Ein Grandseigneur am Fl├╝gel

Daniel Barenboim mit 4 Klaviersonaten beim Klavier-Festival Ruhr in Bochum

von Johannes Vesper

Daniel Barenboim - Foto © Peter Adamik

Klavier-Festival Ruhr
 
Daniel Barenboim mit 4 Klaviersonaten in Bochum
 
Von Johannes Vesper
 
Das Anneliese Brost Musikforum in Bochum gehöre zu den zehn schönsten Konzertsälen der Welt, hieß es 2016. Seit der Eröffnung im Herzen des Ruhrgebiets nutzt das Klavier-Festival Ruhr den Saal, der gerade auch für Kammermusik wegen seiner klaren Akustik und der Nähe des Publikums zum musikalischen Geschehen besonders geeignet scheint. Daniel Barenboim, der musikalische Weltbürger par excellence, war jetzt zum 28. mal im Rahmen des Festivals an der Ruhr zu hören. Sein Leben lang - inzwischen ist er Mitte 70 - hat er sich mit Beethoven beschäftigt, insgesamt drei Gesamtaufnahmen der 32. Klaviersonaten eingespielt. Jetzt spielte er vier: die Sonate Nr. 16 in G-Dur op. 31/1, Sonate Nr. 14 in cis-Moll op. 27/2 »Mondscheinsonate«, Sonate Nr. 6 in F-Dur op. 10/2 und die Sonate Nr. 31 in As-Dur op. 110. Sein Vater hat nicht viel falsch gemacht. Er alleine hat ihn am Klavier unterrichtet und mit 7 Jahren trat Daniel erstmalig als Pianist in seiner Heimatstadt Buenos Aires auf, jetzt also in Bochum (08.02.2019).
 
Zur Einstimmung erklang die eher selten gespielte Sonate G-Dur op. 31.1. In kurzen Staccato-Akkorden erklingt das Drei-Ton-Thema. Flinke Sechzehntel wechseln ab mit punktierten Achteln. Episoden mit Orgelpunkt und übergreifenden Händen werden unterbrochen von Intermezzi im Pianissimo oder einem flotten Ländler. Das Arioso des langsamen Satz spart als gesangliches Adagio grazioso nicht mit umspielenden Verzierungen. Plötzliche Tonartwechsel bringen andere Farben. Über und unter schroffen Akkordrepetitionen werden thematische Fragmente eingeworfen. Überraschend, nahezu humorvoll, endet die Sonate im Piano. Von der persönlichen Tragik des schon ertaubenden Beethovens, die im „Heiligenstädter Testament von 1802 kulminiert, ist hier nichts zu merken. Der Zuhörer wundert sich, daß dieser gefälligen Sonate die leidenschaftliche Mondscheinsonate (Nr. 14 op. 27.2) von 1801 zeitlich unmittelbar voranging, Im jetzigen Konzert wurde also die zeitliche Reihenfolge der Kompositionen umgedreht. Er widmete sie seiner zauberhaften 19 jährigen Klavierschülerin, der Gräfin Giulietta Giucciardi. Leise beginnt die Sonate ungewöhnlich als Adagio sostenuto. Unter, dann auch über ruhigen Triolen spiegelt sich, langsam voranschreitend, das punktierte Thema. In diesem Adagio, einem der herrlichsten, großen langsamen Sätze der Musik dieser Zeit, hören wir in das Innere, in die Seele des dreißigjährigen Ludwig und der Interpret läßt uns teilnehmen an seinem intensiven Gespräch mit dem Flügel, welches überirdisch die Romantik erahnen läßt. Das Allegretto des 2. Satzes in Des-Dur, enharmonisch verwechselt mit cis-Moll, passiert im ¾ Takt eleganter und leichter des Zuhörers Ohr, vielleicht stabilere Verhältnisse widerspiegelnd. Schrieb Ludwig doch damals seinem Freund: „Oh es ist schön, das Leben, tausendmal leben“. Aber strepitoso - bricht im letzten Satz leidenschaftlich- getriebenes Presto agitato aus, womit er die Klaviermusik in das 19. Jahrhundert katapultiert. Immer wieder stürmt die Musik nach oben, enden die Phrasen mit heftigen Akkorden. Barenboim deutet dirigentisch und temperamentvoll die große Linie der Musik mit lebendiger Agogik und starker Dynamik aus. Gerne hätte man vor Jahrzehnten den jüngeren Barenboim mit dieser grandiosen und hochvirtuosen Musik schon gehört.


