Von den Jahreszeiten der B├╝cher

von W.R.

Foto © Frank Becker

Von den Jahreszeiten der Bücher
 
War der Mann, der in der heißen Augustsonne lag und das Buch „Schneesturm“ las, ein Snob? Wollte er, wie Brecht auf der Bühne, hier im Strandbad einen Verfremdungseffekt erzielen - oder hatten ihm nur Zufall und Langeweile das Buch in die Hand gespielt?
Urplötzlich tauchte die Frage auf, ob eine Jahreszeit wohl Einfluß auf die Lektüre haben kann, ob man ohne äußeren Zwang im Mai dieselben Bücher liest wie im November. Ein Bekannter stellte neulich nach einem Besuch der Wieskirche die These auf, wer jetzt Schweinebraten zum Mittagessen bestelle, sei ein Banause. Nach diesem lichten und leichten Rokoko komme nur eine Forelle oder zartes Hühnerfleisch in Frage. Ein Mann mit Geschmack wähle immer nur das, was paßt.
Welches Buch aber paßt für welche Jahreszeit? Gibt es vielleicht sogar ein Datum, zu dem alle Bücher passen? Wenn man auf die Verleger und Buchhändler hört, muß man die Frage bejahen. Sie servieren dem Leser, der für sie mit dem Käufer identisch ist, in ihren Anpreisungen so ziemlich die ganze literarische Jahresernte auf den Weihnachtstisch. Der deswegen unzufriedene Leser Josef Hofmiller gab den einzelnen Monaten ihre Funktion: „Maskenkostüme kauft man im Februar, Strohhüte Ende April, Badeanzüge im Juni, Trauerkränze auf Allerseelen, Bücher auf Weihnachten.“ Kauf und Lektüre eines Buches sind nun aber glücklicherweise zweierlei Stiefel. Von der Weihnachtsschwemme kann man nämlich oft das ganze Jahr sein Leseleben fristen - bis hinein in den November. Dieser Monat, vor dem viele Menschen Angst haben, erscheint mir als der Lesemonat schlechthin. Nach einem Spaziergang in Nebel und Nieselregen leicht durchfroren in eine Weinstube einbrechen, sich einen stillen Eckplatz erobern und dann neben dem vollen Glas ein Buch - in einer solchen Atmosphäre kann man sich so richtig erwärmen für einen vielschichtigen Roman, für breites Fabulieren und für diffizile Charaktere, aber auch für einen klugen Essay und manchmal für einen schweren philosophischen Brocken.
Der Frühsommer verlangt leichtere Kost. Spannende, leicht eingängige Geschichten mit frechen Bemerkungen und durchschaubarer Handlung. Man ist meist im Freien. Man wird immer abgelenkt: von den Farben und Formen einer anmutigen Weiblichkeit, von der Heiterkeit der Natur.

