Seit 150 Jahren gibt es in Deutschland Postkarten.

Geschichte und Geschichten um ein rechteckiges StŁckchen Karton

von Frank Becker

Postkarte 1899: in einem Tag von Elberfeld nach Berlin!

Schöne Post im Kasten!
 
Seit 150 Jahren gibt es in Deutschland Postkarten.
Das immer größer werdende Angebot an originellen und lustigen
Exemplaren dieses praktischen Vehikelszur kurzen Nachrichten-
oder Grußübermittlung regt zu einer Betrachtung an.
 
 
Schreib mal wieder!
 
Mit diesem Slogan hat einst die Deutsche Bundespost, als sie noch wirkliche Postämter unterhielt und nicht zum gewinnausgerichteten Kommerzbetrieb Post AG umgestaltet worden ist, jahrelang versucht, Sie und mich dazu zu bewegen, ein paar Zeilen zu Papier zu bringen und ordentlich adressiert und frankiert - natürlich mit dem Monopo­listen Post - zur Freude des Empfängers und der Staatskasse zu verschicken. Lange Zeit ging das auch gut, denn der Brief war die einzige und zuverlässige Möglichkeit, über Distanzen miteinander in geistiger und seelischer Verbindung zu bleiben. Aber die Briefkultur, die nach Matthias Claudius, Schiller und Goethe bei Gottfried Keller, Theodor Storm und Eduard Mörike, später bei Hermann Hesse und Thomas Mann zu neuer Hochblüte gelangt war, kam von Jahr zu Jahr mehr zum Erliegen.

Erste Verluste fügte früh der Fernsprechapparat der Briefpost zu, das „Fräulein vom Amt“ ver­knüpfte schneller, als es der Briefträger schaffte. Schließlich konnte man gar selber wählen („Wähle 333 auf dem Telefon, wähle 333 und du hast mich schon...“ - O-Ton Graham Bonney), heutzutage bis in den hintersten Winkel der Mongolei und wenn man will, mit dem Mobiltelefon von jedem Platz der Welt, ob Klo oder Linienbus („Ich bin hier grad' in der Linie 733 am Borsigplatz - ich fahr noch nachem ALDI, dann komm ich zu Hause“, teilt jeder Schwachkopf den Mitreisenden und seinem Telefonpartner heutzu­tage mit). Man kann sogar Textbotschaften und Bilder in Fülle und Echtzeit versenden.
 
Elektropost
 
Aber erst noch einmal zurück: Dann der nächste Schlag ins Gesicht des anständigen und aufs Briefaufkommen angewiesenen Zustellers: Fax! Häßliche Billigkopien von der Endlosrolle spie mit einem Mal der ans Telefon angeschlossene Impulsnehmer aus, die
verblaßten, kaum daß sie empfangen waren - und kaum einen Atemzug später folgt noch Grausameres: beim Stichwort E-Mail („Du, ich schau mal eben in meinen Account.“) bricht Liebhabern von Tintenschrift auf weißem Papier der Schweiß aus, Tränen füllen ihre Augen und die jedes anständigen Postboten, und Hersteller von Briefkuverts träumen von besseren Zeiten. Der „Brief“ erscheint auf dem PC-Bildschirm, und die Folge ist: Hausbriefkästen enthalten nicht mehr den duftenden Umschlag mit der berühmten „blaßblauen Frauenhandschrift“, sondern nur noch Berge unerwünschter Werbesendungen, die dem Postboten die Freude am Zustellen nehmen. Von den erotischen Erfolg, günstige Geldanlagen und sensationelle Niedrigpreise beu dubiosen Anbietern verheißenden SPAM-Fluten mal ganz zu schweigen. Der „Fortschritt“ ist nicht aufzuhalten, denn Facebook, Twitter, Instagram und Whatsapp setzten all dem die Krone auf. Mit diesen dennoch begrenzt praktischen Neue­rungen geht natürlich der Hang zur Faulheit einher - oder war es umgekehrt? Ist vielleicht die Denk- und Schreibfaulheit derer, denen das Verfassen umfänglicher handschriftlicher und inhaltsreicher Botschaften, der rituelle Vorgang des Umschlagbeschriftens und Aufklebens einer Briefmarke nichts bedeutet der Grund? Schreibt denn wirklich niemand mehr?
 
