Auch deutsche Schwänke könnten die bekannte Handbreit über dem Boden tänzeln…

„Der Raub der Sabinerinnen“ im Volkstheater Wien

von Renate Wagner

Wien / Volkstheater Bezirke / Theatersaal Längenfeldgasse:
Der Raub der Sabinerinnen
von Franz und Paul von Schönthan

Premiere: 26. Februar 2019,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 27. Februar 2019
 
Der Schwank-Klassiker (auch so etwas gibt es, von „Pension Schöller“ bis zum „Raub der Sabinerinnen“) hatte für die Bezirkstournee des Volkstheaters eine besondere Funktion. Erstens wieder einmal ein Stück, von dem man mit Sicherheit annehmen kann, daß es dem Publikum gefällt. Und außerdem muß Doris Weiner für die ungeheure Arbeit, die sie als Leiterin des mobilen Unternehmens leistet, zumindest einmal pro Saison „belohnt“ werden. Mit einer „Zuckerl-Rolle“. Nun ist der sächselnde Theaterdirektor Striese aus den Federn der Brüder Schönthan eindeutig eine Männerrolle, aber wir leben in einem Zeitalter sich auflösender Genderzuschreibungen. Zudem redet er (fast so wie Columbo) dauernd von seiner Ehefrau. Also – Doppelrolle für die Außenbezirks-Chefin.
 
Und wenn schon, denn schon, dürfte sich Regisseur Lukas Holzhausen mit der Dramaturgie geeinigt haben. Wenn schon eine Schauspielerin für zwei Rollen – warum dann nicht öfter? Freilich, daß Haushälterin Rosa und der flotte Schwiegersohn von ein- und demselben Darsteller gespielt werden, das ist eine Herausforderung. Dazu haben beide Gollwitz-Töchter eine Darstellerin (Perücken und Körpersprache reichen), und ein Liebhaber und sein Vater werden auch von einem Schauspieler verkörpert (Perücken und Körpersprache reichen). Nur Prof. Martin Gollwitz, der als Jugendsünde das Theaterstück „Der Raub der Sabinerinnen“ geschrieben hat und den Lockungen des lebendigen Theaters nicht widerstehen kann, und Gattin Friederike müssen sich nicht „verdoppeln“. Alles in allem – das logistische Kunststück einer Inszenierung. Schade, daß sie trotzdem ziemlich länglich wirkt. Schauspieler herumhetzen und Komödientempo erzielen, das ist nicht ein- und dasselbe… Obwohl die nüchtern-glanzlose Szenerie (Bühne Sofia Korcinskaja / Kostüme Valentina Mercedes Obergantschnig) eigentlich einen guten Rahmen für Schwank-Tohuwabohu abgäbe.
 
Doris Weiner ist Striese. Als Mann schmächtig, aber das macht nichts. Sie sächselt gut, überzieht es aber nicht (Gott, haben ihre männlichen Kollegen, von Maxi Böhm bis Muliar, da herrlich „geschmiert“). Das große Hohelied auf die Schmiere als Lebensform hält sie mit applausbringender Verve. Nach der Pause weiß man dann, was das Programmheft mit der Ankündigung „mit Überschreibungen von Anja Herden“ meint: Die hat nämlich eine Szene dazu geschrieben, Inhalt: Frau Striese probt (weil ihr Mann nicht da ist). Theaterspäße, nicht wirklich umwerfend. Für die Weiner eine hübsche kleine Szene. Sie verlängert bloß den zerdehnten Abend noch weiter.
Den größten Gewinn aus der Verdoppelung zieht David Oberkogler, ein Schauspieler, den man so gut wie nie in Wien auf der Bühne sieht. Wann immer man ihm in Reichenau begegnet, weiß man, daß das ein Verlust ist. Nun hat er zugegriffen – der Charlie’s Tante-Effekt (obzwar nur in Küchenschürze) als theatersüchtige, am Familienleben heftig Anteil nehmende Rosa; und ein ganz normaler, gequälter Ehegatte und Schwiegersohn. Manchmal wird auf die Verdoppelung hingewiesen – müßte nicht sein.


Der Raub der Sabinerinnen -  Michael Abendroth, Bettina Ernst - Foto © Barbara Pálffy Volkstheater

Das Publikum könnte es bei den anderen Darstellern möglicherweise übersehen, wenn sie es nicht im Programmheft gelesen haben: Bei ihm nicht. Er genießt sein Virtuosenstück, verzichtet aber (metaphorisch) aufs Hüftenwackeln. Das ist eine sehr, sehr gelungene Leistung.
Auch Katrin Grumeth differenziert die beiden doch sehr verschiedenen Schwestern – die nervende ältere, die verliebte jüngere – sehr überzeugend. Noch besser ist Günther Wiederschwinger als seriös-bürgerlicher Vater und hippiemäßig gewandeter und agierende Sohn: Wenn man es nicht wüßte… es könnten zwei verschiedene sein. Was kann man von einem Schauspieler schon mehr verlangen?
Michael Abendroth genießt den Professor Gollwitz. Der Mann geht nach und nach vor Nervosität aus dem Leim (das Theater mag auf Bürger eine solche Wirkung ausüben), und das gelingt ihm königlich. Die Ehefrau hat nicht wirklich viel zu vermelden, dafür hat man Bettina Ernst im zweiten Teil eine Betrunkenheits-Szene erlaubt, die fast schon schamlos (und virtuos) ist. Kommt aber zu spät, heizt den Abend nicht mehr so richtig auf.
Seltsam, daß man einer theoretisch so gelungenen Idee, die so gut umgesetzt ist, zusieht – und trotzdem war’s erdenschwer. Auch deutsche Schwänke könnten, wie französische Farcen oder britischer Slapstick-Boulevard, die bekannte Handbreit über dem Boden tänzeln…
 
Renate Wagner
 
 Weitere Informationen:  http://www.volkstheater.at