Ruchlos

Remo Kroll und Frank-Rainer Schurich . „Polizistenmorde“

von Robert Sernatini

Ruchlos
 
Vier Polizistenmorde in der DDR
 
Remo Kroll und Frank-Rainer Schurich schlagen in ihrem Buch ein bisher wenig bekanntes Kapitel der DDR-Kriminalgeschichte auf: Mord und tödliche Anschläge gegen Angehörige der VP, der Deutschen Volkspolizei im Dienst. Auf Basis der echten Akten rekonstruiert das Autorenduo die Tathergänge und läßt die Leser minutiös und recht aufschlußreich an den Ermittlungen, der Spurensuche, Vernehmungen, der Dokumentation und der nicht immer gelungenen Aufklärung teilhaben.
     In Diktaturen (so war es im NS-Staat und so war es in der DDR) werden Morde an den Angehörigen der Sicherheitskräfte aus Gründen der Staatsraison gerne unter dem Deckel der Geheimhaltung gehalten und ebenso dezent ermittelt, hat sich doch durch die Tat erwiesen, daß die betroffenen Polizeibeamten, der Staat bzw. seine Sicherheitsorgane angreifbar, verwundbar sind.
 
Die Fälle:
     Am 13. April 1972 verrichtet der beliebte ABV (Abschnittsbevollmächtigte) Karl Lindner in Seehausen bei Magdeburg seinen alltäglichen Dienst. Als er den mehrfach auffällig gewordenen Bürger Klaus Jatzek zur Ordnung ruft, wird ihm das zum tödlichen Verhängnis. Jatzek schlägt ihn nieder, entreißt ihm die Dienstwaffe und erschießt ihn damit. Jatzek wird zum Tode verurteilt und hingerichtet.
     In der Nacht des 15. Februar 1973 wird der im Streifendienst befindliche Hauptwachtmeister Manfred Biernaczyk in Berlin-Buch vorsätzlich von hinten überfahren und getötet. Der Täter flüchtet, nachdem er dem Polizisten seine Dienstwaffe mit 16 Schuß Munition entwendet hat. Trotz vieler Spuren und Verdächtiger wird der Täter nie ermittelt, die Waffe des Polizisten blieb verschwunden.
     Mit einer zuvor dem Posten einer Kaserne der NVA (Nationale Volksarmee) gewaltsam entwendeten Maschinenpistole Kalaschnikow wird am 15. Januar 1981 der Volkspolizist Gerhard Gergaut in seinem Streifenwagen in Leipzig erschossen, sein Kollege Lutz Hartwig durch zwei Schüsse verletzt. Als Täter ist sehr schnell der 25-lährige Helmut Cornelius ermittelt. Er gesteht die Tat und wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach der deutschen Wiedervereinigung wird der Prozeß 1991 neu aufgerollt und Cornelius nun zu 15 Jahren haft verurteilt, deren Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt wird. Der Polizistenmörder ist seitdem wieder frei.
     Am 21. September 1982 wird gegen 22.30 Uhr der erst 22 .Jahre alte Schutzpolizist Lutz Lawrenz, der eine Einzelstreife ging, in einem Innenhof in Berlin-Pankow leblos aufgefunden. An seinem Körper werden 14 Stichwunden und eine Schnittverletzung entdeckt. Der Täter hat die Dienstwaffe des getöteten Polizisten geraubt und ist verschwunden. Trotz jahrelanger Ermittlungen kann kein Verdächtiger namhaft gemacht werden. Das „Geständnis“ eines geltungssüchtigen Psychopathen hält die Polizei wochenlang auf falschen Spuren fest. Der Täter wurde nie ermittelt, die Waffe des Polizisten blieb verschwunden.
 
Remo Kroll und Frank-Rainer Schurich verharmlosen die Taten in ihrer Aufarbeitung der Akten zwar nicht, stellen sie und einzelne Täter aber in ein allzu mildes Licht. Daß in der DDR Schnaps und Bier offenbar zum Alltag gehörten, ist nicht erst seit heute bekannt. Der tödliche Angriff auf einen Polizeibeamten ist ruchlos und gehört, in welchem System auch immer, selbst wenn duch eine schlimme Kindheit und/oder durch Alkohol befördert, zu den asozialsten Verbrechen und muß mit aller Konsequenz verfolgt werden. Mit schwammigen Betrachtungen, daß ein Verurteilter eine zweite Chance verdient hätte, die Tat ihn ohnehin lebenslang verfolgen würde (was ich für larmoyantes Blabla halte…) und Klabunds wortgetreu zitiertem Seth-Gleichnis „Mörder“ helfen die Autoren der Sache nicht weiter.
 
Polizistenmorde
Vier authentische Kriminalfälle aus der DDR
Aufgezeichnet von Remo Kroll und Frank-Rainer Schurich
© 2019 Verleg Bild und Heimat, 256 Seiten, Broschur, Abkürzungsverzeichnis – ISBN: 9783959582056
9,99 €
Weitere Informationen: www.bild-und-heimat.de