So ein Donk!

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ in einer Inszenierung von Henner Kallmeyer

von Frank Becker

v.l.: Miko Greza, Julia Wolff, Philippine Pachl, Julia Meier, Konstantin Rickert - Foto © Uwe Schinkel

So ein Donk!
 
„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“
in einer Inszenierung von Henner Kallmeyer
 
Inszenierung: Henner Kallmeyer - Musikalische Leitung: Johannes Pell - Bühne: Franziska Gebhardt - Kostüme: Silke Rekort - Dramaturgie: Elisabeth Wahle, Peter Wallgram - Bühnenkampf: Klaus Figge - Choreografie: Sophia Otto - Regieassistenz: Barbara Büchmann
Besetzung: Julia Meier (Aschenbrödel) - Julia Wolff (Stiefmutter) - Philippine Pachl (Stiefschwester Dora) - Konstantin Rickert (Prinz / Vinzek) - Miko Greza (Präzeptor / Kleinröschen) - Barbara Büchmann (Bär)
 
Wohl jeder kennt das Grimmsche Märchen vom Aschenputtel (KHM 21), und sogar noch als Erwachsener empört man sich über die Ungerechtigkeit, die dem armen Mädchen widerfährt. Aber man ist auch zufrieden mit dem guten Ende, wie es halt einem Märchen für Kinder gebührt. Die tschechische Schriftstellerin Bo˛ena Němcová hat den Stoff 23 Jahre nach der Erstveröffentlichung 1819 für ihr Märchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ übernommen, und der Regisseur Václav Vorlíček hat 1973 daraus in einer CSSR/DDR-Produktion den gleichnamigen Film gemacht, der bis heute ein TV-Dauerbrenner ist und jedes Jahr um die Weihnachtszeit von etlichen Sendern gezeigt wird.
Gegen diese visuelle Erinnerungsmacht – denn jedes kleine und große Kind hat den äußerst gelungenen Film wohl –zigmal gesehen - muß sich eine Bühnenfassung behaupten. Regisseur Henner Kallmeyer hat es mit der Original-Filmmusik von Karel Svoboda (eingespielt vom Sinfonieorchester Wuppertal, Leitung: Johannes Pell), einer erheblich reduzierten Personnage und inhaltlich gekürzt für das Familienstück der Wuppertaler Bühnen zum Jahresschluß unternommen.


Julia Meier, Konstantin Rickert - Foto © Uwe Schinkel

Mit der temperamentvollen Julia Meier als Aschenbrödel tat Kallmeyer einen Glücksgriff. Durch ihre sympathische Erscheinung beherrscht sie jederzeit die Bühne, ist der Mittel- und Angelpunkt des Geschehens und überzeugt mit Charme, Chuzpe und Pfiffigkeit. Als unterdrückte Magd oder ruppige Jägerin überzeugt sie ebenso wie als strahlende Tänzerin und Braut. Der flotte Stockkampf mit dem Prinzen (Konstantin Rickert) zeigt einen weiteren Ausschnitt ihres großen Talents. Dagegen bleibt Konstantin Rickert – nicht nur als Prinz beim Kampf – recht farblos inszeniert, ein wenig zurück. In der kleinen Rolle als Vinzek kann er mehr seines Könnens zeigen. Julia Wolff gibt energisch-souverän bis zur jämmerlichen Niederlage die schrille Stiefmutter. Da wir in Kallmeyers Version auf König und Königin verzichten müssen, liegt deren königliche Nicht-Präsenz auf den Schultern des Präzeptors, dem Miko Greza als Sympathieträger mit Augenzwinkern facettenreich Gestalt gibt – er füllt seine humorvolle Rolle mit Witz und Grandezza. Als urkomisches Schmankerl darf er auch noch das Kleinröschen obendrauf setzen.


Philippine Pachl, Konstantin Rickert - Foto © Uwe Schinkel

Und doch stiehlt eine allen anderen die Show: Philippine Pachl hat als Stiefschwester Dora die wohl dankbarste Rolle, kann sie doch im Wandel von Gehässigkeit zu ehrlicher Empathie mit hinreißendem Witz alle Register ziehen. Und das tut sie wahrhaftig – chapeau!
 
Was der 70minütigen Inszenierung in dem wenig inspirierenden Bühnenbild (Franziska Gebhardt) fehlt, ist wirklicher Schwung und etwas, das ich, durchaus positiv gemeint, Kinderkitsch nenne. Zu wenig süße Träumerei ist für die kleinen Zuschauer eingebaut, zu wenig gelungen sind die optischen Gags durch Projektionen und Licht. Da müßte viel früher als beim bescheidenen Glitzerschnee vom Bühnenhimmel zum Happy End hin und wieder ein Aaah! oder Ooooh! aus dem Publikum zu hören sein. Und die Schneebälle platzten nicht. Doch durchaus reicher Applaus (bei dem der Bär - Barbara Büchmann - nicht die Maske fallen ließ) belohnte schließlich die schönen Kostüme (Silke Rekort - nur wer kam auf die kreuzdumme Idee, Dora in Unterwäsche mit Panier im kalten Winterwald auftreten zu lassen?) und vor allem die engagierte Leistung der Darsteller.


Julia Meier, Konstantin Rickert - Foto © Uwe Schinkel

Die Filmmusik von Karel Svoboda wird an ausgewählten Terminen im Opernhaus mit dem Sinfonieorchester auch live zu erleben sein.
 
Weitere Informationen: www.wuppertaler-buehnen.de