Aber schauen wir mal zurück
 
Gibt es noch Rettung? Doch, wir wollen nicht verzweifeln – einer aktuellen Statistik zufolge hat die Postkarte, die seit 150 Jahren in Deutschland unauffällig aber beharrlich in der zweiten Reihe steht, noch immer erstaunlich viele Freunde. Sogar mehr als 50 % der jungen Menschen ziehen einen Urlaubsgruß per Karte dem per Smartphone versandten Gruß mit Selfie vor. Die Postkarte steht allenthalben in bunten Variationen bereit und zeigt sich für den Kurz-Mitteiler att­raktiver und schillernder als je zuvor. Wir sprechen hier von der recht­eckigen, aus festem Karton bestehenden Erfindung des Generalpost­meisters Heinrich von Stephan, 1865 erstmals von ihrem Erfinder der Postkonferenz der deutschen Staaten vorgeschlagen, 1869 in Österreich eingeführt und schließlich 1870 im Norddeutschen Postgebiet: der Postkarte des Weltpostvereins, anfangs Correspondenzkarte genannt und, wie sich gehört, vom Weltpostverein normiert.
 
 

Das schlichte Stückchen Pappe wurde seitdem sehr gut angenommen und er­freut sich vor allem für den Glückwunsch- oder Urlaubsgruß ungebrochener Beliebtheit. Eine kurze Mit­teilung sollte seinerzeit schnell den Empfänger erreichen und nicht viel kosten. Das klappte auch, denn über Jahrzehnte, bis weit ins 20. Jahrhundert konnte man für 5 Pfennige Porto innerhalb von 24 Stunden Nachrichten von Berlin nach Thorn, von Tübingen nach Hamburg oder von Lieberhausen nach Elberfeld expedieren – Absende- ­und Eingangsstempel belegen das. Innerhalb einer Stadt war die Übermittlung sogar vom Vor- bis zum Nachmittag garantiert: „Lieber Wilhelm, ich komme heute Nachmittag um 1/2 vier Uhr zum Kaffee bei Euch vorbei.“ Zustellung zweimal täglich. Gol­dene Zeit! Mit viel Glück gelingt das heute innerhalb 1-2 Tagen, manchmal brauchts aber auch eine Woche – aus Italien und Griechenland auch gerne mal vier Wochen - und kostet den deutschen Postkunden in jedem Fall 60 Cent im Inland und 95 Cent für den Versand in andere Länder (seit Anfang Juli 2019).
 
Eine Freude für Empfänger und Sammler
 
Zurück zur Geschichte der Postkarte. War es einst zunächst eine schmucklose Mittei­lung, entwickelte sich bald eine Kombination von

 Leporello-Karte 1929
Bild- und Text­seite daraus: die Ansichtskarte. Aus dem Urlaub konnte man einen Wetter- und Stimmungsbericht schicken, kurz gefaßt natürlich, denn die andere Seite der Karte zeigte eine nicht immer besonders originelle  photographische An­sicht des Urlaubsortes. Dort konnte man das Zimmerfenster des Hotels ankreuzen, hinter dem man faulenzte oder den Berg, den man tapfer erklommen hatte. Gilt übrigens bis heute! Hinzu kamen in den 1960er/70ern, vor allem im katholischen Italien, zahllose mit Bikini-Schönheiten für Adria- und Riviera-Badeorte werbende Pin-Up-Karten; im liberalen Dänemark geriet es auch schon mal etwas erotischer. Aber dazu später. Ein eigenes Kapitel, vor allem von den 1930ern bis in die 1970er beliebt, sind die Leporello-Postkarten, die im Klappfach einer lustigen Karte - oft waren es Rucksäcke, Postbotentaschen oder der Kofferraum eines Autos - eine Auswahl winzigkleiner Ansichten des Urlaubsortes transportierten. Nicht zu vergessen: Von Anbeginn hatte man auch an Liebende gedacht, die ihre kleine Liebesbotschaft einer Postkarte anvertrauen wollten - die findet man auf alten Karten oft in Stenographie. Pfiffig.


