Tortengestaltung ist Lebensgestaltung

Eine Meditation über das Bäckerhandwerk

von Erwin Grosche

Foto © Frank Becker

Tortengestaltung ist Lebensgestaltung
Eine Meditation über das Bäckerhandwerk
 
Die Torte stammt noch aus der Zeit, als wir dachten, die Erde sei eine Scheibe. Das ist lange her. Bäcker, Tortengestaltung ist Lebensgestaltung:
 
Wir müssen uns bemühen, noch bessere Menschen zu werden. Gerade du als Hüter des Schlaraffenlandes mußt auch abgeben können.
   Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Torten schmeißen! Bäcker, ich mag nicht all deine Torten, aber ich würde mein Leben dafür lassen, daß du sie weiterhin backen darfst.
   Es ist doch nicht fair, daß ein gesunder Mensch mit gesundem Appetit nach dem Genuß von drei Stückchen Torte völlig gesättigt ist. Was will uns denn Gott damit sagen?
   Daß Genuß und Verzicht verlobt sind? Daß die Liebe unerfüllt bleiben muß, um Liebe zu sein? Sicher, es wird erzählt, daß Gott bei der Erschaffung des menschlichen Hinterns sich durch ein Brötchen inspirieren ließ. Warum ignorierte er das Puddingteilchen? Las er nicht die ›Bäckerblume‹? Es hätte doch alles noch viel weicher und ausladender sein können.    
Mensch, Bäcker, uns geht die Jugend flöten. Wer sind wir denn, daß wir uns jetzt schon ausruhen wollen auf unseren Marzipanlorbeeren?

Bei deinen Nußecken fehlt mir die Gradlinigkeit. Nicht im Aussehen, sondern in der Haltung als Süßspeise. Sie scheinen gerade geeignet, um im Winter Eis abzukratzen, um im Sommer damit Tischtennis zu spielen. Deine Amerikaner sind an Gestaltungs- und Geschmacksstupidität nicht mehr zu unterbieten. Wie ein zugefrorener Teich, in dem Goldfische schwimmen, aber tote.
 
Mensch, Bäcker, es gibt keinen Gesundheitskuchen, wenn wir abnehmen wollen, gehen wir dazu bestimmt nicht in eine Bäckerei. Sicher, der Vollkornkuchen ist auch ein Kuchen, aber ein Domestizierter, ein Gebändigter. Im Grunde müßte er billiger sein als der normale.
Der Genuß einer Mondtorte kann einen Menschen verändern: Das ist eine wechselseitige Beziehung: Die Mondtorte beim Aufessen abnehmend, der Mondtortenesser beim Aufessen zunehmend, Yin und Yang, Torte und Tortur.
 
Deine Muttorte sieht so unverschämt dick und bunt aus, als wollte sie vor sich selber warnen. Grüne und orangene Marzipanmasse treffen auf eine Füllung mit Johannisbeergelee. Eine tickende Zeitbombe. Der Bundestortenminister warnt vor dem Genuß dieser Muttorte: Aber wer wird denn weinen, wenn man auseinander geht?
   Im Grunde nahm die Kürbistorte die Flower-Power-Bewegung vorweg.
 
Ich verdanke einer Sahnecremetorte mein Leben. Der verrückte Schwager meiner ersten hysterischen Frau, die mir gerade eine Torte ins Gesicht geschmissen hatte, suchte mich danach vergeblich. Das Auge ißt halt auch mit. So verdanke ich dieser Sahnecremetorte mein Leben.
   Er schrieb mir dann aus dem Gefängnis, ob ich nicht bei meiner Beziehung zu Torten etwas für ihn tun könnte. Aber eine Torte ist der denkbar schlechteste Aufenthaltsort für eine Feile. Kein anderes Genußmittel wird im öffentlichen Strafvollzug so durchgecheckt wie eine Torte.
 
Tortengestaltung ist Lebensgestaltung. Sicher, man sagt, das Auge ißt auch mit. Aber es isst eben nur mit - wie ein Geschwisterkind. Ein Mitesser. Das Auge ist nur geduldeter Gast und wird bei den wirklich wichtigen Dingen ausgeschlossen. Wie Zuschauer bei einem Gerichtstermin. Das Auge darf den Magen nicht zu lange an der Nase herumführen. Ein guter Bäcker weiß, wie weit er gehen darf.
 
Ich kannte einen Bäcker, der ließ mal eine nackte Frau aus einer Torte springen. Da aß das Auge zu sehr mit und ließ nichts übrig für den Magen. Ein Handwerk verkam zum Entertainment, seriöse Gestaltungskunst zum Halli-Galli. Wenn die nackte Frau beim Steigen aus der Torte selbst eine Torte gegessen hätte, das hätte wieder Sinn gemacht.
 
Ich kannte einen Bäcker, der belieferte ein Museumscafé. Angeregt durch eine Dali-Ausstellung - man präsentierte dort seine Gemälde mit den zerlaufenden Uhren - entwarf er eine Eistorte, die in Form und Aussehen einer Uhr glich, und diese Eistorte präsentierte er dann auf einem vorgewärmten Tortenteller. Die Hitze ließ die Eisbombe langsam zerlaufen und bot damit das kongeniale Gegenbild zu Dalís zerlaufenden Gemäldeuhren. Ich persönlich fand die Uhren meines Freundes gelungener, weil mehr Sinne angesprochen wurden. Und was symbolisiert die Zeit mehr, als wenn sie einem wegläuft?


Neulich sah ich in der Auslage eines Bäckers einen Berliner. Warum nicht, warum sollte er seine Kunden nicht auch verwöhnen? Nur hatte dieser Bäcker dem Berliner obendrauf eine Kirsche aufgenötigt! Ich dachte, ich sehe wohl nicht richtig, der Berliner ist ja ganz bewußt einfach gehalten worden, fast unbekümmert, fast schlicht, damit man noch überrascht werden kann durch sein Marmeladenherzchen. Ich traute also meinen Augen nicht. Das durfte doch nicht wahr sein. Was sollte denn diese Kirsche auf dem Berliner? Dieser Furunkel, dieser Pickel, dieser Abzeß?
   Ich dachte nur, daß eine gute Idee durch eine andere gute Idee auch wieder erdrückt werden kann.
 
Bäcker, du hast noch vor Joseph Beuys deine Bleche mit Fettecken eingeschmiert.
  Deine Herrentorte inspirierte Munch zum ›Schrei‹.
  Deine Windbeutel nahmen den verpackten Reichstag vorweg, deine Obstböden standen Paul Klee Modell. Danke!
 
 
© Erwin Grosche
Aus: „Lob der Provinz“
Redaktion: Frank Becker