Ein gro├čer Konzertabend

Jean-Yves Thibaudet und Gautier Capucon beim Klavier-Festival Ruhr in Wuppertal

von Johannes Vesper

Foto © Sven Lorenz

Klavier-Festival Ruhr in Wuppertal
 
Das WDR Sinfonieorchester Köln mit Hindemith, Tschaikowski
und Richard Dubugnons „Eros thanatos“
(Deutsche Erstaufführung)
 
Leitung: Michael Sanderling
Solisten: Gautier Capucon, Violoncello, und Jean-Yves Thibaudet, Klavier
 
Von Johannes Vesper
 
Zum 1. Konzert des Klavier-Festivals Ruhr in Wuppertal kam das renommierte WDR Sinfonieorchester Köln unter Michael Sanderling in den großen Saal der Historischen Stadthalle Wuppertal. Der Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, der als Gastdirigent mit den berühmten Orchestern von den Berliner Philharmonikern bis hin zum Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra aufgetreten ist, schätzt den Wuppertaler Konzertsaal. Er hatte hier vor vielen Jahren in seiner früheren, auch sehr erfolgreichen Karriere als Cellist mit dem Wuppertaler Sinfonieorchester das Doppelkonzert von Johannes Brahms aufgeführt.
 
Eröffnet wurde der Abend mit der von Paul Hindemith (1895-1963) orchestrierten Suite französischer Tänze aus dem 16. Jahrhundert. Die damaligen Komponisten sind heute weitgehend vergessen (Etienne du Terte und Claude Gerraise). In den 20er Jahren mit zu dieser Zeit moderner Musik Publikumsschreck, reformierte Hindemith in den 30er Jahren das Musikwesen der Türkei. Immer wieder hat er bereits vorhandene Kompositionen oft auch parodistisch umgeschrieben und eingerichtet. Seine „Ouvertüre des Fliegenden Holländers, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt“ harrt immer noch der Aufführung hierzulande, z.B. anläßlich eines Karnevalskonzertes. „Cadillac“ und „Mathis der Maler“ gelten als große Werke Hindemiths. Die jetzt aufgeführte „Suite“ stammt aus seiner akademischen amerikanischen Zeit nach der Emigration (1948). Er hatte die Musik für Kammerorchester als didaktisches Material für seine Musikstudenten Orchestriert. Zur Eröffnung des Abends machte die kurze Dorfmusik der Renaissance Appetit auf anderes.
 
Das Doppelkonzert für Cello, Klavier und großes Orchester („Eros thanatos“) hat der in der Schweiz geborene, seit 1979 in Frankreich lebende Richard Dubugnon (*1968) auf Wunsch der beiden Solisten (Gautier Capucon, Violoncello, und Jean-Yves Thibaudet, Klavier) für sie geschrieben. In Perth/Australien haben sie es 2018 uraufgeführt. Der Komponist möchte, daß das Publikum seiner Musik gerne zuhört und lädt explizit auch die ein, die glauben, zeitgenössische Kakophonie sei nicht ihr Ding. Die beiden weltbekannten Solisten müssen hier nicht vorgestellt werden. Gautier Capucon hörten wir zuletzt mit dem Pariser Kammerorchester in der Elbphilharmonie. Vom riesigen Orchesterapparat bei diesem Konzert ließ er sich nicht entmutigen, sondern sang auf seinem Cello (Matteo Gofriller 1701) mit ganzer Seele und spielte lyrische Kantilenen wie technisch schwierigste Phrasen mit Eleganz und Leichtigkeit das Cello hinauf und hinunter - mit oder gegen das hoch virtuose Klavier unter den Händen des souveränen Thibaudet. Bei dem konzentriertem Zusammenspiel mit lebhaftem Augenkontakt zwischen den Solisten untereinander aber auch mit dem Dirigenten lauschte das Publikum fasziniert den differenzierten Klangfarben und synkopischen Schlägen des vollen Orchesters. Großen Applaus und Blumen auch für den Komponisten gab es am Schluß und als Zugabe den hochromantischen „Schwan“ aus dem „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saens: Inniger Celloklang, cellissimo sozusagen, mit subtilster Klavierbegleitung, beglückenden Pianissimi bei endlosem Cellobogen und atmender Agogik bewegten die Zuhörer. Herrlich!