 

Schnell kamen andere Themen- und Motiv­kreise dazu - Glückwunschkarten zu allen möglichen Anlässen: Geburts- und Namenstag, Einschulung, Ostern, Pfingsten, Weihnachten und Neujahr, Kommunion und Konfirmationen, Jubiläum, Führerschein, Scherzkarten und leider auch ungezählte Feldpostkarten. Mit vaterländischem Pathos, Liebes-Wehmut und galligem Galgenhumor wurde vor allem auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges dem Untergang des Vaterlandes und dem eigenen Tod ins Auge geblickt: „Ich hatt einen Kameraden...“. Mit Lilien wurde gar die Deutsche Unschuld am Weltkrieg beschworen.


Schier unerschöpf­lich zeigte sich die Welt von Illustration, Idee und Motiv. Und weil der Mensch ein Wesen ist, das sehr über das Auge lebt und genießt, wurde bald erkannt, daß Absen­der und Empfänger das Originelle und das Opulente zu schätzen wissen und
ein Geschäft damit zu machen ist. Fotografen, Zeichner und Texter versorgten die immer zahlreicher werdenden
Postkartenverlage. Zu den ganz großen und populären Verlagen wurden u.a. Gebrüder Metz, Block & Schmidt, Edm. v. König, Hermann Leiser, Arthur Lohe
, Ross, Groh, Bild und Heimat, Auslese Bildverlag und viele andere mehr.
Filmstudios, Plattenfirmen und Musikverlage ließen die Konterfeis ihrer Stars auf Autogrammkarten drucken, Firmen jeder Art transportierten ihre Werbung per Postkarte, Parteien ihre Wahlparolen und die Kirchen fromme Sprüche. Denn auch Jesus, Maria & Co. fanden vor allem an Wallfahrtsorten reichlich Zuspruch auf Karten.
 
Ein neues, attraktives  Steckenpferd entstand: das Sammeln von Postkarten. Die wurden in prächtige Alben gesteckt, nach Motiven und Serien sortiert und so sorgfältig aufbewahrt, daß viele davon zwei Weltkriege überdauert haben und im Nachhinein heute noch Freude machen können. Apropos Pin-Up: Diese Karten werden heutzutage zu gesuchten Raritäten, hat doch der scharfe Wind der sogenannten Political Correctness diesen Augenschmaus unter dem Druck von modernen Soufragetten weitgehend an den Rand, wenn nicht ins Aus gedrängt. Und weil das Sammeln nun mal eine Wissenschaft ist, gibt es dazu Kataloge, Untersuchungen und Sekundärliteratur. Ja es soll sogar schon mal ein Wuppertaler Student die Postkarte zum Thema seiner Doktorarbeit gemacht haben! Apropos: Couleur- und Motivkarten studentischer Verbindungen waren bis 1933 äußerst beliebt. Bis die Nationalsozialisten die Verbindungen verboten.
 
Mit Kitsch und viel Humor
 
Die Fülle der angebotenen hübschen, ästhetischen, originellen, witzigen und künstlerischen Bildpost­karten ist mittlerweile nahezu
unüberschaubar. Unzählige oft kleinste Verlage bringen herrlich komische oder wunderschöne Motive auf den Markt und man hat als Schreiber gar nicht genug Empfänger zur Hand, um all die spaßige Pracht an den Mann und die Frau zu bringen. Da gibt es die fotografische Satire, die originelle Visualisierung von Texten, die Karikatur und den Cartoon, die Kunstverfremdung, Weisheiten und kluge Sprüche und vieles, vieles andere. Ganze Kollektionen wurden von namhaften Illustratoren wie Loriot und Bernd Pfarr, Michael Sowa, Martin Perscheid, Gerhard Glück oder André Poloczek (um nur einige zu nennen) gestaltet. Mal ist das Kartenmotiv der Träger der Botschaft, dann wieder nur höherer Blödsinn, auf den sich Verlage wie Joker, Inkognito, Voller Ernst, Retro, Weltniveau und viele andere besonders gut verstehen.
Daß es darunter natürlich auch Ausreißer gibt, liegt auf der Hand. Gewitzte Beobachter haben aber auch das zum Thema genommen und solche öden Postkarten findet man dann (natürlich auch gesammelt und liebevoll zusammengestellt) in köstlichen Büchern wie „Boring Postcards“ / „Langweilige Postkarten“ aus der Sammlung Martin Parr oder „Bild der Heimat – Die Echt-Foto-Postkarten aus der DDR“. Es ist, glauben sie mir, höchst kurzweilig, sich aufmerksam auch solche Exemplare anzuschauen. Aber Vorsicht – macht süchtig!
 
