Wiglaf Droste ist tot

Eine Verneigung vor einem Gro▀meister der Sprache und Satire

von Frank Becker

Wiglaf Droste - Foto © Frank Becker

Wiglaf Droste ist tot
 
Eine Verneigung vor einem Großmeister der Sprache und Satire
 
Von Frank Becker
 
Ich war nie ein Jünger des Verzichts
und gab, wie ich es nahm und wie es kam,
im Fall des Falles immer alles,
und eines Morgens kommt das große Nichts.
(Wiglaf Droste „Autobiografie“)
 
Daß Wiglaf Droste in seiner Disziplin, der Satire, ein Großmeister und im Leben ein den Genuß schätzender Faun war, hat einst Hans Traxler trefflich umgesetzt. Wer Droste ein wenig kannte, wird das mit anerkennender Zustimmung registrieren. Der große Satiriker, Gourmet und Menschenfreund ist vorgestern im Alter von nur 57 Jahren gestorben.
 
Drostes Prosa ist wie seine Lyrik pures Vergnügen. Elegant führte er das Florett des Wortes, setzte es dessen Gegnern an die Gurgel - und schonte keinen. So bitten wir uns das aus. Das liest sich genußvoll weg und will kurz drauf wieder gelesen werden. Man fühlt sich gut aufgehoben bei einem Autor, der selbst in die Hand beißt, die ihn füttert, wenn sie dazu reizt - was ihn sympathisch macht. Auch daß er keiner von diesen notorischen Gutmenschen war, die mit ihrer Glorie nerven, kann ihm auf die Haben-Seite der Bilanz geschrieben werden. Kaum mochte ich es glauben, als Wiglaf Droste, der bei Lesungen gerne derbe Wanderschuhe zu grob gewirkten Segeltuchhosen trägt, einmal im Gespräch durchblicken ließ, daß er und Dr. h.c. mult. Marcel Reich-Ranicki die einzigen Männer seien, die beim Übereinanderschlagen der Beine kein weißes Beinfleisch zeigten. Ein Ästhet. Da kann man ihn verstehen, wenn er mitunter die Haßkappe aufsetzte und möchte auch so ein Hütchen haben.
 
Die gewährte und die verwehrte Liebe, die gehabte und die erträumte gehörte zu seinen Lebensthemen. Wer wüßte da nicht mitzusehnsüchteln. Das Universum Frau, ihre Brüste und Küsse, ihre Launen und Liebes-Qualitäten wußte Doste fein zu besingen. Da müssen Politik und Gesellschaft, Sport und Philosophie, Wetter und ferne Länder bescheiden in die zweite Reihe treten. Allenfalls die gute Küche kommt da noch mit.
Wiglaf Droste lesen ist, ich schrieb es oben, ein Genuß. Er war Feingeist und Edelfeder. Seine satirischen Beobachtungen der Welt, in der wir so herumleben, auch der mehr und mehr verkommenden Sprache und seine ätzende Kritik an allem, was den Menschenverstand ansonsten meist unwidersprochen belästigt, tun wohl, gehen runter wie Öl. Seine feinen Gemeinheiten und seine scharfen Hiebe sitzen. Wer davon nicht getroffen wird, darf sich freuen. Grämen muß sich jedoch jener, auf den seine Sottisen zielen. Wiglaf Drostes in etlichen Bänden gesammelten Texte sollten folglich in keinem Haushalt fehlen.
Wer darüber hinaus die Gelegenheit hatte, den Wortkünstler bei einer seiner Lesungen zu erleben, durfte sich glücklich schäzen – es vermehrte den Genuß. So man dazu aber nicht die Gelegenheit hatte, stehen auch Tondokumente zur Verfügung für die der Autor seine Texte höchstselbst gelesen hat.
 
Wiglaf Droste war ein über die Maßen wortreicher Sprachmächtiger, ein nachgerade hemmungsloser, dabei sich nicht wiederholender Vielschreiber und überdies redegewandter Interpret seiner eigenen Texte – und er unterschied sich als solcher von ungezählten fürchterlichen Amateuren der deutschen Schrift- und Literatursprache in einem nicht unwesentlichen Punkt: er wußte, worüber er schrieb, wovon er sprach, was er entlarvte, worüber er, anstatt in wortlose Verzweiflung zu fallen, seine berechtigte Häme ausgoß. Die fielen seiner energischen Gegenwehr, seinem Sprach-Shredder zum Opfer, wurden bloßgestellt, gebrandmarkt, vernichtet, nämlich die Schindluder mit der wunderbaren deutschen Sprache durch gewissenlos verfehlten Gebrauch treiben, all die Teamplayer, No-Goer, Paket- und Doppelpack-Packer, Super-Sager, Draußen-nur-Kännchen-Servierer, Vorhaut-Beschneider, Gepiercten, Tätowierten und Schnäppchen-Jäger.
 
Gut, daß es Wiglaf Droste gab. Er versöhnte den an der Welt Leidenden mit dem Leben, indem er dummer Politik, schlechten Sängern, blöden Sprachgewohnheiten, unverständigen Sicherheitsbeauftragten und schwatzhaften Gastgebern auf den Pelz rückte. Den machte er ihnen ordentlich naß. Denn wo von ihm gerügt wurde, fielen deutliche Worte, und wenn man Droste zuhörte, wußte man: jetzt kommt die Welt wieder in Ordnung. Genau jetzt. Zumindest verbal. Für diesen Moment. Droste rückte Dinge, Umstände und Menschen an den Platz zurück, der ihnen bestimmt ist, den sie oft mutwillig und mit Hybris verlassen haben. Zwar sind die Betroffenen oft und gewiß anderer Meinung - aber im Unrecht. Es ist eben wie es ist, und es sind Binsenweisheiten: Bauknecht weiß, was Frauen wünschen, und Droste wußte, wo Bartel den Most holt. Daß er dabei mit voller Absicht diesem oder jener gediegen auf die Füße trat, vor schmerzlichen Wahrheiten keineswegs haltmachte und sich mutig dem Irrenden in den Weg stellte, hebt auch weiterhin des Lesers und Hörers Mut zum entschlossenen eigenen Widerstand.


