kategorisch ab. Statt auf industrielle Fertigung setzten die dänischen Gestalter auf das Handwerk. Der vom Bauhausmeister Marcel Breuer mitgeprägte Wohnstil mit verchromten Stahl­rohrmöbeln wurde als zu kalt und zu technoid angesehen, die Formensprache als formalistisch und unpraktisch verdammt. Kaare Klint, der Va­ter des dänischen Designs, stellte im Gegensatz dazu den Menschen und seine Anatomie in den Mittelpunkt der Gestaltung. Ein Möbel sollte den Proportionen des Körpers angepaßt sein. Bequemlichkeit des Möbels wurde als Grundla­ge der Gestaltung propagiert. Der warme Holz­ton, die weichen an die Natur angepaßten For­men, der Lederbezug und die warmen Farben der Stoffe förderten das Wohlbehagen und brachten Design und Hygge einander näher. In den 1950er- und 1960er-Jahren feierte das dänische Design einen weltweiten Siegeszug und wurde zum Inbegriff der skandinavischen Gestaltung.


Kay Bojesen, Spielzeug, 1930–54. Designmuseum Danmark, Kopenhagen 

Die Reaktionen der nordischen Ländern auf die Entwicklungen in Deutschland waren nicht nur eine Antwort auf das Bauhaus, sondern viel­mehr eine Antwort auf die beiden Strömungen der deutschen Moderne: Man setzte sich so­wohl mit der avantgardistisch-künstlerischen als auch mit der funktionalistischen, sozial engagierten Moderne in Deutschland auseinan­der. Beide Aspekte wurden zu Impulsgebern für die Gestaltung in den nordischen Ländern und dienten gleichermaßen als positive wie negative Vorbilder.
In den nordischen Ländern entwickelte sich eine sehr eigenständige Interpretation von Funktionalismus. Im Vordergrund stand als die maß­geschneiderte Lösung für eine Aufgabe nicht die avantgardistische Form, wie vielfach in Deutsch­land. Zunächst wurde die Problemstellung analy­siert und erst dann die gestalterische Lösung er­arbeitet. Die Möbelentwürfe des norwegischen Designers Peter Opsvik sind dafür das treffends­te Beispiel. Sein mitwachsender Kinderstuhl Tripp Trapp hat die Welt erobert und dürfte einer der am häufigsten produzierten Designentwürfe weltweit sein. Der skandinavische Funktionalis­mus war bald keine Avantgarde mehr, sondern wurde zur identitätsstiftenden Konstante der nordischen Nationen, mit jeweils nationalen Be­sonderheiten.
 
Tobias Hoffmann
Dr. Tobias Hoffmann ist Leiter des Bröhan-Museums
 

Björn Weckström, Ausführung Lapponia, Ring Petrified Lake, 1971, Jahr der Ausführung unbekannt, Silber und Acryl,
Privatbesitz, Berlin © Björn Weckström / Lapponia Jewelry Helsinki

Weitere Informationen: www.broehan-museum.de

Redaktion: Frank Becker