Ein ganz eigenes Thema ist die Erotik auf der Postkarte - oben haben wir das ja bereits bei den Reisegrüßen angeschnitten. Von Anbeginn der Geschichte der Postkarte haben „anrüchige“ (oder scheinbar anrüchige) Darstellungen des unbekleideten weiblichen Körpers - die Männer kommen hier eindeutig kaum bis gar nicht vor - eine nicht unwichtige Rolle gespielt. Die Entwicklung der Fotografie bot den Herstellern solcher pikanten Karten natürlich ein weites Feld mit ungeahnten Möglichkeiten und unerschöpflichen Variationen der Motivwahl von harmlos bis gewagt, von ästhetisch bis billig, von schön bis schlüpfrig. Die werden natürlich nur heimlich gesammelt...

 
 


Es gibt Postkarten mit 3-D-Effekt und Holgrammen, Lentikular-Karten, die beim Kippeln einen sich veränderndes Bild zeigen, welche aus Blech, andere, die mit Stoff oder Kunstfell überzogen sind, Werbe- und Ansichtskarten mit aufgezogener Schallfolie, die problemlos auf einem Plattenspieler ihre musikalische Botschaft abspielen lassen (siehe unten), Karten mit eingelegten Drehscheiben und... und... und...


Weihnachtsgruß mit Schallfolie

Tips, wo´s gratis ist

Edgar-Karte

In Kneipen und Cafés (Tip!) gibt es häufig auf dem Gang zum Klo nette Gratis-Postkarten-Ständer, deren kostenlose Angebote meist Werbebotschaften transportieren, z.B. „City-Cards“ und „Edgar auf der Karte“ ­(lesen sie zu Edgar hier unseren Jubiläumsbericht). Meist im Format 10 x 15 cm gibt es eigentlich nichts, was es als Thema auf der Karte nicht gibt: dumme Sprüche, konfuzianische Weisheiten, echte Kunst, dern Parodie oder pure Reklame – meist aber originell. Im Zweifelsfall bastelt man sich flugs selber eine. Eigene Fotos sind beliebt.

Nur ein paar Beispiele aus der Fülle können wir hier zeigen, als Anregung, die Postkartenständer in Buchhandlungen, Post-Agenturen, Schreibwarengeschäften, Souvenirläden und 1-€-Läden zu durchstöbern, die Beute zu beschriften, zu adressieren und ordentlich frankiert (neues Porto, s.o.!) zur Freude der Empfänger und der Postboten auf den Weg zu bringen.

Mir klingt noch der Ruf meines früheren Zustel­lers Heribert B. durchs Treppenhaus im Ohr: „Komm runter, is' schöne Post im Kas­ten!“

 
© P. Marzari

 
Literatur (Auswahl):
- „Langweilige Postkarten“, Phaidon, o.J.
- „An der Quelle saß der Knabe“ – Postkarten aus alter Zeit, Heyne Exlibris, 1977
- Robert Lebeck/Gerhard Kaufmann „Viele Grüße…“ – Eine Kulturgeschichte der Postkarte
   Harenberg Verlag, Die bibliophilen Taschenbücher, 1985
- Wilhelm Stöckle „Deutsche Ansichten“ – 100 Jahre Zeitgeschichte auf Postkarten, dtv 1982
- „Bikini in den Bergen“ – Ein Postkartenbuch, Scheidegger & Spiess, 2015
- Dieter Weidemann „Postkarten von der Ansichtskarte bis zur Künstlerkarte“, Deutscher   
  Kunstverlag, 1996
- Wolfgang Till „Alte Postkarten“, Battenberg Verlag, 1994
- Barbara Jones / William Oulette „Erotische Postkarten“, DuMont Buchverlag, 1977
- Erasmus Schröter „Bild der Heimat“ – Die Echt-Foto-Postkarten aus der DDR, Schwarzkopf
  & Schwarzkopf, 2002
-  „Grüße aus der DDR“ – 777 Postkarten, Eulenspiegel Verlag, 2009
 
 

© Frank Becker 2019
 
Alle Abbildungen: Archiv Musenblätter