Wiglaf Droste und Fritz Eckenga - Foto © Frank Becker

Als Wiglaf Droste im September 2013 mit allem Recht mit dem Peter Hille-Preis, dem „Nieheimer Schuhu“ ausgezeichnet wurde, sagte sein Freund Fritz Eckenga in seiner Laudatio unter anderem:
„Wiglaf sagt selbst, daß es vor allem Notwehr in eigener Sache ist, wenn er gegen die Lärmbolde, Angeber und Schaumacher anschreibt. Dabei erfindet er übrigens dauernd neue, ganz wunderbar treffende Wörter. Zu meinen Lieblingen gehören „Hochnasibert“ und „Herrenpimpel“. Droste schreibt, „Wie sollte man das Leben anders aushalten, als wenn man es sich als Komödie einrichtet“ und führt weiter aus, daß es seinen Eigen-Schmerz lindere, wenn er seinen Peinigern mit Humor begegne – und, das füge ich jetzt hinzu, wenn er sie sich auf hohem, ihnen eigentlich also gar nicht angemessenen Niveau zur Brust nimmt.
 
Wiglaf Droste darf „alter Sack“ zu mir sagen. Und zwar ohne, daß es danach zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommt. Persönliche Nähe – eigentlich keine gute Voraussetzung für eine Laudatio, mit der der Lobredner ja vor allem die Preiswürdigkeit des Preisträgers beglaubigen und begründen soll. Dazu wäre nach herkömmlichen Maßstäben etwas mehr Abstand nützlich. Die Qualität der Arbeit Wiglaf Drostes, sein literarisches Werk, in bisher rund 40 Büchern, CDs und Hörbüchern veröffentlicht (heute sind es noch wesentlich mehr, Anm.d.Red.), seine langjährige Arbeit als Mitherausgeber der kulinarischen Kampfschrift >Häuptling Eigener Herd<, als Kolumnist, derzeit für die Tageszeitung Junge Welt und für Folio, dem Magazin der Neuen Züricher Zeitung, seine regelmäßigen Auftritte als Tournee-Reisender, als, wie er selbst sagt „Nomade im Speck“, als Vortragender seiner Texte, als Sänger, als Rundfunk- und Hörbuchsprecher, all das muß ja, unhabhängig davon, ob man dem Künstler persönlich nahe ist, für gut befunden werden können. Das kann es. Und das ist es auch längst: Vom Publikum, von ernstzunehmenden Kritikern, von Jurys, die Literatur-Preise vergeben. Heute von der Peter-Hille-Gesellschaft.
 
Und ich wäre auch Fan von Wiglaf Droste, wenn ich ihn nicht persönlich kennengelernt hätte.
Er begeistert mich vor allem damit, daß er schwafelfrei zur Sache kommt. Er eiert nicht rum, schreibt auf den Punkt, macht mir seine Gedanken klar, ist also verständlich. Seine Texte sind nie zu lang, höchstens zu kurz. Wenn, dann liegt es meistens daran, daß in der Zeitung, in der sie zuerst veröffentlicht werden, nicht genug Platz ist. Dann muß man solange warten, bis sein neues Buch kommt. In dem steht dann die ungekürzte Fassung. Das neueste Buch ist übrigens gerade in der Berliner Edition Tiamat erschienen und heißt „Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv“.
Wiglafs Drostes Texte sind für mich auch deswegen beste Unterhaltung, weil in ihnen das Notwendige in schöner und phantasievoller, niemals kitschiger Sprache gesagt wird.
Ja, es gibt reichlich Grund zur Klage und eigentlich keinen, nicht schwarz zu sehen. Ja, gegen die Dummheit ist so gut wie kein Kraut gewachsen. Ja, der allgegenwärtige Lärm der Schwafler und Wichtigtuer ist unerträglich. Aber der klügere - Droste - gibt nicht nach, sondern wehrt sich, intelligent, leidenschaftlich, humorsatt, poetisch.“
 
Das Leben aber ist doch nichts
für Händefalter und für Seitenscheitelkämmer
Denn dieses sind die Lehren aus der
Magnum von Mike Hammer:
Die andre Wange jesusmäßig hinhalten
ist Quatsch mit Soße
In seine Feinde soll man Löcher machen,
und zwar große.
 
Nun heißt es zur Unzeit Abschied nehmen von einem, der die Dummheit der Welt gesehen und unverblümt beschrieben hat, wie kein anderer - und der sie dennoch geliebt hat wie kein zweiter. Seine Bücher und Sprachaufnahmen sind kostbares Vermächtnis. Verneigen wir uns von einem Denker, Dichter und (sic!) Droste-Preisträger mit seinen eigenen Worten:
 
Das Ich und der Kosmos
 
Am Himmel stehen die Sterne
Sie leuchten nur für mich
Sie haben mich auch noch gerne
Ich glaube, die sind nicht ganz dicht.
 
 
Einiges mehr über Wiglaf Droste finden Sie → hier.