Foto © Sven Lorenz

Nach der Pause gab es die 6. Sinfonie op. 74 von Peter Tschaikowsky (1840-1893), die „Pathétique“, seine letzte Sinfonie, die 9 Tage vor seinem Tod in St. Petersburg unter Leitung des Komponisten uraufgeführt wurde. Das Publikum konnte damals mit dieser Sinfonie nicht viel anfangen, während Tschaikowski sie für sein bestes Werk, sozusagen für den Schluß- und Höhepunkt seines Gesamtwerkes hielt. Das von dem unglücklichen Komponisten verfaßte Programm der Sinfonie weist autobiographische Züge auf: Leben, Liebe, Enttäuschung und Sterben. Der 1. Satz mit neun ineinander übergehenden Teilen unterschiedlicher Tempi erwacht zum Leben, wenn über sehr leisen tremolierenden Kontrabässen aus dem Urnebel des Nichts das tiefe Fagott aufsteigt. Später beschwören Flöte und Fagott die russische Seele, enden im Pianissimo. Dann aber bricht (Allegro vivo) die Dramatik des prallen Lebens aus, bevor die Emotionen mit klagenden Holzbläsern über dem Orgelpunkt der Pauke immer wieder in sich zusammenstürzen. Den 2. Satz eröffnen die Celli, die ja immer zur Stelle sind, wenn es um Liebe geht. Unter dem eleganten, stimulierendem wie präzisen Dirigat Michael Sanderlings bot das Orchester differenzierteste Dynamik und subtilstes musikalisches Leben. Der Beginn des 3. Satzes(Allegro molto vivace) mit hohen, sehr schnellen Streicherpassagen ist auch für ein Spitzenorchester heikel. Musikalisch zunächst eher an ein Scherzo oder auch an einen Sommernachtstraum erinnernd, wird es zunehmend ernst, wenn große Trommel und Pauken das Schicksal beschwören. Wie leider so oft, brach am Ende des grandiosen Satz auch in Wuppertal der Applaus los, worin der Beginn des traurigen und elegischen Schlußsatzes (Adagio lamentoso) zunächst unterging. Es spricht einiges dafür, daß Tschaikowski sich hier sein eigenes Requiem geschrieben hat. Sein Leben lang hatte er unter Depression und Angstzuständen gelitten, kam wohl mit seiner Homosexualität überhaupt nicht zurecht, hatte bei persönlicher Unsicherheit gerne gestrickt oder Konzertprogramme zerkaut und stets viel Alkohol getrunken. Zum Glück wurde er von der reichen Frau Nadesha von Meck unterstützt, Mutter von 12 Kindern und Witwe. Sie zahlte ihm eine jährliche Dauerrente von 6000 Rubeln. Er liebte sie platonisch und starb mit ihrem Namen auf den Lippen. Wenige Tage nach der Uraufführung seiner 6. trank Tschaikowski wohl in suizidaler Absicht Newa-Wasser, während in St. Petersburg die Cholera grassierte. Schon seine Mutter war knapp 40 Jahre zuvor an der Cholera gestorben. Er entwickelte die typische Symptomatik mit Durchfällen, Erbrechen, Fieber, Nierenversagen und verstarb. Hätte Tschaikowski den nach leisem Bläserchoral über ersterbendem, punktiert pulsierendem Bassorgelpunkt losbrechenden, tosenden Applaus in Wuppertal erlebt, wäre vielleicht der Suizid verschoben worden. Ein großer Konzertabend.


Foto © Sven Lorenz

Nachtrag: Choleraepidemien hatten sich im Gefolge der Klimakatastrophe nach dem Ausbruch Vulkans Tambora über Indien weit ausgebreitet und auch Europa im 19. Jahrhundert mehrfach heimgesucht. Auch die Choleraepidemie in St. Petersburg kam über Indien und 1892 auch nach Hamburg: Dort gab es knapp 9000 Tote innerhalb weniger Wochen. In Kalkutta hatte Robert Koch 1882 die Cholerabakterien entdeckt und als Krankheitserreger identifiziert.