Wie man gesehen werden will

von Hanns Dieter Hüsch

© Jürgen Pankarz
Wie man gesehen werden will

Also ich
ich weiß nicht ob Sie das wissen
ich bin ja ein ziemlicher Schlunz
jedenfalls sagt das mein Frau immer
ich mein
en bissken is da schon dran
zum Beispiel: wenn ich so viel unterwegs bin
kommt immer wat weg
entweder ich laß en Hemd im Hotelschrank hängen
oder mein Mantel
wenn ich nach Haus komm
da is en Knopp von ab
oder noch schlimmer: de Knopp is weg
und die Stell ist regelrecht eingerissen
und ich weiß überhaupt nicht wie das gekommen ist
oder mein Schal ist plötzlich weg
Weihnachtsgeschenk auch noch
also ich sage Ihnen
oder ich hab auf einmal einen Strumpf zu wenig
also da komm ich ja sowieso schon seit Jahren
nicht mehr mit zurecht
also ich fahre los und nehme
sagen wer mal 10 Paar Socken mit
und wenn ich die wechsel, dann stülp ich die gebrauchten
wieder zusammen
und die werden dann gewaschen
und wenn die dann gewaschen sind
dann stülp ich die wieder neu zusammen
also vorher sortier ich die
und dann stellt sich raus:
einer bleibt immer übrig!
ganz merkwürdig
ich hab jetzt schon acht
die alle einzeln übrig geblieben sind
und ich denk schon immer: aha
das ist der Zweite von dem einen
der voriges Mal übrig geblieben ist
nix
es ist ein ganz neuer Übrigbleiber
also da geht was nicht mit rechten Strümpfen zu
und das Schlimme ist
daß ich stark befürchte daß ich wieder mal der Einzige bin
dem das so geht
und ich frage Sie
was will ein anderer mit meinem einen Strumpf?
das kommt soweit
daß ich eines Tages zwei völlig verschiedene Socken
zusammen anziehen muß
gottseidank sind ja meine immer schwarz oder dunkelblau
da fallt das nicht so auf
aber eigentlich wollte ich Ihnen das gar nicht erzählen
aber es macht mich ziemlich fertig
und meine Gefährtin kann sich das überhaupt nicht erklären
und wenn Gefährtinnen sich etwas überhaupt nicht erklären können
dann geht man ihnen besser aus dem Wege
auch wenn ich Ton in Ton gekleidet bin
gefällt ihr das gar nicht
ich gehe ja sehr gerne so in Anthrazit-Grau oder Schwarz
oder ganz dunkelblau von oben bis unten
das hat sie nicht gern
sie möchte alles immer aufgelockert haben
nicht so duster, sagt sie dann immer
aber für mich ist das eine Stilfrage
ich geh gerne von Kopf bis Fuß in einem Ton
d.h. ich hab schon etwas nachgegeben
aber in einem Ton das macht auch schlanker
die Frieda wollte mich ja immer früher
in einer Kombination sehen
regelrecht in eine Kombination stecken
wenn ich das Wort Kombination schon höre
geht mir jedes Vaterlandsgefühl flöten
und zwar Kombination:
so mit Gabardin-Hose in beige
und einer handfesten Tweedjacke
leicht kariert
als wär ich stets auf dem Weg zum Golfplatz.
nee nee!
ich möchte gerne ganz schlicht gesehen werden
so wie früher die Engländer:
dunkelgraue Röhrenhose aus zerknittertem Flanell
aber immer immense Trinkgelder geben
und dann in einem ganz schlichten
dunkelblauen Kaschmir-Mantel-Zweireiher
zufällig einen zweiten Strumpf wiederfinden
denn ich schon seit Jahren vermisse
der aber immer noch mein Lieblingsstrumpf ist.

Hanns Dieter Hüsch

 
© Chris Rasche Hüsch
Veröffentlichung aus „Zugabe" in den Musenblättern mit freundlicher Genehmigung
Die Zeichnung stellte freundlicherweise Jürgen Pankarz zur Verfügung.