Wo soll ich wohl Gedichte einordnen? Ich komme auf Mai und September, die heiteren in den Frühling, die melancholischen in den Herbst. Nun fängt das Spiel aber an, willkürlich zu werden. Das Gedicht „Winternacht“ verlangt nun mal eben nun einmal die Jahreszeit, von der es aussagt.
Doch vielleicht findet man vom Buchtitel her zu einem jahreszeitlichen Ordnungsprinzip. Kann er nicht verraten, in welche Saison ein Buch paßt? Weit gefehlt. Die „Ansichten eines Clowns“ oder das „Narrenschiff“ sind nicht unbedingt die Ideallektüre für die Karnevals- oder die Faschingszeit. Und die junge Frau, die den „Mann ohne Eigenschaften“ als Flitterwochenlektüre auswählte, hat ihren literarischen Fehlgriff sicher gleich bereut.
Immerhin hat diese Frau versucht, aus der persönlichen Situation heraus zur richtigen Lektüre zu gelangen. Nicht nur die Jahreszeit zu beachten, sondern noch mehr den Lebensabschnitt. Als Junge wird man den Robinson im März genauso verschlingen wie im Oktober. Für den alten Chinesen, von dem die Anekdote berichtet, spielte es keine Rolle, ob seine Hinrichtung im Januar erfolgte oder im Juli. Seine Lektüre entsprang seiner Lebenshaltung und Lebensstufe. Nach seinem letzten Wunsch gefragt, bat er nämlich um die „Sieben Bücher der Weisheit“. Der Wunsch erregte Erstaunen. Vor dem Tode fragte man den Mann, warum er nach dieser Lektüre verlangt habe, sein Gedächtnis dauere doch nur noch wenige Minuten. „Ich füllte meine Seele“, war die Antwort.
Neben Jahreszeit und Lebensalter scheinen auch die Tageszeiten wichtig. Wohl nur wenige werden sich aus freiem Willen am Morgen von einem Kriminalroman in den Bann schlagen lassen. Aber nach dem Frühstück einige Seiten klassische Prosa - das ist eine schöne, wenn auch seltene Gewohnheit. Sie kann dem Tag das richtige Maß geben. „Warum soll man den Tag nicht mit einer anspruchsvollen Gewohnheit beginnen?“ fragte der Verleger Peter Suhrkamp einmal.
In Krisenzeiten besinnt man sich auf die Bücher, die man nicht nur liest, sondern die einem wirklich etwas zu sagen haben. Die oft gestellte Frage, welche zehn Bücher man auf eine einsame Insel mitnehmen würde, wird dann aktuell. Die Bücher, die man (hoffentlich nie mehr) in den Tornister packt. Für was hat sich der Rekrut Franz Joseph Strauß doch einmal entschieden? Für „die Psalmen, Vergil, einen Band Rilke oder Haecker“.

Jahreszeiten, Tageszeiten, Krisenzeiten - wenn schon die Zeit eine Rolle spielen soll, warum nicht auch der Raum? In Eisenbahn, Liegestuhl und Bett ist das Abenteuer Lesen doch meist nur Freizeitgestaltung. Räume heben es aber auf eine höhere Ebene und üben auf die Lesestimmung ihren Einfluß aus. Etwa der von Georg Britting: „In einem niederen Sessel zu sitzen, in einem niederen, schwarzen Ledersessel, und Kaffee zu trinken, und ein Buch in der Hand zu halten, ein aufreizendes, begehrlich machendes, ein verwegenes Buch, und an den Wänden, ringsumher an den Wänden Bücher, Bücher, Bücher…“ Oder der von Macchiavelli: „Wenn der Abend kommt, dann kehre ich nach Hause zurück und begebe mich in mein Studierzimmer. Auf der Schwelle streife ich den Bauernkittel ab, der ganz bedeckt ist mit Schmutz und Dreck, kleide mich in prunkende Hofgewänder, und also würdig angetan, betrete ich die ehrfurchtgebietenden Paläste der antiken Autoren.“
Von Macchiavellis Feierlichkeit führt ein weiter Weg zurück in das sommerliche Strandbad. Von einem unpassenden winterlichen Buch gingen diese Überlegungen aus. Die Wirklichkeit aber hat immer einfache Erklärungen. Ich habe den Leser natürlich in meiner Neugierde längst gefragt, warum er bei dreißig Grad im Schatten ausgerechnet das Buch „Schneesturm“ lese. Erst schaute er unwillig, aber dann lachte er: „So verrückt wie es aussieht, bin ich auch wieder nicht.“ Er nahm den Schutzumschlag ab. „Ihnen kann ich's ja sagen, aber es brauchen nicht gleich alle zu wissen, daß ich die ʽFanny Hillʼ lese.“
 
W. R. (d.i. vermutlich Werner Ruwid)
 

Den Text fanden wir in einer alten Ausgabe der Zeitschrift EPOCA des Jahrgangs 1965.Der mit W.R. monogrammierende Autor ist wahrscheinlich Werner Ruwind, der zur
Redaktion dieser hervorragenden und schon lange nicht mehr existierenden Kultur-Zeitschrift gehörte. Wir konnten Werner Ruwind leider nicht ermitteln. Wir bitten
mögliche Rechteinhaber, deren Ansprüche selbstverständlich bestehen bleiben, sich bei der Redaktion zu melden.