Anneliese Brost Musikforum in Bochum - Foto © Johannes Vesper

In der Pause wandelten wir in der zum Foyer des Musikforums umgebauten ehemaligen St. Marienkirche und ließen die glanzvolle Karriere des Künstler als Pianisten, als Dirigent und als Homo politicus Revue passieren: Dirigierdebut 1967 in London, Debut als Operndirigent 1973 in beim Edinburgh Festival 1973, 1981 erstmalig in Bayreuth, bis 1999 dann jährlich. 1991 -2006 Chefdirigent des Chicago Symphonie Orchestras, seit 1991 Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. 1999 gründete er zusammen mit dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said das West-Eastern Divan Orchestra, in dem jedes Jahr junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern zusammen musizieren. Der Name wurde gewählt in Anlehnung an Goethes West-östlichen Divan, der 1819 erschienen ist. In den palästinensischen Gebieten förderte er die Gründung eines Konservatoriums und einen Musikkindergartens, in Berlin die Barenboim-Said Akademie für junge Musiker aus dem Nahen Osten
 
Der 2. Teil des ausverkauften Konzertes beginnt mit der Sonate Nr. 6 in F-Dur op. 10/2. Ludwig Verhältnis zum weiblichen Geschlecht blieb sein Leben lang problematisch. Ein stabiles Verhältnis hat er zu keiner der vielen von ihm verehrten Frauen, auch nicht zu seiner „fernen Geliebten“ entwickeln können. Gelegentlich hat er später auch Prosituierte besucht. Über ein Verhältnis zur Frau seines Gönners, Gräfin Anna Margarete von Browne ist nicht viel bekannt. Ihr widmete Ludwig aber diese, wie auch die beiden anderen des op. 10 (1796-1798). Seit 1792 lebte er in Wien, hatte über seinen Förderer, den Fürsten Lichnowski, alle wichtigen Menschen im Wiener Musik- und Adelskreisen kennengelernt und betrat mit seinen frühen Sonaten nach Unterricht bei Josef Haydn, Johann Georg Albrechtsberger und zuletzt bei Antonio Salieri selbst die Wiener Musikszene. Seine 6. Sonate in F-Dur erscheint nicht unfreundlich. Schubert wird das besinnliche f-Moll Allegretto des 2. Satzes gekannt haben, als er seine Impromptus schrieb. Der letzte Satz stürmt im flotten Fugato virtuos vorüber.
 
Mit der Sonate Nr. 31 As-Dur op. 110 (1822), der mittleren der drei letzten Sonaten, fand Ludwig, inzwischen stocktaub und dadurch trotz Gebrauch eines Hörrohres persönlich isoliert, mit „seinem überall zerrissenen Herzen auf sich selbst zurückgewiesen“, zu seinen großen späten Werken (Missa solemnis, 9. Sinfonie, Diabelli-Variationen). Als Pianist schon eingeschränkt, lehnte er infolge seines schlechten gesundheitlichen Gesamtzustandes eine Einladung nach England ab. Rheumatische Schmerzen, Gelbsucht (wahrscheinlich eine Hepatitis A), Durchfälle hatten die „Ausbeute seiner Kunst“ eingeschränkt. Johannes-Brunnen-Wasser, Bäder, damals medizinischer Standard, auch Arztwechsel halfen kaum.
 
In der vorletzten Sonate Beethovens verhindern der immer wieder stockende musikalische Fluß, die emotionale Eruptionen oder in den Zäsuren musikalische Implosionen eine systematische Entwicklung der musikalischen Gedanken. Charakteristisch für Beethoven laufen Themen und Motive zeitlich verschoben immer wieder hinter sich selbst her. Musikalische „Konventionstrümmer“ wechseln mit der „Gewalt der Subjektivität“ (Adorno), wenn im fünfteiligen letzten Satz zunächst das Adagio ma non troppo, eine schmerzhafte rezitativische Beethovensche Klavierklage die Szene beherrscht und vom melancholischen Arioso dolente abgelöst wird. Später wird der ernste Baß, indem sich die hoch erhobene linke Hand auf die Klaviatur stürzt, das Geschehen beherrschen, bevor der Satz in leisem Dur „perdendo“ endet. Nach zögerlichem Zusammensuchen der Töne des Themas nimmt das System der Fugen Fahrt auf hin zum glanzvollen Schlußarpeggio. Tosender Applaus, stehende Ovationen, Blumen, die der Grandseigneur bescheiden entgegen nimmt. Keine Zugabe. Zuletzt blinzelt er nur noch um die Ecke und schließt den Deckel des Flügels.


Barenboim lugt... -  Foto © Johannes Vesper